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Liebe
Leserinnen und Leser, vielleicht hätte man „Entweltlichung“
als Unwort des Jahres 2011 vorschlagen sollen. Die Chancen wären gut gewesen.
Papst Benedikt besuchte Deutschland, hielt 17 Ansprachen und entschwand dann in
Richtung Rom. Rückfragen an den Pontifex waren nicht zugelassen, und selbst als
der Bundespräsident persönlich das Thema „Umgang mit Gescheiterten“
ansprach, wurde er freundlich ignoriert. Entweltlichung So diskutierte die Nation wochenlang
über die Sinnhaftigkeit des Papstbesuchs und vor allem darüber, was der
Stellvertreter Christi auf Erden denn nun gemeint hatte, als er in Freiburg über
die Kirche sagte: „Um ihre Sendung zu
verwirklichen, wird sie immer wieder auf Distanz zu ihrer Umgebung gehen, sie
hat sich gewissermaßen zu ent-weltlichen". Ein Fernsehjournalist vermutete
unmittelbar nach der Ansprache in Freiburg, nun würde der staatliche Einzug der
Kirchensteuer abgeschafft. Erzbischof Robert Zollitsch behauptete in Vertretung
der deutschen Bischöfe, der Papst wollte einen Appell an die Christen richten,
nicht zu viel Wert auf irdische Güter zu legen. Von einer Abschaffung der
Kirchensteuer wollte Zollitsch aber nichts wissen. Wieder andere spekulierten,
von nun an gebe es in Eucharistiefeiern nur noch den Tridentinischen Ritus, und
der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, Albert Schmid,
interpretierte die Aussage des Papstes als Hausaufgabe für die Katholiken,
„die Voraussetzung für den Weltdienst der Laien sichtbar zu machen, und nicht
eine Verabschiedung aus der Welt“. Nach so
vielen Irritationen ist der Begriff Entweltlichung gewissermaßen zum
Symbolbegriff für den gesamten Papstbesuch geworden, der Fragen über Fragen
offen ließ und den Eindruck vermittelte als sei Joseph Ratzinger nicht von
dieser Welt. Obwohl
die Menschen den päpstlichen Besuch an der Wirkungsstätte Martin Luthers in
Erfurt so hoffnungsvoll erwartet hatten, verspürte man auch in der Ökumene
keinerlei Bewegung. Die Aussage Ratzingers, wenn man ein „ökumenisches
Gastgeschenk“ erwartet habe, sei das ein „politisches Missverständnis des
Glaubens und der Ökumene“ gewesen, zeigte klar und deutlich, dass Benedikt
radikal an Fundamenten festhält, die in der heutigen Zeit störend – wenn
nicht gar zerstörend – wirken und den Seelenfrieden vieler Menschen
verhindern. Nach 17 Monologen sind wir so klug wie
vorher. Von Dialog keine Spur! Der weise Papst ist zu abgehoben, um sich auf
Diskussionen einzulassen. Evangelium Dabei wäre
es für Ratzinger so einfach gewesen. Statt in kompliziertester Weise die Säkularisation
als willkommene Erscheinung der Vergangenheit darzustellen, weil die Kirche
damit wieder „ihre weltliche Armut annahm“, hätte er als Vorbedingung für
alle kirchlichen Entscheidungen die Rückbesinnung auf das Evangelium verordnen
können. Diese Forderung wäre allumfassend, klar und revolutionär. Aus der
Missachtung des Neuen Testaments leiten sich nahezu alle derzeitigen Probleme
der Kirche ab, wobei die Verweltlichung noch zu den kleinsten zählt. Viel
gewichtiger erscheinen mir die personellen Schwierigkeiten. Wenn Jesus
predigte, kamen die Menschen, um ihn zu hören. Nicht weil jemand Zwang ausübte,
auch nicht weil er eine hohe Mitra und prächtige Kleider getragen hätte, auch
nicht weil seine Worte von Orgelspiel und Chorgesängen umrahmt worden wären;
die Menschen drängten zu Jesus, weil sie ihn verstanden und sich von ihm
verstanden fühlten. Die Menschen kamen, weil sie Jesus brauchten. Von welchen
Bischöfen der Gegenwart kann man sagen, dass sie menschlich, moralisch, tröstend,
Werte vermittelnd oder heilend gebraucht werden? Katholiken verstehen heute das
geschriebene Evangelium besser als die Worte und Taten derer, die die Verkündigung
und Vermittlung der Heiligen Schrift zu ihrer Lebensaufgabe erklärt haben. Die
katholische Kirche bräuchte dringend Bischöfe und Bischöfinnen, die das
Evangelium leben. Hektische
Antworten Diese
Erkenntnis spricht natürlich nicht für Papst Benedikt. Joseph Ratzinger ist
seit etwa 30 Jahren an Bischofsernennungen in der ganzen Welt maßgeblich
beteiligt und hat sich dabei offensichtlich zu sehr von weltlichen Maßstäben
