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“Am
Morgen einer besseren Welt. Auswirkungen auf Kultur, Lebensweise, Spiritualität und Religion (“....”
= Titel eines Buches von Enomija-Lassalle, 1986,
Jesuit und Zenmeister) Von AKR-Mitglied Sepp StahlWas
haben wir uns in den letzten 20, 30 Jahren informiert, was haben wir alles
analysiert, was haben wir uns engagiert. Was haben wir appelliert, an uns
selber, an andere, an Kirchen und Gemeinden, an Politik und Gesellschaft. Und?
Die Krisen sind immer nur größer geworden und wachsen weiter. Albert Einstein hat 1929 gesagt: "Die Probleme, die es in der Welt gibt, sind nicht mit der gleichen Denkweise zu lösen, die sie erzeugt hat." Demnach
brauchen wir eine neue Denkweise, ein neues Bewusstsein, ein neues Welt- und
Menschenbild. Nun,
das was notwendig ist, das was dran ist, entwickelt sich auch. Wer offen ist,
wer auf der Suche ist, hat mitbekommen, dass wir tatsächlich am Anfang einer
weiteren, entscheidenden Entwicklungsepoche der Evolution stehen. In Literatur
und Wissenschaft mehren sich die Erkenntnisse und Aussagen dazu. Der
Jesuit und Zenmeister Hugo M. Enomiya-Lassalle
hat 1986 ein Buch veröffentlicht, mit dem Titel: “Am Morgen einer besseren
Welt –
Der Mensch im Durchbruch zu einem neuen Bewusstsein" (siehe Titel oben). Der
jetzigen Phase, dem mentalen Bewusstsein, wie er sie bezeichnet, folgt nun
etwas wesentlich Neues – das integrale Bewusstsein. Lassalle meint, die
Menschheit steht an einer Wende, die nicht von ihr abhängt, wohl aber, ob sie
bald zu Stande kommt. Er ist weiter der Ansicht, dass einem größeren Epochensprung
der Evolution immer eine besondere Krisenzeit vorausgeht und ihn kennzeichnet. Der
Benediktinermönch und Zenmeister Willigis
Jäger nennt das 21. Jahrhundert: Das Jahrhundert der Metaphysik, und das 3.
Jahrtausend: Das Millennium des Geistes, des Bewusstseins. Der
Physiker und Philosoph Ken Wilber aus den USA
sieht dies ähnlich. Er teilt die Evolution nach dem Urknall in Physio-Sphäre,
in Bio-Sphäre und in die mit der Aufklärung beginnende Geist-Sphäre ein. “Was
die Welt heute mehr als alles andere braucht, ist eine Revolution des
Bewusstseins. Es ist an der Zeit, uns von einem Glauben an das Äußerliche,
Kurzfristige und Flüchtige zu einer Wertschätzung des Inneren, Dauerhaften
und Essenziellen hinzubewegen." (Beide Sätze sind aus einem Aufsatz von
Masami Saionji in “Impulse für eine Welt in Balance"; herausgegeben
von der “Global Marshall Plan Initiative".) Im
selben Buch schreibt Dr. Ashok Gangadean: “Wir
Menschen sind in einem tiefgreifenden Entwicklungssprung begriffen, hinauf auf
eine höhere Stufe globalen Bewusstseins, das durch die Jahrhunderte in
Kulturen, Religionen und Weltbildern gewachsen ist. Dieses Erwachen eines
globalen Bewusstseins bedeutet nichts Geringeres als den Umbruch, die Reifung,
von eher egozentrischen Lebensformen hin zu einer höheren Form integrativen,
dialogischen Lebens.“ .... “Die großen geistig- meditativen Traditionen
haben schon lange erkannt, dass der Schlüssel zum Überleben, zu
Nachhaltigkeit und Wohlergehen, im Bewusstseinswandel zur dialogischen
Lebensweise liegt, die die wahre moralische, vernünftige und spirituelle
Natur unserer Spezies zum Vorschein bringt." Peter
Russel, Physiker, lässt in seinem Buch “Der direkte Weg” den Engländer
John White zu Wort kommen: “Nur
durch eine Veränderung des Bewusstseins kann die Welt ‚gerettet’ werden.
