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„Der Papst entschuldigt sich persönlich“ oder Benedikts Mitleid 12.10.11
Oberbayerisches Volksblatt v. Sergej Schutzbach Unterwössen/Konstanz – Das ist die Geschichte von Alois Reichgruber. Er wurde als Jugendlicher in Unterwössen vom Dorfpfarrer missbraucht. Die Begegnung mit Papst Benedikt XVI. war für ihn ein Schlusspunkt nach 52 Jahren. Die
Geschichte begann vor über 50 Jahren, doch Alois Reichgruber schüttelt es noch
heute. 15 Jahre war er alt, als ihn sein Dorfpfarrer sexuell missbrauchte.
Justiz, Kirche und viele Menschen im Dorf hatten nur Ungerechtigkeiten für ihn
übrig. Jetzt hat Reichgruber, der seit 1979 in Konstanz lebt, eine Art von
Schlusspunkt finden können. In Erfurt gehörte er zu jenen fünf
Missbrauchsopfern, bei denen Papst Benedikt XVI. stellvertretend Abbitte
leistete. Die Entschuldigung hat ihm gut getan. 1959,
bei einem Skiausflug in Südtirol, passiert es. Der Pfarrer ist mit der
Dorfjugend unterwegs und nimmt den jungen Alois zur Seite, wird zudringlich.
Reichgruber muss den Geistlichen befriedigen. Und er er-innert sich bis heute
ganz genau daran, wie ihn der Gottesmann unter Druck setzt. „Bei dir regt sich
ja nichts. Die Mädchen lachen dich ja aus“, lästert der Geistliche. Halb
Kind, halb Mann, muss sich Alois auch noch Lügen anhören. Es sei „zwischen Männern
normal und nichts dabei.“ Es
bleibt nicht beim Übergriff im Skilager. Im darauffolgenden Sommer muss der
junge Fotografenlehrling für seinen Meister Dias an den damals 50 Jahre alten
Pfarrer liefern. Alois wird zum Mittagessen eingeladen, eine Absage wäre
undenkbar gewesen im Unterwössen des Jahres 1959. Der junge Gast lehnt den
angebotenen Alkohol ab und wird doch genötigt, einen Kräuterlikör
mitzutrinken, er spürt einen leichten Rausch. Wenig später zwingt der Pfarrer
ihn zu ähnlichen sexuellen Handlungen wie im Winter. Es wiederholt sich noch
einige Male in den folgenden Wochen und Monaten. Alois erlebt noch etwas
anderes: die Macht des Schweigens, der Unsicherheit, der Angst. „Mein Lehrherr
verstand nicht, warum ich mich weigerte, fertiggestellte Dias an den Pfarrer zu
liefern.“ Dabei ist er nicht allein: „Wir waren so an die zehn Jungs im
gleichen Alter, die vom Pfarrer gezwungen wurden.“ Sie sprechen untereinander
über das, was im Pfarrhaus läuft. Aber: Nicht seinen Eltern, nicht seinen
Lehrern, niemandem kann Alois sich wirklich anvertrauen. Denn der Pfarrer gilt
als unangreifbare Autorität, ist im Ort mehr beliebt als gefürchtet: Schützenkönig,
Segelflieger. Er baut das örtliche Laientheater wieder auf und erweitert die
Kirche. Davon spricht man im Dorf. Aus
dem Opfer wird ein Täter
Dass
der Gottesmann nicht freiwillig da ist, ist kein Thema. Erst viel später erfährt
Alois, dass der Geistliche zwangsversetzt ist, weil er sich wohl an Buben
vergangen hatte. Die Kirche verschweigt die Vorgänge und warnt niemanden vor
der Gefahr. Die
Übergriffe haben irgendwann ein Ende, doch es dauert Jahre, bis Reichgruber
nochmals darüber redet. Da ist er 19, mit einem Kumpel im Urlaub, die
Vorkommnisse gelangen an die Öffentlichkeit. Denn der Kumpel hat nichts
Besseres zu tun, als gemeinsam mit einem Freund den Pfarrer um Geld zu
erpressen. Das lässt sich dieser nicht gefallen, geht zur Polizei. Und muss
sein sexuelles Fehlverhalten eingestehen. Für
Alois beginnt keine Aufarbeitung, sondern die bitterste Episode in einer ohnehin
traurigen Geschichte. Die Polizei ermittelt. Reichgruber ist 19 und noch minderjährig.
