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"Hier
können Sie den Papst sehen"
Buchrezension von Hermann
Münzel (imprimatur 2/2004) über:
Norbert Sommer, Fliegender Fels. Der
Reise-Papst Johannes Paul II. Berlin
(Wichern) 2003
Mit leicht ironischem Unterton beginnt Norbert
Sommers Büchlein vom „Fliegenden Fels“: im Umschlag findet sich der
handschriftliche Text von Hanns Dieter Hüsch Hier können Sie den Papst sehen,
100 Stunden lang in 11 Städten…
Offensichtlich hat Johannes Paul II. auch nach
25 Regierungsjahren noch nicht aufgehört, zu reisen, obwohl er hinfällig ist
und kaum mehr laut sprechen kann. 98 Reisen waren es bis 2003, in 132 Länder:
„das Markenzeichen seines Pontifikats“. Norbert Sommer, als ARD-Journalist
Begleiter des Papstes auf vielen Reisen, fragt nach Motiven, Routine, Kosten,
Sicherheit, Botschaft… und zitiert Hüsch: Ankunft Begrüßung Antwort Abflug
Begegnung Heilige Messe Begegnung Ankunft Besuch Ankunft Begegnung Beginn Besuch
… in Speyer hatten die Kinder schulfrei in München läuteten alle Glocken …War
das alles so gehetzt und atemlos, wie Hüsch sagt? Jedenfalls führten die
Papstreisen zu seiner Allgegenwart in den Medien; „Johannes Paul II. (zählt)
zu den weltweit bekanntesten Persönlichkeiten“ (8). Unmittelbar nach seiner
Wahl im Oktober 1978 bekannte sich Karol Woityla als Missionar; seine Reisen
sollten Wanderkatechesen sein; auch war es ihm vordringlich, das „Band der
Einheit“ festzumachen, vor allem in Europa, wo sich viele Katholiken von Rom
gegängelt und bevormundet fühlen; der Osservatore Romano nannte die Reisen
folgerichtig schon 1980 das „direkte Lehramt“ – es wurde immer
schwieriger, dem Papst zu widersprechen oder ihm sogar ins Wort zu fallen.
Besonderes Gewicht hatten die Reisen nach Polen, die wie mittlere Erdbeben
wirkten.
Dennoch ließ sich Johannes Paul II. nicht vor
die Regierungskarren spannen. „Vorsicht ist immer dann geboten, wenn die
Einladungen ausschließlich von Seiten der Politik kommen… denn dann scheint
es nur um eine Aufwertung der Regierung durch den Besucher aus Rom zu gehen. Die
massenweise Medienpräsenz bei den Papstbesuchen allein hat schon bei vielen
Regierungen die Begehrlichkeit nach gemeinsamen Auftritten mit JP2 geweckt“
(23). Gelegentlich machten die USA und die UN einen Reiseplan zunichte
(Sicherheitsbedenken; Sarajewo 1994; ähnlich: Libanon). Auch innerkirchlich gab
es kleine Ringkämpfe, Eifersüchteleien: Warum kommt er nicht zu uns? Auch
Fluggesellschaften beteiligen sich am Wettstreit um die Ehre, Papstflieger zu
sein. Welche Fernsehgesellschaft hat ihren Mann (selten eine Frau) an Bord,
welche Zeitung (selbstverständlich BILD), welche Nachrichtenagentur? Schön,
wie die Medienmenschen sich an Bord verwöhnen lassen. Sommer gibt einen
eindrucksvollen Einblick in die unglaublichen Mühen der Vorbereitung, der
Logistik, der minutiösen Planung, Bekannt ist schon lange, dass die
Journalisten stark überhöhte Preise bezahlen: „im Grunde finanzieren sie den
Flugpreis für den Papst und seinen Stab“ (34).
Was die Routine störte: Weniger schlimm ist
es, wenn vorbereitete Begrüßungstexte verlassen werden, wenn fremde
Regierungen im Gastland spontan von der einheimischen Regierung beschimpft
werden… Schlimmer, dass auf den Philippinen 1981 alle Obdachlosenunterkünfte
am Wegrand und die Wellblechhütten in den Slums abgerissen und die Bewohner aus
der Stadt vertrieben werden, in die der Papst kommen wird. Immer wieder werden
dem Papst und den Medien potemkinsche Dörfer vorgeführt. In Jerusalem war das
Papamobil zu breit für die Gassen der Altstadt; hübsch weiß Sommer von dem
panzerglasgeschützten Fahrzeug zu erzählen, das jene deutsche Autofirma
gestiftet hat.
