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Süddeutsche Zeitung Nr. 229 -  2./3. Oktober 2004 ( Seite 54)

Ein aufmunternder Katholik
Ernst-Wolfgang Böckenförde erhält den Guardini-Preis

Na, da haben sie den Richtigen ausgesucht! Einen Sozialdemokraten, der sich als Präsident des Bundesverfassungsgerichts in der Diskussion ums Abtreibungsrecht auf die Seite der Kirche stellte. Ein Querdenker also. Da verwundert es nicht, wenn so einer den Gastgebern nicht nach dem Munde redet. Oder ist die Wahl vielleicht gerade deshalb auf Ernst- Wolfgang Böckenförde gefallen?

Die katholische Akademie in Bayern hat ihm den Romano-Guardini-Preis verliehen. "Eine Wahl, die Böckenförde ehrt, aber auch die Juroren, die ihm den Preis zugesprochen haben", lobt Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel am Donnerstagabend vor 200 geladenen Gästen im großen Saal an der Mandlstraße. "Etwas beschämt" habe ihn die Würdigung, wird Böckenförde nach der Laudatio sagen und den Preis bezeichnen als "Krönung meines Jahrzehnte langen Bemühens, die Weltverantwortung der Kirche richtig, zu begreifen". Der Staatsrechtler erzählt, ganz harmlos zunächst, wie er 1951 im Audimax Guardinis Vorlesung "Grundfragen der Ethik" gehört hat und dass er den Seminarschein heute noch besitzt. Dann aber nutzt der praktizierende Katholik die Gelegenheit zu einer scharfsinnigen Analyse über den Zustand seiner Kirche.

Die, so denkt Böckenförde, brauche "einen Ruck, ein neues Klima, eine Freude am Glauben, die ansteckend ist". Er hat eine Vision von Christen, die Religionsfreiheit nicht nur für sich einfordern, sondern sie auch anderen zugestehen. Christen, die es "nicht als Abbau der christlichen Prägung des Landes" empfinden, wenn Muslime "ihre Gebetshäuser bauen". Auch eine "Anerkennung der Religionsfreiheit in die Kirche hinein" wünscht sich Böckenförde. Er lässt anklingen, dass er nichts davon hält, wenn ein Bischof von seinen Priestern bedingungslosen Gehorsam fordert und dabei in Kauf nimmt, dass das "zu inneren Brüchen führt". "Rückgratlose Ganzhingabe kann der Sinn priesterlicher Existenz nicht sein. Der Ausweg, der dann oft ergriffen. wird, ist das Umschalten von Identifikation auf äußere Loyalität. Von bloßer Loyalität aber springt kein Funke über."

Die Ehrengäste in der ersten Reihe von Landtagspräsident Alois Glück bis hin zu Böckenfördes Nachfolgerin Jutta Limbach spähen gespannt zum Kardinal. Der steht auf, bedankt sich für die "Ermutigung" . Er habe nichts gegen Kritik, die ohne Häme vorgetragen werde, sagt Friedrich Wetter später und lobt den Juristen Böckenförde, "der in juristischen Kategorien denkt". Die Theologie aber, sagt Wetter, sehe das mit der Ganzhingabe etwas anders.

Monika Maier-Albang

 

 

 


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