Intelligenz
und biblischer Glaube
Von
Hermann Häring
Es
ist ein tief eingewurzeltes Vorurteil: Zu viel Intellekt tue dem Glauben nicht
gut. Vor allem Kirchenführer halten es am Leben. Nicht nur die
Intellektuellen einer Gesellschaft gelten als gefährlich, weil sie „Unruhe
stiften, kritiksüchtig und mit nichts zufrieden sind“. Auch kritische
Theologen haben keine guten Karten. Sie sind, wie man oft hört, unkirchlich
oder viel zu liberal. Sie entwerfen unhaltbare Hypothesen und bringen das
Volk vom reinen Glauben ab. Sie frönen gar, wie Benedikt XVI. meint, der
„Diktatur des Relativismus“. Gern beruft man sich dann auf den 1.
Korintherbrief (1,18ff), der die Weisheit der Welt der Torheit des Kreuzes
gegenüberstellt. Die Verkünder solcher Botschaften übersehen aber, dass
Paulus anderes im Blick hat. Dort stehen sich nicht Intelligenz und Glaube
gegenüber, sondern eine Weisheit und eine Torheit höchst praktischer Art.
Dort wird ja nicht gefragt, wie dumm oder intelligent wir sind, sondern ob
wir den Tod und unsere Vergänglichkeit akzeptieren. Von diesem Standpunkt aus
drehen sich die Fähigkeiten geradezu um: Dumm ist, wer für die Grenzen der
Menschen kein Gespür hat. Intelligent sind dagegen diejenigen, die mit
hoher Sensibilität um ihre eigene Verletzlichkeit und um die Probleme der
Mitmenschen wissen. Das ist ein echt biblischer Maßstab. Die Kirche hat
diesen Unterschied lange gekannt. Von Ignatius von Loyola und anderen wissen
wir: Im Zweifelsfall zogen sie einen intelligenten Beichtvater einem frommen
vor.
Doch
seit 150 Jahren haben sich die Pole vertauscht. Jetzt geriet Intelligenz unter
kirchlichen Verdacht. Das ist absurd, denn gerade jetzt haben sich die
Intelligenzanforderungen an die „einfachen“ Gläubigen, die früher nur
nachzubeten hatten, massiv gesteigert. Gleich vier grundlegende Dinge sind
seitdem passiert. Erstens zwingt die wachsende Säkularisierung alle
Christinnen und Christen, endlich selbst über den Sinn ihres Glaubens
nachzudenken. Wir können nicht mehr glauben, weil es uns der Herr Pfarrer
vorschreibt. Zweitens stellen uns die Wissenschaften auf eine harte Probe. Wer
als Gläubige etwa die Schöpfung oder den Menschen verstehen will, muss sich
mit Kosmologie und Ch. Darwin, mit den Bausteinen des Lebens und kritisch mit
dem beschäftigen, was wir heute noch „Seele“ nennen. Drittens muss ein
Christ seine Lebenswelt verstehen, sich täglich und ohne geistliche
Anleitung in ihr korrekt und produktiv zurechtfinden, und sie ist
hochkompliziert geworden. Viertens lesen wir die Bibel heute mit anderen
Augen, denn wir haben erkannt: Die Bibel ist kein Rezeptearsenal
für tumbe und lebensuntüchtige Geister, sondern ein ausgesprochen
intelligentes Buch. Jede Geschichte ist genauestens komponiert, jedes Jesus-
und Prophetenwort bis auf den letzten Buchstaben austariert. Die Propheten
waren die Intellektuellen ihrer Zeit. Die Bibel arbeitet mit Mitteilung und
Phantasie, sie setzt Leidenschaft ein oder fordert Gelassenheit. Hier lehrt
sie uns Ergebung, dort den Widerstand, hier wird gejubelt, dort bitter
geklagt. Im Ijobbuch steht: „Der Herr hat’s
gegeben, der Herr hat’s genommen“. Der Galaterbrief erwartet, dass wir
auch kein Quäntchen unserer Freiheit drangeben: „Zur Freiheit hat uns
Christus
befreit“ (5,1). Wann aber gilt was? Dies täglich neu zu entdecken, bleibt
uns vorbehalten, und dazu ist die Bibel immer wieder zu studieren, wach zu
analysieren, exegetisch zu erarbeiten. Biblischer Glaube fordert also den Kopf
und das Herz, den Leib und deshalb auch den Verstand. Ein intelligenzfreier
Glaube wäre abergläubischer Selbstbetrug.
Nun
hat der Intellekt immer etwas Anarchisches an sich. Erkenntnis ist zwar immer
vernünftig, aber wann sie aufblitzt und was sie offenbart, das lässt sich
weder vorherberechnen noch kontrollieren. Obwohl der Verstand Gemeinschaft und
Kommunikation ermöglicht, gehört er – von der Liebe nicht einfach zu
trennen - zu unserem Personsein, unserem
unverwechselbaren Subjekt. Das ist der Grund, weshalb sich Benedikt XVI. mit
M. Luther, diesem hochsensiblen Denker, nie angefreundet hat. Wiederholt wirft
er ihm mangelnde Objektivität und damit mangelnde Kirchlichkeit vor. Er
reagiert wie ein Hausbesitzer, dessen Haus im Erdbeben zu wanken beginnt. In
dieser Situation darf nichts umgebaut werden, sondern Stabilisatoren und Stützen,
Kitt und Mörtel sind gefragt. Schon als oberster Glaubenshüter träumt er
deshalb von einem Glaubensobjektivismus, der im Zweifelsfall das eigene Denken
blockiert. Im Interesse einer statischen Glaubensmechanik misst er die
vermeintlichen Abweichungen nie an intellektuellen Nuancen oder ihrem
innovativen Potential (das hat ihn nie interessiert), sondern knallhart am
geistlosen Buchstaben, den Stahlträgern seines kirchlichen Systems.
