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SZ 24.09.2005 Der Papst der
kleinen Überraschungen Von Matthias Drobinski Seit dem 17. Jahrhundert ist es - mit Unterbrechungen - Tradition, dass die Päpste die Hitze des römischen Sommers fliehen und außerhalb der Stadt in Castelgandolfo residieren, in den päpstlichen Villen auf dem Kraterrand eines erloschenen Vulkans, mit Blick auf den Albaner See. Weil es sich auf den Hügeln offenbar leichter lebt als hinter den vatikanischen Mauern, lud schon Papst Johannes Paul II. Gesprächspartner gerne hierher ein, Benedikt XVI. hat in seinem ersten Sommer also diese Sitte fortgeführt, mehr noch: Bei ihm geht der Trend zum Überraschungsgast. Erst kam Oriana Fallaci vorbei, die islamkritische Journalistin, dann durfte Bernard Fellay vorsprechen, ein Bischof der traditionalistischen Lefebvre-Bewegung. Und schließlich redete Benedikt einen ganzen Abend lang mit Hans Küng, dem Tübinger Theologen, dem 1979 Papst Johannes Paul die Lehrbefugnis entzogen hat. Gerade dieser Besuch ist eine Überraschung, aus innerkatholischer Perspektive gar eine Sensation. Ein Wissenschaftlerleben lang hat sich Hans Küng am Vatikan und seinen autoritären Strukturen gerieben, das Unfehlbarkeitsdogma in Frage gestellt, selbstbewusst und ausgestattet mit der nötigen Sprachmacht. Einer der wichtigsten Küng-Kritiker war wiederum Joseph Ratzinger gewesen, der Professoren-Kollege aus Tübinger Tagen, der spätere Münchner Erzbischof und Präfekt der Glaubenskongregation. Und nun haben die beiden - "freundschaftlich" - miteinander diskutiert, nicht über die Konfliktthemen, die vor fast 26 Jahren zur vatikanischen Strafaktion führten, sondern über das Verhältnis von Wissenschaft und Glaube und Küngs Weltethos-Projekt. Auch über die einst verhängten Sanktionen schwiegen die beiden. Das kann man als Defizit ansehen, doch ist dies eine bewährte Methode des Dialogs: Man klammert zunächst die Kontroversen aus und schafft sich einen Vorrat an Gemeinsamkeiten. Vor allem aber könnte die Begegnung Benedikt-Küng der Beginn einer neuen Kultur im Umgang mit Kontroversen und Differenzen in der katholischen Kirche sein: Man reduziert den (vermeintlich) Irrenden nicht auf diesen Irrtum, den (angeblichen) Abweichler nicht auf das Abweichende, sondern sucht auch Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte. Keiner der Gesprächspartner muss das Trennende verschweigen, niemand muss Widerrufs- oder Unterwerfungserklärungen unterschreiben oder in anderer Form zu Kreuze kriechen. Für kritisierte Theologen oder Bischöfe hat dieser Weg den Vorteil, dass sie Missverständnisse ausräumen können. Für den Vatikan wiederum bedeutet er, dass es jemandem, der mit dem Papst höchstpersönlich reden konnte, schwer fallen wird, sich als Opfer der Hierarchie und als Märtyrer zu stilisieren. Für einige Bischöfe in Deutschland ist das Treffen in den Bergen vor Rom eine kleine Ohrfeige. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hatte nach dem Katholikentag 2004 den Bischofskonferenzvorsitzenden Kardinal Karl Lehmann kritisiert, weil der auf dem Ulmer Treffen sich mit Küng aufs Podium gesetzt hatte - streng genommen müsste er nun noch heftiger mit dem Papst schimpfen, denn Lehmann diskutierte damals durchaus kontrovers mit dem Theologen. Und auch der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann, der, wie Kardinal Meisner, den von Rom als Diözesanbischof abgesetzten französischen Hirten Jacques Gaillot nicht in seinem Bistum auftreten lassen will, dürfte nun einige Argumentationsprobleme bekommen. Ein halbes Jahr ist Benedikt nun im Amt, noch stehen wichtige Personalentscheidungen aus, noch gibt es keine programmatische Enzyklika, keine weltverändernde Reise - wohin dieses Pontifikat geht, ist noch nicht abzusehen. Es dürfte keines der großen Reformen oder der dramatischen Richtungswechsel werden. Aber vielleicht das Pontifikat der vielen kleinen Überraschungen. |
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