Schwarze
Wölfe
Der Sexskandal von St. Pölten
erregt die Geister. Teuflisch ist die kirchliche Doppelmoral, sagt Josef
Haslinger, ehemaliger Klosterschüler und Schriftsteller
Immer wenn in Österreich
bekannt wird, dass katholische Priester wieder einmal ihren Sexualtrieb nicht in
Zaum halten konnten, klingelt bei mir das Telefon. Nach den aktuellen Vorfällen
im Priesterseminar von St. Pölten war es wieder einmal so weit. Ich bin nicht
ganz unschuldig daran, dass ich zu diesem besonderen Status kam.
Im Jahre 1995 wurde der damalige Wiener Kardinal und Erzbischof Hermann Groer
beschuldigt, er habe sich, als er noch Erzieher in einem Klosterinternat war, an
Zöglingen sexuell vergangen. Ich las die Beschuldigungen und wusste, dass sie
stimmten. Ich war selbst in jungen Jahren mit der Sexualität von Priestern in
Berührung gekommen. Diese nebelige Atmosphäre, in der sich religiöse Nähe, pädagogischer
Gehorsam, freundschaftliche Gefühle, schleimige Anbiederung und sexueller
Erfahrungsdrang unauflösbar miteinander vermischen, kannte ich aus eigener
Erfahrung.
Dass ein Zögling Groers erst fünfzehn Jahre nach den Vorfällen in der Öffentlichkeit
damit herausrückte, verstand ich gut. Auch ich hatte lange mit niemandem darüber
gesprochen. Was mich jedoch stutzig machte, war das Alter des Missbrauchsopfers.
Als die sexuellen Übergriffe stattfanden, war er nämlich kein Kind mehr,
sondern 18 Jahre alt. In diesem Alter hätte mich kein Priester mehr zu einer
sexuellen Handlung genötigt. Ich hätte ihn an seinem Ding geschnappt und vor
den Abt des Klosters gezerrt. Ich war nicht 18, ich war 12 Jahre alt gewesen,
als die Priester mich in die Sexualität einführten.
Wer war Pater G.?
Ein paar Tage nachdem ich damals das Interview mit den Anschuldigungen gegen den
Kardinal gelesen hatte, rief mich ein österreichischer Journalist an. Er habe
gehört, sagte er, es gebe einen Text von mir, in dem ich beschreibe, wie ein
Priester einen Zögling vergewaltige. Ich erklärte ihm, dass es sich um keinen
autobiografischen Bericht, sondern um einen fiktionalen Text handle. Das sei ihm
klar, sagte der Journalist, er wolle den Text trotzdem lesen.
Ich hatte die Kurzgeschichte «Die plötzlichen Geschenke des Himmels» in den
frühen achtziger Jahren geschrieben. In der Geschichte berichtet ein Ich-Erzähler,
dass er als Klosterzögling von seinem Religionslehrer, einem gewissen Pater G.,
vergewaltigt wurde. Wörtlich heisst es darin: «Er legte mir sein wulstiges
Fleischstück wie eine geweihte Hostie auf die Zunge, lächelte mich an dabei,
sagte, na, mach schon, trau dich nur. Ein schaler, nichtssagender Geschmack, ein
wenig Ekel. Da stiess es mit einem Mal in meinen Mund hinein, zuckte hin und
her, ich konnte ihm nicht mehr entkommen. Mein Kopf wurde von hinten gegen das
Haarbüschel gepresst, es reckte mich, wenn der Religionslehrer auf meinen
Gaumen stiess, die Speiseröhre hinabschlüpfen wollte...»