Leider
hat er diesen kalten Rationalismus nicht aus sich, sondern aus der
antireformatorischen Tradition des 19. Jahrhunderts, die sich die Moderne zu
Feinden erkoren hat. Wie Alan Posener in seinem ausgezeichneten Buch
„Benedikts Kreuzzug“ aufweist, ist Benedikt XVI. ein antimodernistischer, demokratie-
und wissenschaftsfeindlicher Papst. Wir sprechen vom Antimodernismus; dessen
Unfehlbarkeitswahn lässt grüßen. Seit jener Epoche, die wir mit dem
Konzil für abgeschlossen hielten, wird eigenständiges Denken konsequent
diskriminiert. Genauer: Natürlich war scharfsinniges Denken immer gefragt.
Der Papst selbst gilt als brillanter und elegant formulierender Denker, auch
wenn die Legende, er habe 99 Bücher geschrieben, wohl nicht stimmt. Aber,
bitteschön, bei ihm und bei anderen hat dieses Denken gehorsam, ungefährlich,
systemimmanent, machterhaltend zu sein. Es hat statisch zu sein, weil
Grundsatzfragen das ganze Gebäude zum Einsturz bringen könnten. Ich nenne
dies eine schwache Intelligenz.
Leider
ist unter den Etablierten unserer Kirche diese schwache Intelligenz weit
verbreitet. Außer der Karriere bringt sie es zu wenig, denn sie dreht sich in
einem Kreis von Ängsten und Abhängigkeiten. Die unteren Kirchenränge machen
ihr Denken vom Willen ihrer Bischöfe abhängig, die Bischöfe von Kurie und
Papst. Kardinal Kasper ist der Prototyp für ein solch schmiegsames
Verhalten. Bisweilen macht er sich so seine intelligenten ökumenischen
Gedanken, aber er kritisiert nicht, sondern kittet lieber das Porzellan, das
andere zerbrochen haben. Nie würde er seinem Chef widersprechen. Wie oft hätte
er schon zurücktreten müssen, spätestens als den evangelischen Kirchen
zum zweiten Mal ihre kirchliche Würde abgesprochen wurde. Der Chef selbst
aber, dieser hochintelligente Mann, bindet sich an das Selbsterhaltungssystem
Kirche, an deren absolutistische Wahrheiten. Er, dem juridisch als einzigem
absolute Freiheit zustünde, ist ängstlicher als alle anderen zusammen.
Vielleicht wurde er nur deshalb Papst. Jetzt stürzt unter dem Gewicht dieses
Systems alle intellektuelle Brillanz und Brisanz ein, die hier versammelt
sein sollte. Dieser Vorgang gleicht der Implosion all dessen, was wir
normalerweise unter Rationalität, Intelligenz und Intellektualität
verstehen. Wo für die römische Ideologie die strahlende Sonne aller Wahrheit
leuchten sollte, verbirgt sich jetzt ein schwarzes Loch, das alle Eigenständigkeit
in sich verschlingt und Außenstehende vor den Kopf stößt. Man denke an die
Missgriffe gegenüber den Juden, den Muslimen und den evangelischen Kirchen,
den lateinamerikanischen Indios und den mit AIDS bedrohten afrikanischen
Frauen und Männern, neuerdings an die anglikanische Kirchengemeinschaft, von
der innerkirchlich katastrophalen Politik ganz zu schweigen. Wir haben darauf
zu achten, dass wir in diesen Sog nicht hineingezogen werden und stattdessen
auf Menschen mit starker Intelligenz, auf unsere eigene Erkenntnisfähigkeit
vertrauen.
Übertreibe
ich? Vielleicht. In jedem Fall sitzt mir seit der letzten Papstwahl der
Schreck noch in den Knochen. „Ich bin ein einfacher Arbeiter im Weinberg
des Herrn“, lautete jenes gewinnende päpstliche Wort. Unerwähnt blieb,
was Bonaventura einst sagte: Wenn die Kirche in die Krise gerät, dann gelte
kein Philosoph und Theologe, also keine starke Intelligenz mehr, sondern nur
noch der „simplex et idiota“,
der Einfache und der Ungebildete. Der junge Ratzinger hat darüber mit
Zustimmung geschrieben. Er sieht die Kirche in einer schweren Krise, also
ist mit eisernem Besen zu kehren. Nur noch jene Intelligenz gilt, die sich
strikt an die päpstlichen Regeln und Blockaden hält. Damit schickt der
Papst die Kirche erst recht in die Katastrophe, denn heute können uns nur
noch Menschen weiterbringen, die - nach innen wie nach außen - stark,
selbständig und mutig denken können. Die Angepassten haben schon genug
ruiniert. Die kritischen Geister aber werden niedergehalten. Wir werden
diesen
Zustand durch gezielten Ungehorsam überwinden müssen.
Literatur
zum Thema:
Hermann
Häring, Im Namen des Herrn - Wohin
der Papst die Kirche führt, Vorwort
Hans Küng, Gütersloh 2009
Alan
Posener. Benedikts Kreuzzug - Der
Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft,
Ullstein-Verlag Berlin 2009.
NORBERT
SOMMER, THOMAS SEITERICH (HG.) Rolle
rückwärts mit Benedikt - Wie ein
Papst die Zukunft der Kirche verbaut 224 S., PF-Edition;
Nr. 2884
P.
Richard Rohr OFM, Nur wer absteigt, kommt auch an - Die
radikale Botschaft der Bibel ClaudiusVerlag 2009