Ist der Papst Herr seiner Entschlüsse?
“Plötzlich stand Papst Johannes Paul II.
allein im Park vor mir. Ich ging auf ihn zu und fragte, ob ich ihm einige Fragen
stellen dürfe. Er sah mein Aufnahmegerät und nickte freundlich. Doch bevor ich
die erste Frage formulieren konnte, kam sein persönlicher polnischer Sekretär
und dirigierte JP2 zurück in die Residenz mit den Worten: 'Wir haben keine Zeit’“
(58)
Natürlich wird aus dem Medienstar eine
Kultfigur; eine New Yorker Comic-Company bringt das Superstar-Papstheft mit 500
000 Stück Startauflage heraus; der Vatikan betreibt das Geschäft mit Eifer; CD
(„Der Papst betet den Rosenkranz“), Video-Clips („Abba Pater“; JP2
persönlich singt das Vaterunser); der Papst beim Skifahren: US-Firmen im
Auftrag der Bischöfe Amerikas (!) mit Papstlogos auf T-Shirts, Baseballkappen,
Tellern, Tassen; Aschenbechern, Taschentüchern, Kopfkissen, Krawattennadeln,
Papstsprudel, Papstpostern, Papstluftballons, Papstlutschern. Rummel und
Kitsch… „die Grenzen zum offiziellen vatikanischen Showbusiness sind
fließend“ (64); viele verdienen am Papstbesuch, zum Beispiel in Colombo – am wenigsten bis gar
nichts die kleinen Straßenhändler, die die Logos nicht aufdrucken dürfen. Die
Werbeideen sind exotisch, vor allem in Israel. „Die Auswirkungen des von der
Kirche mitverschuldeten und später außer Kontrolle geratenen Star-Rummels auf
die säkulare Welt waren erstaunlich“ (68) In Polen wird JP2 Fernsehstar des
Jahres 1989; das Nachrichtenmagazin Time kürt ihn 1994 zum Mann des Jahres,
Newsweek zum Schlagzeilenhelden 1996 (usw.). Sommer nennt den Kult die „vorgezogene
Heiligsprechung“ und vergisst nicht darauf hinzuweisen, dass JP2 gegen die
Kairoer Weltbevölkerungskonferenz Stellung bezieht.
Die Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz des
Reisepapstes lassen sich nur in astronomischen Zahlen wiedergeben: Zigtausende
Polizisten, Soldaten, Scharfschützen, Sicherheitsbeamte, Feuerwehrleute, Hubschrauber,
Chequepoints, Sicherheitsschleusen, Metall- und
Sprengstoffdetektoren, Millionen Dollar; Illegale werden weggesperrt. Es ist
eben nicht so leicht, einen Papst in ein fremdes Land zu schicken: die Isolation des Papstes von der Bevölkerung wird von Reise zu Reise
strikter. Ein ganzes Kapitel ist den Kosten gewidmet – einiges wurde schon
angedeutet. Die erste Deutschland-Reise soll 30 Millionen Mark gekostet haben;
„Das kleine Goa in Indien stöhnte 1986 über 10 Millionen Kosten!. Wie kommt
man an das Geld? Sponsoring? Rechteverkauf?
In Kerala wurden bei den Armen Spenden gesammelt; in Europa verfiel man
gelegentlich auf das erwähnte Merchandising - wie bei Borussia Dortmund und
Bayern München. Aber sind „eine halbe Million für einen Altaraufbau auf
einem früheren Militärflugplatz bei Paderborn nicht eine ungeheurem Verschwendung“? (93). Knut Walf, Kirchenrechtsprofessor in Nijmwegen: „Der
Besuch (des Papstes in den Niederlanden) hat ca. 18 Millionen Mark gekostet. Als
Kirchenrechtler überlegt man sich dann, ob ins Kirchliche Gesetzbuch nicht
mittlerweile Bestimmungen aus dem Mittelalter wieder aufgenommen werden müssten, die eine allzu ungebührliche wirtschaftliche
Belastung der Teilkirchen durch Besuche des Papstes oder seiner Gesandten
ausdrücklich untersagten“ (95).
