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Mittelbayerische Zeitung - 27.10.2004
Bischof
Müller kämpft für Theologie der Befreiung
An der Seite der Armen
ein Aufsehen erregendes Buch mit dem peruanischen Slum-Pfarrer Gustavo
Gutiérrez
Von Harald Raab, MZ
REGENSBURG. Gottes Wege so sagt man sind
unerforschlich. Auf einem davon
hat er zwei prominente Männer der katholischen Kirche zusammengeführt,
die man nach gängigen Vorurteilen so schnell nicht in gemeinsame Sache
sehen würde: den großen Kommunikator der christlichen Botschaft in
Südamerika, den Vater der Theologie der Befreiung, Gustavo Gutiérrez
(76), und den Regensburger Bischof, Gerhard Ludwig Müller (57), der auf
dem verminten Feld der Massen- und Gruppenkommunikation und mit einem
sich kritisch gerierenden Teil seiner Diözese so seine Probleme hat.
Freunde im Tun
Gustavo Gutiérrez ist
Theologie-Professor wie Gerhard Ludwig Müller,
letzterer ein renommierter Dogmatiker, ersterer ein in der Welt
bekannter Sozialwissenschaftler. Slum-Pfarrer in Lima: Gutiérrez,
Diözesanbischof in Regensburg: Müller. Beide sind Freunde auf
menschlichem Terrain, aber auch im Geiste und im Tun. Sie haben jetzt in
dem Buch An der Seite der Armen (Sankt Ulrich Verlag, Augsburg) die
Basis ihrer Gemeinsamkeit offen gelegt: die Theologie der Befreiung.
Entstanden ist ein sicher nicht gerade süffig
zu lesendes Sachbuch. Aber
es ist spannend und voll christlichem Sprengstoff in einer Welt
kapitalistischer Verwerfungen. Da wird nicht nur von den beiden Autoren,
aber durchaus aus zwei unterschiedlichen, sich letztlich aber
ergänzenden Perspektiven einem deutschen Publikum die Theologie der
Befreiung als südamerikanische Sonderform unterschiedlicher
Theologie-Ansätze nahe gebracht. Es ist dabei gerade Gerhard Ludwig
Müller, der zu dem Schluss kommt, dass Christsein an der Seite der
Armen, auch die Initialzündung im Sinn der Päpste Johannes XXIII. und
Johannes Paul II. für die ganze Welt und speziell auch für Europa und
Nordamerika sein muss.
Dieses Buch hat außerdem für bayerische
Christen, ganz besonders aber
für die Menschen in der Diözese Regensburg, den unschätzbaren Wert,
diesen Bischof Gerhard Ludwig Müller in seiner konsequenten Haltung,
aber auch in seiner manchmal zu erlebenden Ungeduld besser verstehen zu
lernen, gerade auch dort, wo er sich als Werkzeug des göttlichen Wollens
begreift. Müllers Wirken, das wird in seinen Beiträgen zu dem Buch
deutlich, geht von zwei klaren Prämissen aus: Gott ist Quelle und Ziel
aller privaten und öffentlichen Existenz. Er ruft zur Nachfolge Christi
auf, um Gottes Reich auch auf Erden zu realisieren und die Menschen
nicht nur aufs Jenseits zu vertrösten.
Dabei ist er ganz im Sinn der
Befreiungstheologie eines Gustavo
Gutiérrez sehr konkret und auch reichlich unbequem für all diejenigen
und das sind wohl die meisten in den westlichen Gesellschaften , die es
sich im kirchlichen Trott der Teilnahme an Ritualen und Traditionen und
in dieser Weltwirtschaftsordnung kommod gemacht haben. Wer das System
des Lebens auf Kosten anderer nützt oder gar aktiv stabilisiert, wird
von Bischof Müller sehr deutlich dem Kartell der Sünde zugeordnet. Wer
Christ sein will, ist verpflichtet, etwas zu tun, damit diese Erde ein
für alle bewohnbarer Stern wird.