Jeder muss bei sich selbst beginnen. Politisches Handeln, Sozialarbeit, jeder
–ismus, jede Ideologie sind alle unvollständig
und nutzlos, wenn sie nicht von einem neuen und erweiterten Bewusstsein
begleitet werden. Das höchste Ziel ist dann keine Handlung, sondern eine Veränderung
des Bewusstseins. In anderen Worten: Die wahre Revolution ist ein
Bewusstseinssprung. Wenn dies weltweit geschieht, werden die bisherigen
Probleme, falschen Vorstellungen und Ungerechtigkeiten wie von selbst
verschwinden. Erst dann wird die ‚Revolution’ zur ‚Evolution’.” Ausgangspunkt
dieser neuen Sichtweisen sind vor allem die heutigen Erkenntnisse der
Naturwissenschaften. Die neuen, geradezu revolutionären Forschungsergebnisse
kommen maßgeblich aus der Physik, indem die Kernphysiker immer tiefer im
Mikrokosmos vordrangen, immer kleinere Einheiten fanden und ihre Funktionen
erkannten – bekannt als Quantenphysik. Das
Vordringen in immer weitere Räume des Weltalls hat durch die Astrophysik ähnliche
bahnbrechende Ergebnisse gebracht. Nach
Willigis Jäger kommen im Zuge ihrer
Grundlagenforschung viele Wissenschaftler mehr und mehr an die Grenzen ihres
Denkens, dort begegnet ihnen eine Wirklichkeit, die sie nicht mehr mit den
Mitteln der Logik und des analytischen Denkens begreifen können. Fast alle
großen Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts haben sich intensiv mit
ihren Grenzerfahrungen auseinandergesetzt, im Besonderen seit der Relativitätstheorie
Albert Einsteins und der Quantenphysik. Der
amerikanische Physik-Nobelpreisträger Feyman zur
Quantenphysik: „Ich denke, ich kann davon ausgehen, dass niemand die
Quantentheorie versteht – auch wir Physiker nicht.“ Auf
der Suche ihre geheimnisvollen Entdeckungen sprachlich auszudrücken,
benutzten die Wissenschaftler häufig religiös-spirituelle Formen, oft
angelehnt an die asiatischen Religionen, an die Mystik im Christentum und an
den Sufismus im Islam. Der
Münchner Physiker H.P. Dürr hat als Herausgeber Aussagen aller großen
Physiker des 20. Jahrhunderts dazu in dem Buch “Physik und Transzendenz”
veröffentlicht. Die Tiefe und Deutlichkeit ihrer Worte überraschen und
erstaunen ungemein. Einige Beispiele: David
Bohm, Physiker: “Die
Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften werden nur noch einen Sinn
ergeben, wenn wir eine innere, einheitlich
und transzendente Wirklichkeit annehmen, die allen äußeren Daten und Fakten
zugrunde liegt.” Max
Plank, Physiker: “Ich
bin fromm geworden, weil ich zu Ende gedacht habe und dann nicht mehr
weiterdenken konnte. Wir hören alle zu früh auf zu denken.” Werner
Heisenberg, Physiker, einer der Väter der Quantentheorie: “Der
erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaften macht atheistisch, auf dem
Grund des Bechers wartet Gott.” Albert
Einstein, von ihm gibt es dazu viele Aussagen, ein Beispiel: “Das
schönste und tiefste Gefühl, das wir erfahren können, ist die Wahrnehmung
des Mystischen. Sie ist die Quelle aller wahren Wissenschaft.” Aus
anderen Quellen: Carlo
Rubia, italienischer Atomphysiker: “Als
Forscher bin ich tief beeindruckt durch die Ordnung und Schönheit, die ich im
Kosmos finde, sowie im Zauber der materiellen Dinge. Und als Beobachter der
Natur kann ich den Gedanken nicht zurückweisen, dass hier eine höhere
Ordnung der Dinge im Voraus existiert. Die Vorstellung, dass dies alles das
Ergebnis eines Zufalls oder bloß statistischer Vielfalt sei, das ist für
mich vollkommen unannehmbar. Es ist hier eine Intelligenz auf höherer Ebene
vorgegeben, jenseits der Existenz des Universums selbst.” Hans
P. Aubauer, Physiker, Wien: “Die
Existenz eines Schöpfers, der die Schöpfung aus dem Nichts geschaffen hat,
ist notwendig, weil dieses Schaffen grundsätzlich naturwissenschaftlich nicht