Natürlich ist dann ausführlich von den Armen
der Welt die Rede, von der Sahel-Zone, von Obervolta, von „Cor Unum“ – von
großen Versprechungen, die nicht eingelöst werden konnten; und von der
afrikanischen Petersdom-Kopie an der Elfenbeinküste (250 Millionen Mark), die
JP2 einweihte. Hier wird Norbert Sommer richtig wütend. „Was will der Papst
eigentlich tun … wenn ihm McDonalds eine Superkathedrale Zum letzten Abendmahl
… anbietet?“ (108)
Ist seine Botschaft eindeutig, und laut genug?
Seine Themen „reichten von kirchlicher Sexualmoral über Pastoral und Ökumene
bis zum mehr oder weniger politischen Bereich; soziale Gerechtigkeit,
Kommunismus, Liberalismus, Kapitalismus und Frieden“ (111). Eindruck machten
die Vergebungsbitten in Tschechien; wegen Galilei, wegen der Inquisition, des
Sklavenhandels, der Massaker an den Indios, der Verfolgung der Juden; wegen der
Kreuzzüge; anderswo aber schweigt er peinlich, zum Beispiel bei der
Seligsprechung des Kardinals Stepinac, der das faschistische Ustascha-Regime
anerkannt hatte; leider verschweigt JP2 nicht seine peinlich rückschrittliche
Sexualmoral, sondern macht daraus
große weltweit verbreitete Predigten, deren man sich angesichts der
Aids-Katastrophe schämen muss. Seine freundlichen ökumenischen Töne werden
durch das dogmatisch-intolerante Dokument „Dominus Jesus“ (2000) schrill
widerlegt.
Der Protest
In manchen Ländern gab es Hungerstreiks,
Demonstrationen, Protestmärsche, Straßenblockaden – nicht gegen den Papst,
sondern gegen die elenden sozialen und politischen Verhältnisse. In Krakau
herrschte während der gesamten Besuchszeit absolutes Alkoholverbot.
Die Empfindlichkeit ist gestiegen, berichtet
der Rundfunkjournalist Sommer; es wird bei der Amtskirche kaum unterschieden, ob
Kritik am Papst Sorge um die Kirche ist – oder nur willkommener Anlass, „um
mit der Kirche abzurechnen“ (145). Sommer zählt alle Arten des
(innerkirchlichen) Protests auf, manche billige, meistens ernste, seriöse in
Deutschland, Chile, Nicaragua, Kolumbien, Südafrika… usw., wegen der
Verweigerung der Frauenordination und der übrigen amtskirchlichen Themen („Abtreibung,
Verhütung, Zölibat, Sexualmoral… Rolle der Laien in der Kirche“, 164).
Immer wieder hört man gegen den Papst die Klage: er höre nicht zu; seine Reden
stehen schon fest, bevor er ein Land gesehen hat… Eindrucksvoll ist der Brief,
den die Vereinigung der Oberen der männlichen und weiblichen Orden auf den
Philippinen vor der 1. Asienreise an JP2 geschrieben hat (1981), vor
allen Dingen wegen der Menschenrechtsverletzungen und des Armutselends in ihrem
Land.
Hat der Protest was genutzt? Hat die knappe,
kritische Rede von Barbara Engel (BDKJ-Vorsitzende) auf der Münchner
Theresienwiese genutzt (1980)? Der Papst antwortete nicht. „Nicht nur umjubelt“
wurde der Papst in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Österreich – Sommer
berichtet von
interessanten Einzelheiten. Berichte über die Treffen mit Jugendlichen (JPII
als der „weltälteste Jugendliche“) und über die Altergebrechen runden das
Buch ab.
Dem Fazit mag man zustimmen: dass die Reisen zu
einem Wandel der katholischen Kirche von einer West- in eine Weltkirche geführt
haben – oder doch dazu beigetragen haben. Einige sympathische Ergebnisse, die
sich wie Erfolge lesen, zählt Sommer auf (206). Insgesamt ist viel Eis
geschmolzen und mancher Hass verschwunden. Da bleibt noch viel zu tun.
Dem alten Papst wünscht Norbert Sommer, was der zwischenzeitlich
exkommunizierte Franziskaner-Theologe Tissa Balasuria aus Sri Lanka 1996 in
einem Gedicht geschrieben hat:
„Als Christus seine Kirche
auf festen Fels gebaut,
tat er es nicht,
dass Toleranz und Freiheit
am harten Fels zerschellen sollten
in Sorge um die Wahrheit,
vielmehr um fester Grund zu sein
dem unsicheren Schritt der Menschen.“
Norbert Sommer hat ein sachliches, sorgfältig
recherchiertes, sehr lesenswertes und von viel Sympathie für die Kirche
getragenes Buch geschrieben. |