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Süddeutsche Zeitung vom 20. Oktober 2007

Glaube, Hiebe, Hoffnung
Die katholische Kirche verliert mehr und mehr ihre Mitte. Geht das so weiter,
verspielt sie ihre Zukunft.

Von Matthias Drobinski

Liebe Katholiken in Deutschland, rettet Eure Kirche! Nicht vor dem Spott der
Ungläubigen, sondern: vor sich selbst! Vor kurzem noch sah es gut aus für die große,
alte Mutter der katholischen Gläubigen. Da war gerade Joseph Ratzinger Papst
geworden und auf einmal nicht mehr der strenge Glaubenswächter, sondern der
lächelnde Weltdenker, und jeder wollte ein bisschen Papst sein, selbst mancher von
den Evangelischen. Die anderen, die Unbegeisterten, mussten erklären, warum sie sich
so hartnäckig dem Papstsein verweigerten, dem guten Schuss Katholizismus im Leben,
mit Barock und Kirchenmusik, Latein, Weihrauch und Werten. Die Welt war voller
Begierdekatholiken, die sich oft päpstlicher aufführten als die echten, die ahnten, dass
es weitergehen würde wie bisher mit ihrer Kirche, der in jeder Richtung staunenswerten.
Angenommen, man wäre ein papstkritischer Fußballhasser: Das Jahr 2006 wäre
medienmäßig ein annus horrbilis gewesen.
Und jetzt scheint, wenn man Zeitung liest, Radio hört oder Fernsehen schaut, katholisch
eine skurrile Lebens- und Denkform zu sein: schrill, intellektuell eher minderbemittelt,
halsstarrig, und wenn es drauf ankommt fundamentalistisch. Katholisch ist der Satz, die
staatliche Kinderkrippenpolitik degradiere Frauen zu „Gebärmaschinen"; der
Augsburger Bischof Walter Mixa hat ihn gesagt. Katholisch ist die unglückliche Predigt
des Kölner Kardinals Joachim Meisner, in der er sagte, eine Kultur „entarte", wenn sie
von der Gottesverehrung abgekoppelt werde. Katholisch ist die Halsstarrigkeit des
Regensburger Bischofs Gerhard Ludwig Müller, der immer noch behauptet, es sei kein
Fehler gewesen, einem löchrigen Gutachten zu folgen und einen wegen
Kindesmissbrauchs vorbestraften Priester wieder in einer Gemeinde einzusetzen. Für
die katholische Kirche steht zurzeit sogar die ehemalige Nachrichten-Vorleserin Eva
Herman mit ihrem Gerede über Mütter und Kinder und Nazis und Autobahnen, weil sie
vor dem Kongress „Freude am Glauben" geredet hat, einer konservativ-katholischen
Veranstaltung.
Mixa und Meisner, Müller und Herman - sie sind ein Teil des katholischen Lebens, nicht
mehr, nicht weniger. Ein kleiner Teil sogar, wenn man einmal nachzählt. Auch viele
Bischöfe sind über Kardinal Meisners oder über Bischof Mixas Äußerungen nicht
glücklich. Noch mehr rätseln mittlerweile, was wohl ihren Amtsbruder aus Regensburg
treibt, der sich in so fürchterlichen Konflikten verrennt. Und erst recht ist Eva Herman
nicht „die katholische Kirche". Sie hat vor 1000 Menschen geredet, die haben ihr
herzlich zugejubelt, was kein so großes Wunder ist: Der Kongress in Fulda sieht sich
als Gegenveranstaltung zum Katholikentag, der den „Freude am Glauben"-Machern zu
pluralistisch, kompromisslerisch und papstkritisch ist. Und er eint längst nicht alle
Katholiken dieses Spektrums: Der hessische Wirtschaftsminister Alois Riehl (CDU), 
zutiefst seiner Kirche verbunden, wollte aus Protest gegen den Auftritt Hermans nicht
mehr Schirmherr des Treffens sein.