Die Theologie der Befreiung wurde natürlich
in einem bewusst reduzierten
Verständnis bloß ihrer sozialen Dimension ideologisch missbraucht. Das
stellen Gutiérrez und auch Müller unmissverständlich fest. Es geht um
mehr als um Sattwerden und ein Ende der Ungerechtigkeit. Es geht
vielmehr um göttliche Zielbestimmung für den Menschen. Doch das eine sei
nicht ohne das andere zu haben. Die Befreiung von Armut und
Würdelosigkeit gehöre untrennbar dazu. Gutiérrez: Der zentrale Gehalt
des Evangeliums ist die Gottesherrschaft. Aber das Reich Gottes will
ergriffen sein von Menschen, die in der konkreten Geschichte leben.
Gleichermaßen gehen Müller und Gutiérrez
mit denen ins Gericht, die die
Befreiungstheologie verleumden, um weiterhin an der Ausbeutung von
Menschen und Ländern verdienen zu können. Obwohl die Theologie der
Befreiung ein völlig anderes Menschenbild als der Marxismus hat,
unternimmt Müller sogar den Versuch, zu erläutern, warum sie nicht nur
mit marxistischen Terminologien, sondern auch mit durchaus treffenden
Analysen marxistischer Provenienz arbeite. Er schiebt sogar eine
glasklare Kapitalismuskritik nach.
Persönlich engagiert
Müller, der in seinen Äußerungen den
Menschen hinter dem Amt gern
verbirgt, outet sich im Buch sehr persönlich: Ich beschäftige mich mit
der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, weil die
gesellschaftlichen, ökonomischen und kirchlichen Verhältnisse der
Menschen in Lateinamerika eine objektive Dimension meines eigenen
Menschseins sind.
Dieses Buch der beiden Priester könnte
auch Anlass sein, kleinkarierte
Streitereien unter Christen zu beenden. Es gibt viel Wichtigeres in der
Welt und auch im Nahbereich der Menschen. Die Theologie der Befreiung
auch bei uns: Das freilich wäre eine Perspektive, die dem Leben vieler
wieder mehr Sinn geben könnte.
Passauer Neue Presse 28.10.04
Buchvorstellung Müller /Gutierrez
PNP28.10.04
Gerhard
Ludwig Müllers unbequeme Botschaft
Glasklare
Kapitalismuskritik: Der Regensburger Bischof hat zusammen mit Gustavo
Gutiérrez ein Buch über die „Theologie der Befreiung“ vorgelegt.
von Harald Raab
Regensburg. Der Augsburger Sankt Ulrich
Verlag hat gestern in Regensburg ein ungewöhnliches Buch vorgestellt: „An
der Seite der Armen – Theologie der Befreiung“. Weil es darin um
Impulse zur Hoffnung gerade auch für junge Menschen geht, erläuterten
die beiden Autoren, der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller und
der peruanische Theologe Gustavo Gutiérrez, vor Schülerinnen und
Schülern kirchlicher Gymnasien das Konzept der Befreiungstheologie und
deren Impulse auch für Europa.
Gottes Wege – so sagt man – sind
unerforschlich. Auf einem davon hat er diese beiden prominenten Männer
der katholischen Kirche zusammengeführt, die man nach gängigen
Vorurteilen so schnell nicht in gemeinsamer Sache sehen würde: Gutiérrez
(76), den großen Kommunikator der christlichen Botschaft in Südamerika,
und Bischof Müller (57), der auf dem verminten Feld der Massen- und
Gruppenkommunikation und mit einem sich kritisch gerierenden Teil seiner
Diözese so seine Probleme hat.
Gustavo Gutiérrez ist
Theologie-Professor wie Gerhard Ludwig Müller, letzterer ein renommierter
Dogmatiker, ersterer ein weltbekannter Sozialwissenschaftler. Beide sind
Freunde auf menschlichem Terrain, aber auch im Geiste und im Tun. Sie
haben jetzt in ihrem Buch die Basis ihrer Gemeinsamkeit offen gelegt: die
„Theologie der Befreiung“. Entstanden ist ein sicher nicht gerade
süffig zu lesendes Sachbuch. Aber es ist spannend und voll christlichem
Sprengstoff in einer Welt wirtschaftlicher Verwerfungen.