erklärbar sein kann.” In
einem Zitat von Carsten Bresch, einem deutschen
Molekularbiologen, ist für mich diese Sichtweise so mancher
Naturwissenschaftler exemplarisch ausgedrückt: “Es
ist also in der Evolution eine eindeutige Tendenz zu immer höherer Komplexität
festzustellen. Wenn man dies in allen Phasen beobachtet, dann fragt man natürlich
nach den Ursachen dieser “Komplexifikation",
wie Teilhard de Chardin
es ausgedrückt hat. Man kommt ins Staunen und kann eigentlich nicht anders,
als alles auf einen Ursprung zurückzuführen, das heißt, davon auszugehen,
dass im Ursprung des ganzen Universums diese Entwicklung bereits begründet
ist. Und dann ist nicht mehr weit, Ehrfurcht vor diesem Geschehen zu verspüren
und religiös zu werden." Soweit Carsten Bresch. Indem
die Wissenschaftler immer tiefer in den Mikro- und Makrokosmos vordrangen und
vordringen, lernen viele von ihnen Staunen, staunen vor der Großartigkeit und
Schönheit der Schöpfung, dem gesamten Kosmos. Eine Großartigkeit und eine
Schönheit, die mit menschlicher Sprache nicht entsprechend gewürdigt werden
können. Schon
für Leibniz war es die beste aller möglichen Welten. Für
Platon war Staunen der Beginn der Philosophie, und Gottlieb Herder war der Überzeugung
ohne Staunen, ohne Begeisterung geschah nichts Großes und Gutes auf der Welt. Das
Staunen war bei den Mystikern in allen Religionen, in besonderer Weise in den
Naturreligionen ein erster, wesentlicher Zugang zur Spiritualität. Das
Staunen-Können löst weitere Prozesse aus. Dorothee
Sölle beschreibt dies so wunderbar in “Mystik und Widerstand". Für
sie führt der Weg über Staunen zu Ehrfurcht und Lobpreis. Staunen
oder Verwunderung ist eine Art den Schöpfer zu loben, auch wenn sein Name
nicht genannt wird. Wie
sehen nun Wissenschaftler heute den Menschen, die Welt, den Mikro-, den
Makrokosmos? Die
Urknalltheorie wird heute von den meisten Wissenschaftlern als eine sehr
wahrscheinliche gesehen. Hintergrundstrahlung! Letzte Gewissheit gibt es
nicht. Der
amerikanische Astrophysiker Trinh Xuan Thuan sagt
in seinem Buch “Die verborgene Melodie”, es gibt Geheimnisse, was die
Entstehung und Weiterentwicklung des Kosmos angeht und es werden Geheimnisse
bleiben. Er schreibt über die phantastische Feinabstimmung von etwas mehr als
12 physikalischen Konstanten im Kosmos, und würden
sie nur in kleinsten Nuancen abweichen, so gäbe es uns und diesen Kosmos so
nicht oder gar nicht. Zitat
Thuan: „Von diesen [Konstanten] hängt die
phantastische Hierarchie der Strukturen und Massen im Universum ab: vom
kleinsten Atom bis zum größten Galaxiensuperhaufen über den Menschen, die
Planeten, die Sterne und die Galaxien. Am erstaunlichsten aber sind die
physikalischen Größen, die – zusammen mit den Anfangsbedingungen des
Universums – die Entfaltung des Lebens und die Entstehung des Bewusstseins
und der Intelligenz ermöglichten. Die Existenz des Lebens hängt von einem
sehr empfindlichen Gleichgewicht und vom einzigartigen Zusammentreffen ganz
bestimmter Umstände ab. Schon die geringste Änderung der Zahlenwerte oder
der Anfangsbedingungen würde zu einem völlig anderen Universum führen –
uns gäbe es dann allerdings nicht.“ Auch
Thuan folgert daraus die Existenz eines für uns
unvorstellbaren Schöpfers. Eines
der Grundprinzipien in der Evolution ist die Entwicklung zu immer komplexeren
Formen, in anorganischen, wie in organischen. Heute
geht man davon aus, dass allen Vorgängen in der Evolution eine
Selbststeuerung innewohnt, eine Selbststeuerung, die Bestand und
Weiterentwicklung sichert. Der englische Biologe Sheldrake
nennt dieses Phänomen, das allen Vorgängen zu jeglichem Leben gegeben ist
– morphogenetisches Feld –
ein geistiges Feld, wie er feststellt. Die