Er wird vernommen - wie ein einziger Freund, der sich ebenfalls traut, die
Wahrheit zu sagen. Alois wird es bitter bereuen, denn am Ende wird er selbst
angeklagt. Aus dem Opfer macht die Justiz einen Täter: „Unzucht zwischen Männern“
lautet der Vorwurf. Alois und sein Freund werden laut Anklageschrift der
Handlung bezichtigt, „sich fortgesetzt von einem Mann zur Unzucht missbraucht
haben zu lassen.“ Man muss den Satz zweimal lesen, um seine Wucht zu
verstehen. Termine
werden verschoben, zu einer Verhandlung kommt es nie. Am 14. März 1964 steht
dann plötzlich die Polizei vor dem Elternhaus und führt den jungen Mann ab. In
Übersee wird er in eine Zelle gesperrt, muss auf dem blanken Boden schlafen,
erhält eine Rossdecke, Malzkaffee und trockenes Brot. Nach drei Tagen und zwei
Nächten kann er gehen. Warum sie ihn einsperren, sagen die Polizisten Alois
nicht. Er kommt zu einer bestürzenden Erkenntnis: „Justiz und Klerus haben
damals zusammengeschirrt.“ Das
Leiden ist damit nicht zu Ende. Alois und seine Eltern werden von vielen im Dorf
geschnitten. In den Läden werden sie nicht mehr bedient, der Vater geht nicht
mehr ins Wirtshaus. Leute rufen ihm zu: „Dein Bub hat unsern Pfarrer verführt“.
Irgendwann muss der Dorfpfarrer Unterwössen verlassen. Sein Interimsnachfolger,
wird Alois berichtet, habe von der Kanzel gepredigt, dass ein junger Mann den
Pfarrer aus dem Ort vertrieben habe. Wieder wird eine Tatsache verdreht. Alois
zieht weg. Als er zwei Jahre später zurückkehrt und seinen Onkel besucht, begrüßt
ihn der Onkel mit den Worten: „Der Verbrecher kehrt an den Tatort zurück.“
Der ganze Stammtisch hört mit. Irgendwann schreibt ihm der Pfarrer. Eineinhalb
Seiten, Schreibmaschine. Ein Mann, der jeden Samstag die Beichte abnimmt, zeigt
keine Reue. 51
Jahre später die Einladung zum Papst
Ein
ungestörtes Leben findet Reichgruber schließlich in München und wenig später
im Allgäu. Seine spätere Frau lernt er 1967 im Urlaub kennen; sie stammt
ebenfalls aus dem Chiemgau. Sie, eine Evangelische, kennt die Geschichten, die
sich um Alois ranken, stört sich aber nicht daran. 1970 heiraten die beiden -
kirchlich. In Unterwössen: längst ist dort ein neuer Pfarrer, der auch die
beiden Söhne des Paars tauft. Bis heute ist Reichgruber mit dem Geistlichen
befreundet. 1979
zieht Alois Reichgruber mit seiner Familie nach Konstanz. Viele kennen ihn auch
als Chef eines ehemaligen Fotolabors in Allensbach. Als
2010 das Schweigen bricht und Deutschland endlich über die Missbrauchsfälle
redet, wendet er sich an seine Kirche. Irgendwann findet er den richtigen
Ansprechpartner. Er hat Belege für alles, der Fall ist fast lückenlos
nachvollziehbar. Ein Missbrauch, ein Versagen der Kirche, ein Justizskandal.
Schließlich nimmt die Deutsche Bischofskonferenz Kontakt zu Reichgruber auf und
lädt den 67-Jährigen nach Erfurt ein, zum Papst. Zusammen
mit vier weiteren Missbrauchsopfern - zwei Frauen und zwei Männer, zwei davon
schwer traumatisiert - trifft er das Oberhaupt der katholischen Kirche. Die
Begegnung empfindet er 52 Jahre nach dem ersten Missbrauch als beeindruckend.
