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DIE ZEIT, 27.09.2007

Gottes schrille Lautsprecher

Wie sieht der Bischof der Zukunft aus? Jedenfalls nicht so wie das Trio Meisner,
Mixa, Müller – meinen selbst viele ihrer Kollegen

Von Patrik Schwarz

Er war der Stolz der katholischen Kirche in Deutschland. Er verschränkte Macht und
Geist. Er existierte in konservativer und in liberaler Ausprägung - und seine Exponenten
rückten in höchste Ämter auf: der Professoren-Bischof, wie ihn Karl Kardinal Lehmann
verkörpert (liberal und seit 20 Jahren Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz)
und natürlich Joseph Ratzinger (einst konservativer Theologe und heute Papst).
Professoren-Bischöfe waren brillante Akademiker, denen die Kirche gleichzeitig
Führungsaufgaben im Apparat anvertraute. Doch zunehmend werden Stimmen des
Abschieds laut. »Das ist eine alte Ära«, sagt ein hoher Würdenträger dieser Tage; »in
der alten Form hat das Modell ausgedient«, meint ein anderer.
Es ist dieser Umbruch in der Führungsriege der katholischen Kirche, der hinter den
Aufgeregtheiten um die Bischöfe Meisner, Mixa und vor allem Gerhard Müller steht.
Zugleich zeigt die Affäre um Müller, der Ministranten einen wegen sexueller Vergehen
bestraften Kleriker zuteilte, die Grenzen dieses Typus: Als Dogmatikprofessor geachtet,
war er überfordert mit der Macht, die ihm als Herrn über das Bistum Regensburg
plötzlich zufiel. »Er ist ein großer Junge«, sagt jemand, der ihn als introvertiert und
scheu im Umgang mit Menschen erlebt hat.
Anders als in den Fällen Mixa (»Gebärmaschinen«) und Meisner (»entartete« Kunst)
fordern bei Müller inzwischen erste Kollegen Konsequenzen. Zwar kann die
Bischofskonferenz, die bis Freitag in Fulda tagt, ein Mitglied weder förmlich abmahnen
noch ablösen, aber eine symbolträchtige Abberufung Müllers als Ökumene-Beauftragter
für die Gespräche mit der evangelischen Kirche ist vorstellbar.
Doch über die Causa Müller hinaus ist mit den Professoren-Bischöfen eine sehr
deutsche Institution im Rückzug begriffen. So wie die Protestanten erregt reagieren,
wenn ihnen die Berechtigung, Kirche zu sein, abgesprochen wird, so war das
katholische Episkopat in der Heimat Luthers lange von einem unterschwelligen Zweifel
verfolgt: Ist der Katholizismus nur Bauch-und-Bilder-Religion im Schatten der Kopf-und-
Wort-Tradition der Reformation? Als Professoren-Bischof wurde der Bischof intellektuell
satisfaktionsfähig - und der Professor in die Lage versetzt, Kirche zu regieren.
Allein, es wachsen keine Ratzingers mehr nach (und auch keine Hans Küngs). Der
Grund dafür ist weniger in der Kirche zu suchen als im Zustand der Universitäten. Der
spätere Papst wie sein einstiger Gegenspieler Küng wuchsen zu Leuchttürmen ihrer
Zeit nicht im akademischen Elfenbeingemäuer, sondern erst in der Auseinandersetzung
mit den politischen Stürmen der sechziger und siebziger Jahre. »Es wird immer mal
einen Professor geben, der auch Bischof wird«, bilanziert ein Betroffener, »aber das
akademische und kirchliche Führungsmilieu ist heute weiter auseinander als damals.«