Warum aber steht auf einmal der Rand für die Mitte, die Minderheit für die Mehrheit, die
Sackgasse für den Weg? Zum Teil ist das ein Medienproblem. Der Skandal, das
Außergewöhnliche, die Zuspitzung haben es bei den Journalisten leichter als die
Differenzierung und der Zwischenton; und dass die katholische Kirche
kulturkämpferisch und rückwärtsgewandt ist, wird manchmal stillschweigend
vorausgesetzt. Kardinal Karl Lehmann, der Bischofskonferenzvorsitzende, hat zur
Eröffnung der Herbstvollversammlung Ende September ein kluges Referat zum Stand
der Ökumene gehalten. Sein Pech: Die Kollegen Müller und Meisner hatten das Terrain
schon besetzt. Und der Fall der Nachrichtensprecherin, die, welch Missverständnis, sich
zur Prophetin berufen fühlt, ist nichts als eine Mediengeschichte: Ein Moderator lässt
sein kritisches Bewusstsein aufblitzen, indem er die Überforderte zur Talkshow-
Hinrichtung führt. Großartig.
Aber zu einem noch viel größeren Teil ist das, was da zu beobachten ist, ein tiefes
inneres Problem der katholischen Kirche. Nach Walter Mixas Gebärmaschinen-Satz
fuhren die Bischöfe gemeinsam nach Israel, und dort erlebten sie einen Augsburger
Amtsbruder, der überhaupt nicht zerknirscht oder zerzaust war angesichts des Sturms,
der da über ihn hinweggebraust war.
Im Gegenteil, er war stolz: Ich muss so reden, sagte er den mitreisenden Journalisten,
sonst hört uns Kirchenleute keiner. Hätte ich einfach nur gesagt, dass die Krippenpolitik
der Regierung nicht familienfreundlich ist - keiner von euch hätte davon Notiz
genommen. Jetzt sage ich „Gebärmaschinen", und schon reden alle über Kinderkrippen
und über Eltern, die zu Hause bleiben und selbst ihre Kinder betreuen. Ähnlich hat
schon Kardinal Meisner argumentiert, angesprochen darauf, warum er die
Abtreibungspille EU 486 in einem Atemzug mit Zyklon B, dem Mordgas der Nazis,
genannt hat: „Manchmal muss man deutlich werden, wenn man sich um der Botschaft
willen Gehör verschaffen will"; es sei Aufgabe der Kirche, „das Menetekel an die Wand
zu malen". Und so sieht sich auch Bischof Müller in seinen Konflikten: Wer im Auftrag
des Herrn unterwegs ist, darf dem Krach nicht um des lieben Friedens ausweichen.
„Besser es gibt Skandal, als dass die Wahrheit zu kurz kommt", sagte Papst Gregor der
Große im 7. Jahrhundert. Einst war das die Parole der linken Kirchenreformer, jetzt
haben sie sich die konservativen Revolutionäre in der Kirche angeeignet, so, wie auch
die Befürworter der alten lateinischen Messe sich als Avantgarde der Kirche verstehen.
Es ist ein paradoxes Bündnis zwischen dem Empörungspotential einer Öffentlichkeit,
die auf alle Reize mit Allergieschock reagiert, die irgendwie mit den Nazis zu tun haben,
und jenem katholischen Teil, der davon überzeugt ist, dass der Zeitgeist und
Mainstream nichts mehr von Gott, Gottes Geboten und der Kirche wissen wollen. Dass
es für diesen Kulturpessimismus so wenig objektiven Anlass gibt wie für den euphorisch
vorgetragenen Irrtum, in der Ära des deutschen Papstes müsse die katholische Kirche
einen langen und warmen Frühling erleben, ist dabei nicht entscheidend. Entscheidend
ist das Gefühl, in einem Kampf zu stehen, um Begriffe, um die Zukunft der Welt, die
Zukunft des Christentums, der Kirche - gegen die Beliebigkeit und die Ausuferungen der 
Moderne, gegen den Atheismus, die östlichen Religionen und ganz besonders den
Islam. Es ist zu einfach, diese Haltung als gestrig abzuqualifizieren, um sich nicht mehr
mit ihr beschäftigen zu müssen. Sie ist konservativ in ihren Denk- und
Ausdrucksweisen, sie ist in ihrer Struktur aber sehr modern, sie ist in weiterem Sinne
eine Reaktion auf die Globalisierung.