leiten lassen. Was er uns in dieser Zeit als Oberhirten präsentierte, könnte -
von Ausnahmen abgesehen - in einer langen Liste von Nieten in Soutanen dargelegt
werden. Die fehlende breite Akzeptanz für
unsere Bischöfe hängt aber auch mit deren bedingungsloser Ergebenheit gegenüber
dem Papst zusammen, denn die meist weltfremden Anordnungen des Vatikans sind vor
Ort nur schwer umzusetzen. Die Sprachlosigkeit des deutschen Klerus angesichts
des päpstlichen Staatsbesuchs im September ist nur eines von vielen Merkmalen für
diesen Zustand. Es häufen sich die Fälle, in denen
interessierten Christen hektisch Erläuterungen an den Kopf geworfen werden, die
unverständlich, ja grotesk wirken, weil sie mit dem gesunden Menschenverstand
nicht begreifbar sind. Zwei von vielen Beispielen sollen die
Behauptung verdeutlichen: ·
In
der Diskussion um den Pflichtzölibat für Priester hört man neuerdings die
Aussage, der Zölibat sei „freiwillig“, weil jeder Katholik selbst
entscheiden kann, ob er Priester werden will. Dass junge Männer sowohl zur Ehe
als auch zum Priestertum berufen sein könnten, ist für den gehobenen Klerus
gegenstandslos. Wer so schwach argumentiert, sollte besser eingestehen, dass es
keine vernünftige Erklärung für den Pflicht-Zölibat gibt. ·
Im
Februar 2011 erstellten Theologen ein Memorandum zu überfälligen
Reformschritten des Vatikans. Aus deutschen Ordinariaten hört man vorsichtige
Wortmeldungen von der Art, man könne „über einzelne Punkte reden“. Wer
soll das verstehen? Keines der angesprochenen Themen ist neu. Die Katholiken
wollen schon seit 30 Jahren reden und wurden regelmäßig abgebügelt. Ausflüchte, Ausreden, Hinhaltetaktik,
Verbote; das sind Methoden, mit denen unsere Bischöfe versuchen müssen, überholte
Traditionen zu erhalten, ohne selbst von deren Plausibilität überzeugt zu
sein. Dadurch bleiben zusätzlich Authentizität und Glaubwürdigkeit unserer
„Hirten“ auf der Strecke. Kranke
Kirche Auf die
Spitze getrieben wird dieser Eindruck durch die äußerliche Zufriedenheit
unserer Bischöfe mit dem Papstbesuch. Der DBK-Vorsitzende Zollitsch meinte
sogar, die
Papstreise durch Deutschland habe „die Einheit der Kirche gestärkt“. Diese
Aussage kann unter der Rubrik „Schönreden“ abgelegt werden. Spätestens
nachdem Hans Küng vor einem Jahr das Buch verfasste, „Ist die Kirche noch zu
retten?“, müsste auch Zollitsch einräumen, dass die Kirche schwer krank ist.
Kraft und Stärke können erst nach der Gesundung aufgebaut werden, der
Papstbesuch aber hat den Heilungsprozess noch nicht einmal angestoßen. Die
katholische Amtskirche wird außerhalb der Kernfragen des Glaubens nicht mehr
verstanden. Die im Vatikan direkt oder indirekt wirkenden Kräfte, wie Opus Dei
oder Piusbruderschaft, sind mit dem Evangelium nicht in Einklang zu bringen. Ungehorsam Der
„Aufruf zum Ungehorsam“ Österreichischer Pfarrer war folgerichtig und
unausweichlich. Nach Jahrzehnten der Zurückhaltung sind starke Worte und
entsprechende Taten der einzige Weg, die erstarrte katholische Kirche wieder in
Bewegung zu setzen. Die Hierarchieebene der Bischöfe hat versagt. Jetzt muss
die Kleriker-Basis retten, was noch zu retten ist. Pfarrer Helmut
Schüller, der Initiator der Aktion, beschreitet mit seinen Mitbrüdern –
darunter sind auch bayerische – den richtigen Weg. Der Papstbesuch aber hat die Kirche
Deutschlands keinen Millimeter vorwärts gebracht. Wir Katholiken brauchen nicht
Entweltlichung, sondern Enthierarchisierung, dann könnten Wahrheit und
Wahrhaftigkeit wieder zu den Grundpfeilern der kirchlichen Gemeinschaft werden.
Ferngesteuerte Bischöfe aber verlieren ihre Persönlichkeit und werden zu
Marionetten. Verehrte Leserinnen und Leser, wird
sich in unserer Kirche jemals etwas ändern? Und wenn ja, wie lange sollen wir
noch Geduld haben? Darauf gibt es derzeit leider keine Antworten! Verkürzen Sie sich die Wartezeit und
lesen Sie die Pipeline, die Sie mit Informationen, Kommentaren und Karikaturen
zu den brennenden Themen in der Kirche versorgt und vielleicht auch ein bisschen
Trost spendet. Ich wünsche Ihnen, auch im Namen der Redaktion, ein paar Stunden
Lesevergnügen. Ihr Berthold Starzinger |
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