Inzwischen fehlt der Kirche der gesellschaftliche Gegenwind (wie bei Ratzinger)
genauso wie der Rückenwind (wie bei Küng). Heute regiert vielerorts Gleichgültigkeit.
Erst in der Konfrontation mit dem Zeitgeist konnten beide Professoren ein Profil
ausbilden, das über akademische Debatten hinaus politisch wirkte.
In die Lücke stoßen Mixa, Meisner und Müller, der sich schon vor dem Ministranten-
Skandal mit Angriffen auf kirchliche Laienorganisationen Feinde machte. Zugute kommt
den drei schrillen Lautsprechern Gottes das informelle Motto der Bischofskonferenz:
Einheit in Stille – lieber gemeinsam den Mundhalten als den Eindruck der Zerstrittenheit
erwecken. Dabei begünstigt diese Haltung den Effekt, den sie verhindern soll: Die
wenigen Bischöfe, die die öffentliche Bühne bespielen, wirken so schräg, weil die
weiseren ihre Weisheit lieber für sich behalten. »Das ist nicht unsere Klangfarbe«, heißt
es dann vornehm. Doch wenn die Richtigen nicht das Wort ergreifen, werden die
Falschen umso lauter gehört.
Wie der Bischof der Zukunft ausschauen soll, dafür fehlt der Kirche bisher ein Leitbild.
Nirgends spiegelt sich diese Leere deutlicher als in der Vakanz der - mit Köln -
wichtigsten Diözese, des Erzbistums München und Freising. 2011 soll hier der
Ökumenische Kirchentag stattfinden, von hier wird wohl der nächste Vorsitzende der
Bischofskonferenz kommen. Bereits seit Februar ist der bisherige Münchner Erzbischof
pensioniert. Beim Abendessen in Fulda nun bedeutete der Botschafter des Vatikans in
Berlin den Bischöfen, sie müssten nicht mehr lange auf eine Entscheidung Benedikts
warten. Doch dass sich kein Favorit aufdrängt, zeigt sich schon am buntesten Gerücht
um diese Personalie: dass Georg Gänswein, des Papstes deutscher Privatsekretär,
kurzerhand selbst als Bischof einspringen könnte.
Trotzdem zeichnet sich bereits eine Struktur der Nach-Ratzinger-Ara ab. Nicht zwei
Lager, aber doch zwei Linien lassen sich in der Bischofskonferenz unterscheiden.
»Jeder Bischof muss auch Schalterdienst gemacht haben«, fasst ein Erzbischof die
erste Linie zusammen. In dieser Vorstellung sollte sich Praxiserfahrung in den
gebeutelten Gemeinden paaren mit einer »bodenständigen Spiritualität« (in Abgrenzung
etwa zum extremen Marienkult von Johannes Paul II.). »Verwaltung und Verkündigung«
seien die zwei Stärken, die den künftigen Bischof ausmachen sollten, meint diese
Richtung, die die sozial-ethischen Traditionen der Kirche betont. Dieses Profil träfe etwa
auf Erzbischof Zollitsch von Freiburg zu, aber auch auf Bischof Bode von Osnabrück,
der als Jugendbischof Benedikts ersten Weltjugendtag in Köln begleitet hat.
Der andere Strang rückt die Theologie in den Mittelpunkt und eine Spiritualität, die
sich in aufgeklärter und doch von innerem Leuchten getragener Rede äußert, der
»Rede zur Welt hin«. Der Bischof muss in diesem Idealbild die Komplexität der
Moderne nicht bekämpfen, um trotzdem den eigenen Standpunkt deutlich zu machen.
Dieser »liberal-konservative« Typus ist liberal, weil er mit offenem Visier auf die
Moderne zugeht und Freude am Wettstreit der Ideen hat (wie ihn Benedikt mit Jürgen
Habermas vormachte), und dabei konservativ im Beharren auf der eigenen Wahrheit
(wie Ratzinger es Johannes Paul II. in seine Enzyklika Dominus lesus schrieb). Der
Bamberger Erzbischof Ludwig Schick vereint diese Eigenschaften und hat als
Vorsitzender der deutschen Kommission »Weltkirche« überdies starke internationale
Bezüge. Und dann gibt es natürlich die Kompromisskandidaten, etwa Reinhard Marx
aus Trier, der soziales Bewusstsein mit dogmatischer Härte und Mediengewandtheit
verbindet.
Über die Münchner Ernennung darf der Papst allein verfügen. Ironischerweise wird also
der einstige Professoren-Bischof Ratzinger den Grundstein für die Nach-Ratzinger-Ära
legen.

 

 


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