Entdeckung der Unschärferelation durch Heisenberg hat die physikalische
Vorhersage und Sicherheit tief erschüttert. Ab
jetzt gilt: In allen Entwicklungsbereichen der Evolution ist alles offen,
nichts mehr vorhersagbar, alles möglich oder eben nicht. Hans
P. Dürr dazu: “Zukunft ist prinzipiell nicht vorhersagbar.” Hans
P. Dürr bemüht sich seit Jahren landauf landab die Vorgänge in der Tiefe
des Seins, die wesentlichen Erkenntnisse durch die Quanten-Theorie erklärbar
zu machen. Aus seinem Buch “Auch die Wissenschaft spricht nur in
Gleichnissen” mit dem Untertitel: “Die neue Beziehung zwischen Religion
und Naturwissenschaften”, daraus 2 Passagen: „In
der Quantenphysik gibt es das Teilchen im alten klassischen Sinne nicht mehr,
d. h. es existiert im Grunde keine (kleinsten) zeitlich mit sich selbst
identischen Objekte. Damit geht die ontische Struktur der Wirklichkeit
verloren. Die Frage: Was ist, was existiert? wird dynamisch verdrängt durch:
Was passiert? Was wirkt? Das Primäre ist nicht mehr die reine Materie, die,
selbst gestaltlos, den Raum besetzt; es gilt nicht mehr “Wirklichkeit als
Realität", sondern im Grunde dominiert die immaterielle Beziehung, reine
Verbundenheit, das Dazwischen, die Veränderung, das Prozesshafte, das Werden,
eine Wirklichkeit als Potenzialität". Die
zweite Stelle: “Die
Gestalt, die innere Form ist grundlegender als die Materie. Dies verführt uns
zu der Analogie aus unserer erweiterten, menschlichen Erfahrungswelt: Die
Grundwirklichkeit hat mehr Ähnlichkeit mit dem unfassbaren, lebendigen Geist
als mit der uns geläufigen greifbaren stofflichen Materie. Die Materie
erscheint mehr als eine “Kruste" des Geistes. Ich betone nochmals: Dies
ist zunächst nur als ein Gleichnis gemeint, denn Worte wie Geist und
Lebendigkeit kommen in der Physik nicht vor. Im Grunde gibt es also nur
Gestalt, eine reine Beziehungsstruktur ohne materiellen Träger." Als
weiteres einige Fragmente aus einem Vortrag von ihm am 11. März 2005 am
Goethe-Institut in München. „Materie
ist nicht aus Materie aufgebaut, das Fundament der Welt ist nicht materiell.
Stattdessen finden wir hier Informationsfelder, Führungsfelder,
Erwartungsfelder, die mit Energie und Materie nichts zu tun haben.” „Die
Grundlage der Welt ist nicht materiell, sondern geistig. Und die Materie ist
gewissermaßen die Schlacke des Geistes, sie bildet sich hinterher durch eine
Art Gerinnungsprozess.” Das
Paradigma des Unlebendigen lautet: In Zukunft passiert das Wahrscheinliche
wahrscheinlicher. Beim
Lebendigen ist es umgekehrt: In Zukunft ist das Unwahrscheinliche
wahrscheinlich. Er selber sagt: noch unverständlicher ist: “Es gibt echt
kreative Prozesse: Etwas entsteht aus dem Nichts und vergeht im Nichts.” Als
das entscheidende Grundprinzip der Evolution nennen immer mehr
Wissenschaftler den unwissenschaftlichen Begriff: Die Liebe. Die
beiden chilenischen Biologen und Nobelpreisträger Humberto R. Maturana und
Francisco J. Varela bringen in ihrem Buch “Der Baum der Erkenntnis" als
Naturwissenschaftler gar den Begriff “Liebe" ins Spiel. Sie schreiben:
“Wir halten keine Moralpredigt, wir predigen nicht die Liebe. Wir machen
einzig und allein die Tatsache offenkundig, dass es, biologisch gesehen, ohne
Liebe, ohne Annahme anderer, keinen sozialen Prozess gibt. ..... Zu leugnen,
dass die Liebe die Grundlage des sozialen Lebens ist, und die ethischen
Implikationen dieser Tatsache zu ignorieren, hieße, all das zu verkennen, was
unsere Geschichte als Lebewesen in mehr als 3,5 Milliarden Jahren aufgewiesen
hat. Es mag uns ungewöhnlich vorkommen und wir mögen uns dagegen sträuben,
den Begriff “Liebe" in einem naturwissenschaftlichen Zusammenhang zu
gebrauchen, da wir um die Objektivität unseres rationalen Ansatzes fürchten.