In der Folge, so die Geschichte, sei der Ich-Erzähler aus dem Klosterinternat
abgehauen, ohne jemandem die Gründe dafür plausibel machen zu können, warum
er ins Kloster nicht mehr zurückkehren wolle. Um aber dennoch darüber erzählen
zu können, wandte der Text einen literarischen Trick an. Er tarnte sich als ein
spätes Geständnis an einen Freund: «Nie habe ich von Pater G. erzählt, aus
Angst, man könnte mir anmerken, dass ich sein Kind geblieben bin. Bis heute bin
ich diesen Geschmack in meinem Mund nicht losgeworden. Ganz plötzlich, ohne
dass ich es im voraus ahne, stellt er sich ein. So auch das letzte Mal, als ich
bei Dir war, obwohl ich keinen Mann wüsste, bei dem ich lieber wäre. Da
beginne ich alles einzureissen, was eben aufgebaut wurde, komme vom Hundertsten
ins Tausendste, nur um diese gemeinsame Ebene loszuwerden.»
Obwohl ich den Text mit der Anmerkung veröffentlichte, dass es sich um keinen
Wirklichkeitsbericht, sondern um eine fiktionale Erzählung handle, hatte ich
danach erheblichen Erklärungsbedarf. Die Öffentlichkeit wollte wissen: Was ist
eigentlich vorgefallen? Wer ist Pater G.?
Um Klartext zu sprechen: Pater G. war eine fiktionale Zusammenführung von drei
Personen, mit denen ich im Alter von 12 bis 14 Jahren sexuelle Kontakte hatte.
Ich bin aus dem Konvikt des Zisterzienserklosters Stift Zwettl nie abgehauen,
sondern ich habe immer nur geträumt davon. Die sexuellen Kontakte mit den
Priestern haben mich zweifellos verstört, und ich habe tatsächlich lange Zeit
darüber mit niemandem gesprochen. Andere konnten darüber sprechen. Und so kam
mir mein erster sakraler Sexualpartner, wenn ich das so ausdrücken darf, noch
in der Klosterzeit abhanden. Er wurde in ein anderes Kloster, in dem es keine Zöglinge
gab, zwangsversetzt. Dass ein Mitschüler seinen Eltern von seinen Erlebnissen
erzählt hatte, fand ich mutig. Aber ein wenig hielt ich es auch für einen
Verrat.
Das grosse Schweigen
Der Skandal hielt sich damals in Grenzen. Ein Priester musste das Kloster
wechseln. Warum, das hat die Gemeinde nie erfahren. In der Zeitung war darüber
nichts zu lesen gewesen. Und was meine Sexualität betraf, so gab es bald zwei
andere, die an die frei gewordene Stelle nachrückten. In mir hatten sie die
richtige Wahl getroffen. Ich schwieg weiterhin beharrlich.
Als ich später zu schreiben begonnen hatte, war mir schnell klar, dass mir ein
besonderer literarischer Stoff zur Verfügung stand. Lange Zeit wollte ich einen
Roman darüber schreiben. Aber der Stoff sperrte sich. Er war so tief in mir
verankert, dass er mir keinen literarischen Zugang liess. Einerseits war es mir
unvorstellbar, darüber auf weniger als vierhundert Seiten sprechen zu können,
andererseits fand ich nicht einmal einen Anfang. Und je länger ich wartete,
desto fragwürdiger wurde das Thema.
Willfährige Speichellecker
Mittlerweile war ich verheiratet und aus der Kirche ausgetreten. Die innere Bedrängnis
und Verstörung, die in den Erinnerungen an meine Klosterzeit wach geblieben
waren, wurden allmählich von dem Gedanken überlagert, dass es nicht darum
gehen könne, den Priestern ihre Sexualität vorzuwerfen. Wie war das, was ich
als Kind empfunden hatte, mit dem, was ich nun, zwölf Jahre später, empfand
und dachte, vereinbar? Da kam mir die Idee mit dem Brief an einen Freund. Aus
dem Jahre lang herumgewälzten Gedanken an einen Roman war eine Kurzgeschichte
von fünf Seiten geworden.