Sie sagt: Wenn nicht mehr von Moral, sondern nur noch von Werten die Rede ist, die
von einem bestimmten Preis an verhandelbar sind, wenn weltweit die Religionen um
das knappe Gut Sinn konkurrieren, dann muss die katholische Kirche sich als scharf
konturierte Gemeinschaft mit klaren Aussagen präsentieren, die die Gesetze der
Medien zu nutzen weiß: Der schärfste Satz gewinnt. Differenzieren kann man hinterher.
Die katholischen Vertreter dieser Haltung können sich auf Joseph Ratzingers Predigt
gegen die „Diktatur des Relativismus" berufen, gehalten im Petersdom am Tag vor
seiner Wahl: „Einen klaren christlichen Glauben zu haben, gemäß dem Credo der
Kirche, wird häufig als Fundamentalismus etikettiert. Dabei erscheint der Relativismus,
das heißt das Sich-treiben-lassen hierhin und dorthin von jedwedem Wind der Lehre,
als die einzige Haltung auf der Höhe der Zeit. Es bildet sich eine Diktatur des
Relativismus heraus, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Maß nur das
eigene Ich und seine Wünsche gelten lässt."
Man kann die Schärfe der Worte mildern, indem man zum Beispiel die Enzyklika
Benedikts über die Liebe anführt oder seine Ansprache in Mariazell. Man kann aber
auch den Papst so interpretieren: Erst in der klaren Absage an die Diktatur des
Relativismus offenbart sich die Schönheit und die Liebeskraft dieses Glaubens. Die
Amtsführung des Papstes lässt die milde und die scharfe Antwort zu - aber schon das
macht ihn zu einem mächtigen Verbündeten jenes Teil der katholischen Kirche, deren
Helden Meisner und Mixa, Müller und Herman heißen.
Und deshalb gibt es auch keinen Aufstand gegen die öffentliche Dominanz des Randund
Ausrutscherkatholischen: Die Bischöfe wollen den Papst nicht herausfordern und
ihren Brüdern in Christo nicht aufs Hühnerauge treten, und überhaupt schimpft der gute
Katholik zwar bei jeder Gelegenheit über seine Kirchenoberen und bestreitet ganze
Pfarrgemeinde-Fastnachtssitzungen mit Papst- und Pfarreiwitzen, aber den
Kirchenfeinden oder der hämischen Presse Munition liefern will er nun auch nicht. Wer
es doch macht, wie der herrlich starrsinnige Hans-Joachim Meyer, der Präsident des
Zentralkomitees der deutschen Katholiken, dem ist der Zorn jener gewiss, die in
solchen Leuten nichts als Nestbeschmutzer sehen, kein Zufall, dass einer von ihnen
Gerhard Ludwig Müller heißt und Bischof von Regensburg ist.
„Die Kirche nervt", hat die Wochenzeitung Die Zeit geschrieben. Sie muss ja auch
nerven, die Kirche. Die Botschaft ihres Gründers ist nun einmal quer zu den Geistern
der Zeit, und seit sie die Katakomben verließ, war sie immer dann am weitesten von
Jesus Christus entfernt, wenn sie am wenigsten den Betrieb der Welt störte. Sie muss
nerven, wenn beim Krippenausbau der Wunsch der Unternehmen nach einer möglichst
kurzen Kinderpause ihrer Mitarbeiterinnen im Vordergrund steht und nicht die Qualität
der Kinderbetreuung - diese wunderbare antikapitalistische Pointe Walter Mixas hat in
der ganzen Aufregung keiner bemerkt. Sie muss nerven, wenn es im reichen Deutschland 200 000 und mehr Abtreibungen gibt - würden die Kirchen sagen: ist egal,
dann würde dem Land etwas fehlen. Sie muss stören, wenn im Namen des Fortschritts
mit Leben experimentiert wird, die soziale Ungleichheit unerträglich und im Namen des
Konsumenten der Sonntag zum Alltag wird.