Aus dem, was wir in diesem Buch aufgezeigt haben, sollte jedoch erhellen, dass
eine solche Furcht unbegründet ist. Liebe ist eine biologische Dynamik mit
tiefreichenden Wurzeln.” Auch
Ken Wilber bezeichnet die Liebe im weitesten Sinn
als die eigentliche, die treibende Kraft des Lebens und der Evolution. Er
sagt: Die Bereitschaft (die er als Liebe benennt) zur Selbsttranszendenz zur nächst
höheren, komplexeren Form ist überall in der Evolution, im gesamten Kosmos
erkennbar. Bereitschaft oder Liebe im Sinne einer absoluten Offenheit für
alles und jedes. Hans
P. Dürr benutzt ebenso den Begriff Liebe: „Denn Allverbundenheit, die wir
Liebe nennen können und aus der Lebendigkeit sprießt, ist in uns und in
allem Anderen von Grund auf angelegt.“ Der
Neurobiologe Gerald Hüther gibt seinem Buch gar
den Titel: „Die Evolution der Liebe” und schreibt, dass primär die Liebe
die lebendige Welt, den Einzelnen, das Paar, eine Gruppe, die ganze
menschliche Gemeinschaft im Innersten zusammenhält.” Und
nicht eben wie nach Darwin lange die Meinung vorherrschte, dass Konkurrenz,
natürliche Auslese, Kampf ums Dasein die bestimmenden Verhaltensweisen sind. Die
ganz neuen Forschungsergebnisse aus der Neurobiologie der letzten 10 Jahre
beschreibt Joachim Bauer in seinem Buch “Prinzip Menschlichkeit”. Sie fügen
sich nahtlos zu den anderen Erkenntnissen. Joachim
Bauer: “Wir
sind nicht primär auf Egoismus und Konkurrenz eingestellt, sondern auf
Kooperation und Resonanz. Das Gehirn belohnt gelungenes Miteinander durch
Ausschüttung von Botenstoffen, die gute Gefühle und Gesundheit erzeugen.” Joachim
Bauers wichtigste Aussage: „Die
beste Droge für den Menschen ist der Mensch.” Aus
dem Inhalt des Buches zwei wesentliche Aussagen: „Das
natürliche Ziel der Motivationssysteme sind soziale Gemeinschaft und
gelingende Beziehungen mit anderen Individuen, wobei dies nicht nur persönliche
Beziehungen betrifft, Zärtlichkeit und Liebe eingeschlossen, sondern alle
Formen sozialen Zusammenwirkens.“ Für den Menschen bedeutet dies: „Kern
aller Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung,
Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben. Wir sind aus
neurobiologischer Sicht – auf soziale Resonanz und Kooperation angelegte
Wesen.” Weiter: “Besonders
heftig reagieren die Motivationssysteme des Menschen, wenn Liebe im Spiel ist,
egal, ob es sich um elterliche, kindliche oder sexuelle Liebe handelt.” Aus
all diesen bisher aufgezeigten neuen Forschungsergebnissen der modernen
Naturwissenschaften entsteht ein neues Welt- und Menschenbild. Und dieses wird
wiederum unser Bewusstsein beeinflussen und verändern. Überall
bin ich dem gleichen Tenor begegnet: Erwin
Laszlo, Club of Rome: „Die
Welt ist viel mehr eine ganzheitliche Welt der Information und der Teilhabe.