Einige von ihnen seien in Tränen ausgebrochen, als sie von ihrer Vergangenheit
erzählten. „Bestimmt eine Minute lang hat mir der Heilige Vater die Hand
gehalten und sich für das Vergehen des Pfarrers entschuldigt“, erzählt
Reichgruber. Der Papst sei sehr bewegt gewesen und habe um Verzeihung gebeten:
Die Geschehnisse täten ihm in der Seele weh. Für
Alois Reichgruber ist im Priesterseminar von Erfurt eine Geschichte zu Ende
gegangen. Papst Benedikt XVI. entschuldigte sich in aller Form, Reichgruber nahm
die Entschuldigung an. Das Opfer, das zum Täter gemacht wurde, sagt: „Ich
trage jetzt viel leichter daran.“ Kommentar: Ungeheuerlich, wie Tatsachen verdreht wurden! Und welche Konsequenz zog daraus Kardinal Ratzinger? Immerhin hat er Pfarrer Anton Trischberger (+1990 in Rosenheim) im Jahre 1979 als Pfarrvikar mit dem Titel eines Pfarrers auf eine 13. Stelle eingesetzt. Er konnte von nichts eine Ahnung haben und machte doch in Unterwössen beim Nachfolgerpfarrer Niegel Urlaub. Und jetzt als Papst tut es ihm nach einem halben Jahrhundert leid – scheinbar weniger für die Opfer als für ein System, das weiterhin nicht nach den Ursachen solcher Missstände fragen will! Der „Sünde des Fleisches“ sind sein „jungfräulicher“ Bruder Georg und er rühmlicher Weise nicht erlegen. Darauf darf man schon sehr stolz sein. Man kann auch der Macht erliegen – ist das nicht schlimmer als sich einer Frau ehelich hinzugeben? Schade, dass niemand bei Sergej Schutzbach noch bei Alois Reichgruber noch beim Papst etwas nachfragen kann. Was ändert sich durch diese Berichterstattung und wie gut hat Benedikt zugehört? Für zölibatären Priester des lateinischen Ritus will der Papst nach wie vor die Latte sehr hoch gelegt wissen, wenngleich die Schrift und die Tradition auch anders auslegbar wären. „Damit niemand zu einem sexuell zügellosen Leben verleitet wird, ist es besser, wenn jeder Mann seine Frau und jede Frau ihren Mann hat.“ „Wenn ihnen das Alleinsein aber zu schwer fällt, sollen sie heiraten. Denn das ist besser, als von unerfülltem Verlangen beherrscht zu werden.“ (1 Kor 7,2 + 9) Das ehelose Leben ist lediglich ein Wunsch des Paulus, in Ordensgemeinschaften wird er gelebt. (Nebenher bemerkt: Orden bekommen für ihre Enteignung 1803 keine Kirchensteuer, haben daher dem Bischof aus der Hand zu fressen). Angesichts all der Kollateralschäden des Zölibatsgesetzes ficht Benedikt nicht der geringste Zweifel an, die bisherige Einstellung insgesamt zu Sexualität sei vielleicht doch nicht rundum in Ordnung. Ich frage mit Weihbischof Geoffrey Robinson: „Wie viele missbrauchte Kinder ist der Zölibat wert?“ Mir scheint, dem Papst tut es leid weniger für die Opfer als für ein System, in dem er nach den Ursachen solcher Missstände fragen müsste! Warum redet er nur mit ausgesuchten Opfern – und nicht auch mit Tätern und betet mit ihnen zusammen gemeinsam: Und führe uns nicht in Versuchung? Die Machthaber dieser Welt kennen scheinbar keine Versuchung und machen keine Fehler. „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die
Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal
geklärt werden muss. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn unglaubwürdig
als Papst.“ (Wolfgang Bergmann gebetsmühlenartig x-mal in Der Standard http://derstandard.at)
Das Thema Missbrauch und der kolossale Vertrauensverlust der r.-k. Kirche ist noch lange nicht ausgestanden und so schon gar nicht aufzuarbeiten. Lit.: Wolfgang Bergmann, „Die kleinere Sünde“ (Czernin-Verlag)
Zum Thema Missbrauch in der Kirche. Wolfgang Dettenkofer 08053 795661 HWDKHA@t-online.de |
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