Zu dieser Zeit lud mich die Salzburger Literaturzeitschrift salz ein, einen
Beitrag zu veröffentlichen. Ich schickte «Die plötzlichen Geschenke des
Himmels» und bekam als Antwort einen Brief, in dem mir erklärt wurde, dass die
Redaktion den Text nicht veröffentlichen könne, weil die Zeitschrift salz von
Land und Stadt subventioniert sei und in Salzburg die Kirche in der Öffentlichkeit
einen hohen Stellenwert habe. Interessant an dieser Absage war die Unverblümtheit,
mit der sich hier eine Literaturzeitschrift als willfähriger Speichellecker des
Erzbischofs outete. Der Text wurde schliesslich in einer deutschen Anthologie
veröffentlicht, die den Titel trug «Der liebe Gott sieht alles», und später
doch auch noch in Salzburg, in der Zeitschrift erostepost, die dem Text auch
einen Preis zusprach.
Und das wäre es dann auch schon gewesen, hätte ich «Die plötzlichen
Geschenke des Himmels» im Jahre 1995 – wie gesagt – nicht noch einmal veröffentlicht.
Ganz Österreich war mit der Empörung über Kardinal Groer beschäftigt und über
andere Priester, die nun ebenfalls beschuldigt wurden, Kinder sexuell
missbraucht zu haben. Und ich hatte mich in die Nesseln gesetzt. Man wollte
nicht über meine Kurzgeschichte mit mir sprechen, sondern man wollte wissen,
wer hinter der Geschichte stehe. Man wollte Namen und Adressen. Man wollte
diesen Priestern öffentlich nachstellen. Und ich war nicht bereit, sie zu
verraten.
Meine Kurzgeschichte hatte einen starken moralischen Unterton. Sie war
anklagend. Sie sollte die Verstörungen des Kindes zum Ausdruck bringen, aber
sie sagte nicht die ganze Wahrheit. Ich muss mir heute eingestehen, dass es
viele Möglichkeiten gegeben hätte, die damaligen sexuellen Kontakte abzuwehren
und zu unterbinden. Ich habe diese Möglichkeiten nicht genutzt. Im Gegenteil:
Ich habe die Kontakte von mir aus gesucht. Nicht angeboten, dazu war ich zu schüchtern,
aber gesucht. Und ich habe sie in gewisser Weise als Auszeichnung empfunden.
Ich wurde in die geheime, aufregende Welt der Sexualität eingeführt. Ein
Penis, der ejakuliert. Wenn man zwölf Jahre alt ist, will man das endlich
einmal sehen. Und ich habe es gesehen. Dass es katholische Priester waren, die
mir diese Welt eröffneten, mag ungewöhnlich sein. Aber sie waren ja nicht die
Einzigen. Ich hatte zu Gleichaltrigen und Älteren dieselben Kontakte wie andere
auch. Ich war kein sozial gestörtes Kind, das völlig hilflos dem Triebleben
sakraler Päderasten ausgeliefert war. Ich war verstört, natürlich, weil ich
zu dieser Zeit ja auch noch ein sehr religiöser Mensch war und selbst Priester
werden wollte. Aber der Text erscheint mir heute nicht mehr ganz ehrlich, weil
er nicht über alle Gefühle Auskunft gibt. Es ist nicht nur eine Last, ein
solches Geheimnis mit sich herumzutragen, es ist auch etwas Besonderes.
Die Priester brachten mich weiter
Ich verstehe, dass eine Gesellschaft Päderasten keinen Freibrief ausstellen
kann. Aber ich weiss auch, dass sie zärtlich sind, fürsorglich, liebevoll und
weitaus weniger egoistisch, als man sich das gemeinhin vorstellt. Ich wurde von
diesen Erwachsenen sicherlich ausgenutzt, aber ich fühlte mich auch ernst
genommen. Wir sprachen ja nicht nur über Sexualität.
Einer der dreien schrieb Gedichte. Ich kann heute noch eines seiner Gedichte
auswendig. Und einmal sprachen wir über das Thema eines Schulaufsatzes, den ich
zu schreiben hatte. Als wir uns das nächste Mal trafen, übergab er mir einen
maschinengeschriebenen Zettel, auf dem er sich Gedanken zu diesem Thema gemacht
hatte. Es waren die Gedanken eines Erwachsenen. Ich baute sie in den
Schulaufsatz ein, und da wurden sie plötzlich meine eigenen Gedanken. Sie
brachten mich weiter.