Jedes Teilchen, jedes Atom ist durchdrungen von der Ganzheit des
Universums.” Nochmals
H.P. Dürr: “Die
Natur ist im Grunde nur Verbundenheit”. „Diese fundamentale Verbundenheit
führt dazu, dass die Welt eine Einheit ist.” Das
Holistische, das Ganzheitliche ist auch das wesentliche Charakterium
der Quantenphysik. Das
ganzheitliche, holistische Denken ist heute Allgemeingut aller modernen
Naturwissenschaften, nämlich der Quantenphysik, der Astrophysik, der
Theoretischen Chemie, der System-Theorie, der Ökologie, der Klimatologie und
der Neurobiologie. Es
gilt: das Prinzip der Vernetzung, der Zusammengehörigkeit, der Einheit, des
Eins-Seins. Es gilt: die Einheit von Körper, Geist und Seele. Es gilt: Der
Wechsel vom dualistischen Entweder-Oder zum polaren Sowohl-als-auch. Und
wieder Hans P. Dürr: „Wir
sind angehalten, in einem grundlegenden neuen Denken zu einem umfassenden
Verständnis unserer Wirklichkeit zu gelangen, in der auch wir uns als
Faser im Gewebe des Lebens verstehen, ohne dabei etwas von unseren besonderen
menschlichen Qualitäten opfern zu müssen. Wir lernen, dass wir wie alles
Andere, untrennbar mit dieser wundersamen, irdischen Geobiosphäre verbundene
Teilnehmer und Teilhabende sind.” Willigis
Jäger abschließend: “Haben
wir die Erfahrung der Einheit und Zusammengehörigkeit gemacht, ist die Liebe
nicht mehr Gegenstand eines Gebotes, sondern der selbstverständliche Ausdruck
des eigenen Wesens. Die Liebe ist nicht befohlene Tätigkeit, sondern
Seins-Zustand der transpersonalen Existenz.” Soweit Jäger. Wir
haben also die Liebe als das zentrale Merkmal der Evolution, des Lebens des
Kosmos erkennen dürfen. Dann
kann Gott nur “Deus est caritas”
sein. Da hat Papst Benedikt wohl sehr recht. Aber
– diese grenzenlose, alles einschließende Liebe – wo wird sie in unserer
Kirche gelebt? In
dieser ganzheitlichen Geisteshaltung wird sich der Mensch nachhaltig und
zukunftsfähig in die Kreisläufe und Wachstumsprozesse der Natur einfügen. Nicht
mehr die Suche nach den letzten Teilchen, sondern das Aufzeigen systemischer
Zusammenhänge ist wichtig, nicht mehr das zerlegende Analysieren, sondern
ganzheitliches Verstehen. Eine zentrale Aussage hierzu: Das Ganze ist mehr als
die Summe seiner Teile. Fritjof
Capra widmet sein neueres Buch: “Lebensnetz – ein neues Verständnis der
lebendigen Welt” dieser Thematik. Er versucht darin das synergetische Denken
in einer ganzheitlichen Wissenschaft zu etablieren. (so im Umschlag des
Buches.) Der
US-Amerikaner Duane Elgin bestätigt in seinem Buch “Ein Versprechen für
die Zukunft”, Untertitel: “Eine hoffnungsvolle Vision für das
Fortbestehen unseres Planeten“ das Wachsen und Entstehen einer neuen Sicht
von Welt und Kosmos. Er
weist nach, dass 2 Trends in den USA vor allen möglichen aktuellen Trends am
stärksten wachsen. Der
1. Trend: Ein neues Paradigma der Wahrnehmung unserer Wirklichkeit: Wir leben
in einem lebendigen, ganzheitlichen Universum, alles ist miteinander
verbunden, vernetzt – eben wie oben dargelegt. Der
2. Trend liegt im ersten begründet und ist eine Folge dieses neuen
Bewusstseins: Daraus
einen neuen Lebensweg wählen: Freiwillige Einfachheit. Duane
Elgins Hoffnung, wenn genügend Menschen sich
diesen Trends anschließen, kann unser Planet gerettet werden. Zurzeit sieht
er die Chancen bei 50 zu 50. In diesem Sinne haben sich weltweit überall
Menschen auf den Weg gemacht, sind offen für dieses neue Denken, auch bei uns
in Deutschland. Man nennt sie “Kulturkreative”. Dieses
systemische ganzheitliche Denken trägt zu einem neuen Verständnis des
Menschen bei. Die Natur wird nicht mehr als zu beherrschendes Gegenüber
verstanden, sondern wir Menschen als ihr integraler Teil, als Zellen in einem
erdumspannenden Lebensnetz. Mit
einem solchen Bewusstsein brauchen wir keine ethischen Appelle mehr, sondern
wollen ganz selbstverständlich anders besser leben als bisher: Solidarisch,
ökologisch, gesund, nachhaltig, also zukunftsfähig und schöpfungsbewusst. Das