Aber die Kirche nervt in der falschen Weise, wenn sie auftritt wie die Protagonisten der
neuen Schärfe. Sie nervt nicht, weil sie Finger in Wunden legt oder den nackten Kaiser
auch nackt nennt. Sie nervt, weil sie für die Zweifelsfälle des Lebens keinen Blick hat,
weil sie selbstgerecht ist und wohl recht eigentlich die verlorengegangene Macht in der
Politik und über den Alltag der Menschen zurückgewinnen will.
Damit verliert die katholische Kirche ihre Mitte. Sie redet nicht mehr von Gott, von
Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, der im Scheitern den Tod besiegte, der
mit den Menschen litt und der bei der Hochzeit von Kanaa ausgelassen fressen und
saufen konnte. Sie diskutiert über den rechten Gebrauch des Wortes
„Gebärmaschinen", wann man zu was „entartet" sagen darf oder es wenigstens meinen
kann und ob bischöfliche Handlungen im Bistum Regensburg per se den Status der
Unfehlbarkeit haben. Sie macht den Rand zur Mitte, die politische Folgsamkeit zur
Bekenntnisfrage, das Kirchenrecht zum Evangelium.
Es geht da nicht um Kleinigkeiten oder Stilfragen. Es geht um nicht weniger als um die
Zukunft der katholischen Kirche, die, folgte sie der Logik der Abgrenzung, eine
paradoxe Entwicklung nehmen würde.
Sie würde im Kampf gegen den Pluralismus und um ein Profil selber ein Segment in
einer segmentierten Gesellschaft. Dieses Segment muss sie besetzen, pflegen und
dann auch mit den anderen Segmenten auskommen, den Protestanten, Muslimen,
Agnostikern, Atheisten. Das hat eine hohe innere Logik, und es sind eben nicht
unbedingt die Dummen, die sagen: Lasst die ewigen internen Debatten um Sexualität
und Zölibat sein, um Kirchenreform und Bischofsamt, lasst uns einfach nach innen
fröhlich glauben und nach außen hin die Abgrenzung formulieren. Doch damit würde die
katholische Kirche genau jene Zersplitterung und Beliebigkeit fördern, die sie ablehnt.
Es wäre ein Leben auf den jeweiligen Inseln der Rechtgläubigkeit.
Vor allem aber würde sich das Christentum auf diese Weise entleeren - in den
evangelischen Kirchen sind ja ähnliche Entwicklungen zu beobachten wie in der
katholischen; auch dort drängen die Themen und die Selbstdefinitionen aus den
evangelikalen und charismatisch-pfingstlerischen Minderheiten in die Mitte. In beiden
Kirchen droht das Suchende und Tastende verlorenzugehen, der Zweifel, der Bruder
des Glaubens, der sich durch die Geschichte der Kirchen zieht, von den Emmaus-
Jüngern über Thomas, den Ungläubigen, bis hin zu Mutter Teresas Bekenntnis, am
Schweigen Gottes beinahe verzweifelt zu sein. Wie dünn ist da der „Ich hab's
gefunden"-Glaube, der den Abgrund nicht kennt!
Deshalb, liebe Katholiken, kämpft um die Mitte Eurer Kirche! Kämpft für einen Glauben,
dem die Selbstgewissheit wenigstens so weit fehlt, dass er sich Wörter wie
„Gebärmaschinen" und „entartet" verbietet, der den Satz sagen kann: „Uns im Bistum
Regensburg ist ein schrecklicher Fehler passiert"; der Eva Herman nicht zur Heldin
machen muss.
Sie ist es wert, Eure katholische Kirche. Die strenggütige Mutter, die so einiges
mitgemacht hat im Leben, mit ihren Runzeln und Narben, ihren Rundungen und
Schnörkeln, ihrem Duft nach Weihrauch und Wachs, eine Reliquie und ein Heiligenbild
in der Tasche. Sie kennt das Versagen und hat den Beichtstuhl erfunden, sie seufzt
über ihre unartigen Kinder - aber sie entlässt sie nicht aus der Kindschaft!
Helft mit, dass diese Kirche nicht von Schönheitschirurgen geliftet wird, auf dass ihre
Züge scharf werden. Eure Mitchristen werden es Euch danken. Die anderen auch, die
wissen, was so eine Kirche wert sein kann auf der Welt.

 

 


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