Ein Grund, warum ich dem Text diese starke moralische Diktion verpasste und
warum ich es zuliess, dass der Text im Zusammenhang mit der Groer-Affäre noch
einmal veröffentlicht wurde, war meine spätere Abneigung gegen die Kirche. Was
ich erlebt hatte, liess sich zu einem starken Argument zuspitzen. Und das tut
der Text. Auf seine Weise. Die Fiktion steht nie jenseits des faktualen
Geschehens. Sie ist auch ein realer Wirkfaktor. Dichtung ist auch eine Möglichkeit,
sich zu wehren.
Und wenn man sich erfolgreich gewehrt hat, was dann? Dann tritt einem der
Werkzeugcharakter von Dichtung plötzlich deutlich vor Augen. Dann kann man
erkennen, dass Dichtung nicht ein Gegenbild, sondern ein Teil der Wirklichkeit
ist. Was die drei Priester mit mir taten, war alles in allem sicherlich kein
bedeutender pädagogischer Beitrag, aber möglicherweise war der Beitrag
anderer, die mich schlugen und nicht einmal als Sexualpartner ernst nahmen, noch
deutlich geringer.
Homosexualität ist nicht das Problem
Wenn es um praktizierte Sexualität, erst recht um Homosexualität, im Bereich
der katholischen Kirche geht, ist die Empörung meist so gross, dass man zwei
simple Fragen, die normalerweise auf der Hand liegen, zu stellen vergisst: Wie
alt waren die Beteiligten? Und: Wurde jemand gegen seinen Willen in sexuelle
Praktiken verstrickt? Beim aktuellen Fall im Priesterseminar von St. Pölten
waren alle Beteiligten älter als zwanzig Jahre. Und bislang wurde gegen keinen
der Vorwurf der Vergewaltigung erhoben. Der strafbare Tatbestand dürfte sich
auf den Download von Kinderpornos beschränken.
Das muss verfolgt werden. Nicht weil der Konsum, sondern weil die Produktion von
Kinderpornos ein Verbrechen ist und man diese Produktion nur stoppen kann, wenn
man den Markt ruiniert. Aber das Hauptproblem ist ein ganz anderes, es ist eines
der kirchlichen Moral. Ich habe gegen die Homosexualität im Priesterseminar von
St. Pölten nichts einzuwenden. Ich habe allerdings erhebliche Einwände gegen
einen Bischof, der die Homosexualität zum Teufelswerk erklärt. Nicht die
Homosexualität, sondern die Doppelmoral der Schwarzröcke zerstört die Kirche.
Das könnte mir eigentlich egal sein. Ist es aber nicht. Wenn ich der Kirche
auch in keinem religiösen Sinne mehr verbunden bin, habe ich doch in den
letzten Jahren grossen Respekt vor ihrer Flüchtlings- und Sozialarbeit
entwickelt. Sie ist das Werk einer Randgruppe in der Kirche, aber diese kommt
als Erste unter die Räder, wenn die Austrittswelle aufgrund der desaströsen
Moral von Bischöfen wie Kurt Krenn weiter anhält und in der Folge die
Finanzmittel neu verteilt werden. Als Erstes werden nicht Priesterseminare,
sondern Flüchtlingsheime geschlossen.
Und dann hätte nicht die Sexualität, sondern die kirchliche Doppelmoral ihr
Teufelswerk getan.
Josef Haslinger, 49, gehört zu den renommiertesten österreichischen
Gegenwartsautoren. 1995 publizierte er seinen Erstling «Opernball», einen
politischen Thriller, der mit Heiner Lauterbach und Franka Potente verfilmt
wurde. 2000 erschien sein Roman «Das Vaterspiel» über den Niedergang der SPÖ.
Derzeit lehrt Haslinger als Professor am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. |