wesentliche Neue ist im Kleinen, in Ansätzen bereits überall da. Wer sucht,
wer offen ist, dem wird es begegnen, dem wird es zufließen. Das
sich anbahnende neue Welt- und Menschenbild, das neue integrale Bewusstsein
wird natürlich Einfluss auf unsere Spiritualität und Religion nehmen und sie
verändern. Der
Inhalt der Religion stand und steht immer im Wechselspiel mit dem jeweiligen
Stand der Kultur und des herrschenden Bewusstseins. Die Germanen hatten eine
andere Religion als wir heute. Längst
ist ein Prozess von Veränderung, Erneuerung in den verschiedenen Religionen
im Gange. Die Hierarchien tun sich sehr schwer, das zuzulassen, es
einzugestehen. Aber
viele Menschen sind weltweit unterwegs nach Sinnsuche, nach neuer erfüllender
Spiritualität. Denkt nur wie viele, vor allem junge Menschen sich den
asiatischen Religionen zuwandten, heute noch. Die
totale Globalisierung, Handel, Verkehr und Reisen bringen Kontakte, Begegnung
– auch mit den Religionen, wenngleich oft mit Konflikten verbunden. Aber
es gibt auch aufrichtiges Bemühen um Gespräche und Austausch, siehe nur den
“Dialog der Religionen” und das Projekt “Welt-Ethos” von Hans Küng. In
der katholischen Kirche gibt es wachsende Kritik, die Basis, die Menschen
fordern Veränderung, die Sichtweisen zwischen Hierarchie und Volk differieren
in vielen Punkten erheblich. Es
wird dauern, Bewusstseinsveränderung ist ein langer Prozess, aber das
ganzheitliche, oben beschriebene Welt- und Menschenbild wird die Religionen
entscheidend prägen und verändern. Matthew
Fox kritisiert in seinem Buch “Der Große Segen” die christlichen Kirchen
vehement, dass sie sich von dem Modell einer Spiritualität trennen müssen,
das sich allein auf Sündenfall und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen
fixiert und stützt. “Die Sündenfall/Erlösungs-Spiritualität lehrt die
Menschen jedoch nichts über die Neue Schöpfung und Kreativität, nichts über
Eros, Spiel, Spaß und den Gott der Freude. Es gelingt ihr nicht, Liebe zur
Erde oder Achtsamkeit für den Kosmos zu lehren,“
.... “Als notwendiges, überfälliges Paradigma fordert Matthew Fox die
Wiederentdeckung und Erneuerung einer schöpfungsorientierten Spiritualität. Das
was Matthew Fox hier fordert, wird kommen. Albert Schweitzer hat zu Beginn des
20. Jahrhunderts eine Spiritualität beschrieben, die im heutigen Kontext ganz
aktuell ist. Er
fand das ethische, christliche Lebensprinzip: “Ehrfurcht vor dem Leben”. Ich
zitiere Schweitzer: “Der
Mensch erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm: Leben
erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert
bringen.” – „Ethisch ist er nur, wenn ihm das Leben als solches, das der
Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist, und er sich dem
Leben, das in Not ist, helfend hingibt. Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben
begreift also alles in sich, was als Liebe, Hingebung, Mitleiden, Mitfreude
und Mitstreben bezeichnet werden kann.” Schweitzers
Schlüsselsatz: “Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das
Leben will.” Das,
was Matthew Fox und Albert Schweitzer hier ausdrücken, ist mehr oder weniger
deckungsgleich mit der Auslegung von Professor Jilek, Liturgieprofessor an der
Universität Regensburg, am 3. März in Pfakofen.
Dort hat Professor Jilek die Begriffe Sünde, Schuld, Strafe neu mit dem
Begriff “Verkehrtheit” des menschlichen Handelns gedeutet. An uns Menschen
liegt es, so Jilek, die Verkehrtheit aufzuheben, die Lebensweisen zu ändern,
neu leben zu lernen. Den Glauben leben, das heißt dem Leben dienen, es fördern,
genau wie bei Albert Schweitzer. Für diese Deutung und für weiteres bin ich
Professor Jilek sehr, sehr dankbar. Bei
Willigis Jäger sind Alltag und Spiritualität
nicht zu trennen. Er sagt: “Die
Durchdringung von Alltag und Spiritualität setzt die Erfahrung voraus, dass
es nichts gibt, was nicht eine Ausdrucksform des Göttlichen wäre.
