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Mittelbayerische Zeitung 24.12.2005
Mauern
niederbeten
Weihnachtsbotschaft 2005 von
Altbischof Manfred Müller, Mallersdorf
An Weihnachten gehen unsere Gedanken hinüber
nach Bethlehem, in die Stadt, wo Christus geboren wurde. Ich schaue in diesem
Jahr mit besonderer Besorgnis in diese Stadt Davids, wo von Pilgern und
Touristen die Geburtskirche besucht wird. In der Stadt leben unter den Muslimen
auch Christen, die ihren Lebensunterhalt großenteils dadurch verdienen, dass
sie aus Olivenholz Krippenfiguren schnitzen. Die Existenz dieser
Krippenschnitzerfamilien ist nun aufs Äußerste bedroht durch eine acht Meter
hohe Mauer, die die Israelis um Bethlehem herum bauen. Sie wollen damit ihre
Siedlungen vor palästinensischen Attentätern schützen. Nur durch drei Tore
mit strengen Kontrollstellen soll noch ein Zugang nach Bethlehem möglich sein.
Als ich das Bild dieser Mauer sah, die durch ihre Wucht wie für die Ewigkeit
gebaut erscheint, kam mir unsere Berliner Mauer wieder in Erinnerung, die
einstens unsere Hauptstadt trennte. Auch die Machthaber der DDR waren damals der
Meinung, dass diese Mauer auf unabsehbare Zeit Bestand haben würde. Als mein
verehrter Vorgänger, Bischof Dr. Rudolf Graber, seinerzeit gefragt wurde, was
wir als Christen gegen eine solche Mauer tun könnten, antwortete er
sinngemäß, dass uns keine materielle Gewalt zur Verfügung stünde, dass er
aber sehr wohl an die Macht des Gebetes glaube und dass man sogar auch Mauern
niederbeten könnte.
Diese Bemerkung hat ihm manch milden Spott eingetragen, aber die Geschichte hat
ihm Recht gegeben. Als bei der Wende Tausende von Menschen mit brennenden Kerzen
auf die Straßen gingen und riefen "Wir sind das Volk", erwies sich
die Macht des Geistes stärker als alle Gewalt der damaligen Machthaber. Den
Spuren von Rudolf Graber folgend bin ich gläubiger Optimist, dass auch die acht
Meter hohe Mauer um Bethlehem nicht ewigen Bestand haben wird. Daran erinnert
mich auch die biblische Erzählung von den Mauern von Jericho, die durch höhere
Gewalt zum Einsturz gebracht wurden. Und in diese Richtung geht auch das späte
Bekenntnis Napoleons, der ja einmal Europa beherrscht hatte, der sein Leben aber
dann als Gefangener auf der Insel von St. Helena beendete und zu der Erkenntnis
gekommen war, dass es zwei Mächte auf der Welt gäbe, die der Waffen und die
des Geistes, dass aber letzten Endes die des Geistes die stärkere sei.
Ich bin ein gläubiger Optimist. Mit dem Sänger der Psalmen aus dem Alten
Testament der Heiligen Schrift (PS. 18,30) möchte ich bekennen "Mit meinem
Gott überspringe ich Mauern". Aber es gibt ja nicht nur die Mauern aus
Beton, sondern auch die in den Köpfen. Betonköpfe sind sehr hart. Ich leide
darunter, wie schwer es ist und wie selten es gelingt, die geistigen Mauern
zwischen Palästinensern und Israelis zu überwinden. Dabei sind beide
artverwandt und führen ihre Abstammung beide auf Abraham zurück.
Aber gelegentlich gibt es auch hier Zeichen der Hoffnung. Ein Beispiel vom 7.
November 2005 im Westjordanland: Ein israelischer Soldat hielt die
Spielzeugwaffe des zwölfjährigen Ahmad al-Chatib für eine echte Waffe,
fühlte sich bedroht und schoss auf ihn. Der Junge wurde noch in das Krankenhaus
der nahe gelegenen israelitischen Stadt Haifa gebracht, wo er nach drei Tagen
seinen Verletzungen erlag. Die Familie des Ahmad wollte ein Zeichen setzen - und
das ist ein kleines Wunder: sie entschied sich, die Organe des Jungen für
Israelis zu spenden. Seitdem schlägt das palästinensische Herz in einem
gleichaltrigen israelischen Mädchen. Lunge, Leber und Nieren retteten insgesamt
sechs Kinder. "Die Kinder, die Organe meines Sohnes erhielten, werden jetzt
auch ein Teil von mir sein", erklärt Vater Ismail al-Chatib seine
Entscheidung.
Große Erwartungen für ein friedliches Zusammenleben im Heiligen Land begegnen
dabei dem neuen Papst. Der Papst hat zwar keine Divisionen, wie einst Stalin
spöttisch bemerkte, aber es ist bezeichnend für die Hoffnungen, die man auf
ihn setzt, dass der palästinensische Präsident Mahmut Äbbas bei seiner
kürzlichen Audienz bei Benedikt XVI. diesem einen symbolischen Pass für
Bethlehem überreicht hat. "Sie werden sehr willkommen in Jerusalem und an
all den heiligen Stätten sein", sagte Abbas und sein Begleiter hatte auf
Deutsch den Papst darum gebeten, den Christen in Bethlehem seine Hilfe zukommen
zu lassen. Nachdem der Papst kurz zuvor auch vom israelischen Präsidenten
Mosche Katzav zu einem Besuch Israels eingeladen worden war, wird er sich in
seiner Rolle gestärkt gefühlt haben, Brückenbauer zu sein. Jeder Papst
schreibt ja hinter seinen Namen ein doppeltes P. Das wird gedeutet als Papst und
Pontifex. Pontifex heißt der Brückenbauer. Und als solcher sieht auch Papst
Benedikt seine Aufgabe. Es war eine frohe vorweihnachtliche Botschaft, dass der
Heilige Vater im kommenden Jahr auch seine bayerische Heimat besuchen wird.
Darauf freuen wir uns alle.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein gesegnetes Christfest und
viel gläubigen Optimismus auf Ihrem Weg im neuen Jahr. |