Da wird einem deutschen Publikum die
Theologie der Befreiung als südamerikanische Sonderform unterschiedlicher
Theologie-Ansätze nahe gebracht. Das Buch hat außerdem für bayerische
Christen den unschätzbaren Wert, diesen Bischof Gerhard Ludwig Müller in
seiner konsequenten Haltung, aber auch in seiner manchmal zu erlebenden
Ungeduld besser verstehen zu lernen, gerade auch dort, wo er sich als
Werkzeug des göttlichen Wollens begreift. Müllers Wirken, das wird in
seinen Beiträgen zu dem Buch deutlich, geht von zwei klaren Prämissen
aus: Gott ist Quelle und Ziel aller privaten und öffentlichen Existenz.
Er ruft zur Nachfolge Christi auf, um Gottes Reich auch auf Erden zu
realisieren und die Menschen nicht nur aufs Jenseits zu vertrösten.
Dabei ist er ganz im Sinn der
Befreiungstheologie, als deren „Vater“ Gustavo Gutiérrez gilt, sehr
konkret und auch reichlich unbequem für all diejenigen – und das sind
wohl die meisten in den westlichen Gesellschaften –, die es sich im
kirchlichen Trott der Teilnahme an Ritualen und Traditionen und in dieser
Weltwirtschaftsordnung kommod gemacht haben. Wer das System des Lebens auf
Kosten anderer nützt oder gar aktiv stabilisiert, wird von Müller sehr
deutlich dem Kartell der Sünde zugeordnet. Wer Christ sein will, ist
verpflichtet, etwas zu tun, damit diese Erde ein für alle bewohnbarer
Stern wird.
Die „Theologie der Befreiung“ wurde
natürlich in einem bewusst auf das Soziale reduzierten Verständnis
ideologisch missbraucht. Das stellen Gutiérrez und auch Müller
unmissverständlich fest. Es geht um mehr als um Sattwerden und ein Ende
der Ungerechtigkeit. Es geht vielmehr um göttliche Zielbestimmung für
den Menschen. Doch das eine sei nicht ohne das andere zu haben. Die
Befreiung von Armut und Würdelosigkeit gehöre untrennbar dazu.
Gutiérrez: „Der zentrale Gehalt des Evangeliums ist die
Gottesherrschaft. Aber das Reich Gottes will ergriffen sein von Menschen,
die in der konkreten Geschichte leben.“
Müller und Gutiérrez gehen mit denen
ins Gericht, die die „Theologie der Befreiung“ verleumden, um weiter
an der Ausbeutung von Menschen und Ländern verdienen zu können. Obwohl
die Befreiungstheologie ein völlig anderes Menschenbild als der Marxismus
hat, unternimmt Müller sogar den Versuch, zu erläutern, warum sie nicht
nur mit marxistischen Begriffen, sondern auch mit durchaus treffenden
Analysen marxistischer Provenienz arbeite. Er schiebt sogar eine glasklare
Kapitalismuskritik nach.
Müller, der in seinen Äußerungen den
Menschen hinter dem Amt gern verbirgt, outet sich im Buch sehr
persönlich: „Ich beschäftige mich mit der lateinamerikanischen
Befreiungstheologie, weil die gesellschaftlichen, ökonomischen und
kirchlichen Verhältnisse der Menschen in Lateinamerika eine objektive
Dimension meines eigenen Menschseins sind.“ Die Theologie der Befreiung
macht aber vor unserer eigenen Haustür nicht Halt. „Das Zeitalter der
Globalisierung führt zu gesellschaftlichen Veränderungen, die wir auch
in unserem Bistum spüren können“, sagte Müller gestern. Gerade in den
Regionen entlang der tschechischen Grenze seien mehr Menschen arbeitslos
als im Durchschnitt Bayerns. „Was können wir als Kirche beitragen, dass
die Menschen nicht auf der Strecke bleiben? Wir dürfen als Christen nicht
tatenlos zusehen, wenn immer mehr Arbeitnehmer auf die Verliererseite der
Gesellschaft gedrängt werden. Es gilt, die Verantwortlichkeit des
Kapitals herauszustellen.“
Dieses Buch der beiden Priester könnte
auch Anlass sein, kleinkarierte Streitereien unter Christen zu beenden. Es
gibt viel Wichtigeres in der Welt – und auch im Nahbereich der Menschen.
Die „Theologie der Befreiung“ auch bei uns: Das freilich wäre eine
Perspektive, die dem Leben vieler wieder mehr Sinn geben könnte.
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