Dementsprechend ist der Vollzug des Lebens der wirkliche Inhalt der Religiosität
und alle Gebete und Riten sind etwas, was wir dem hinzufügen, mit dem
wir diese Wahrheit feiern.” Mit
diesen oben aufgezeigten Einstellungen ist das Los-Lassen-Können von einer
einseitigen Betonung und Fixierung des Materiellen, des Besitzens, von
ausufernden Bedürfnissen in unserer Konsumwelt kein Verzicht, keine Askese,
sondern eine Selbstverständlichkeit. Die Widersprüche zwischen unserem
Wissen, unseren Idealen und unserer Lebensweise heben sich so Schritt für
Schritt auf. Mit
einem systemischen, ganzheitlichen Denken, mit einem integralen, ja kosmischen
Bewusstsein fällt es uns leicht “anders besser zu leben", zukunftsfähig
zu leben mit Körper, Geist und Seele. In
diesem geistigen spirituellen Befinden kann sich eine Kultur des Mitfühlens,
der Achtsamkeit, der Zusammengehörigkeit, Verbundenheit und der Vernetzung
entfalten. Allein das Gefühl für Zusammengehörigkeit und Verbundenheit
beinhaltet in sich spirituelle Dimensionen. Der
Mensch wird sich als ein Glied in diesem vielfältigen Lebensnetz erkennen und
zu einer Art Geschwisterlichkeit, nicht nur zwischen den Menschen, sondern mit
allem Geschaffenen finden. Hierin
entdecken wir das Wesen einer mystischen Spiritualität. Und ein Wort von Karl
Rahner passt an dieser Stelle. “Der
Christ der Zukunft wird Mystiker sein, oder er wird nicht sein.” Alle
Mystik ist eher antiinstitutionell. Alle Mystik ist eher antidogmatisch. Aus
der Erfahrung des Eins-Seins mit allem Sein und mit dem Göttlichen, wird alle
Dogmatik irrelevant. Wer
hier ansetzt, wird immer noch verboten, ausgeschlossen, verbannt. Am
Ende will ich eine indische Nonne, die unter den Armen lebt und ein Zentrum für
Frauen leitet, zu Wort kommen lassen. Hier ihre Sicht, ihre gelebte
Spiritualität (aus einem Heft: Missio konkret): „Ich stelle mir eine Gesellschaft vor, in der Männer und Frauen als Partner leben können bei Entscheidungen, im Teilen der vorhandenen Mittel der Erde, im Leben miteinander als Brüder und Schwestern in der einen menschlichen Familie. Auf diese Weise ist meine Spiritualität allgemein eine alles umfassende Suche nach Sinn, nach Einheit, Verbundenheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit. Es ist eine ganzheitliche ökologische Spiritualität, die den Blick richtet auf die menschliche Person und alle Formen des Lebens. Es
ist eine Spiritualität, ·
die unseren
menschlichen Körper, die Sexualität, unsere Beziehungen, unsere schöpferischen
und fortpflanzenden Fähigkeiten als heilig und schöpferisch ehrt, ·
es ist eine
feministische Spiritualität, die die Gleichheit von Mann und Frau in allen
Lebensbereichen anerkennt, ·
sie ist eher auf die
Natur und natürliche Prozesse bezogen als auf kulturelle, ·
sie ist stärker
emotional als intellektuell, ·
sie bestätigt die
Befreiung aller unterdrückten Gruppen und fördert nicht-konkurrierende,
nicht-hierarchische, nicht-beherrschende Weisen in den menschlichen
Beziehungen, ·
sie ist eine ökologisch
feinfühlige Spiritualität, die die Erde als lebendige „Mutter“ sieht, ·
sie sieht eine tiefe
Verbindung zwischen den Menschen und dem Rest der Schöpfung, ·
sie widersteht der
Ausbeutung der Erde und ihrer Reichtümer wie Land, Wasser und Wälder ..., ·
sie ist eine
kontemplative Spiritualität, ein liebender Blick auf etwas, sensibel gegenüber
allen Geschöpfen, ein Wunder, die Fähigkeit, sich bewegen zu lassen von der
Schönheit und den Wundern der Schöpfung, ein inneres emotionales Angerührtsein
innerhalb unserer Beziehungen, · sie ist eine Spiritualität der Großzügigkeit zu teilen und zu sorgen, Schranken zu brechen und Grenzen zu überqueren und so Selbstbefreiung, die zu Verbundenheit untereinander und Abhängigkeit voneinander führt.
Seit
Jahren sind mir diese Entwicklungen und Erkenntnisse zu meinem persönlichen
Schwerpunkt, zu einem Herzensanliegen geworden. Ich habe ganz neue
Perspektiven entdeckt und damit große Zuversicht gewonnen. Meine Träume und
Visionen sind heute viel intensiver und gefestigter. In mir sind Geduld und
Gelassenheit stark gewachsen, gar ist eine gewisse Unerschütterlichkeit
eingekehrt. Der
göttliche Geist ist es, der weht und verändert; vielseitig spürt man
Pfingstzeit anbrechen. Wer einfach da ist, offen ist, erfährt Be-Geist-erung. Sepp
Stahl |
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