Home Nach oben Impressum "Pipeline" Ermutigende Texte Termine Rückblick Konflikt mit Bischof Links

 

 

Ein aktueller (!) Blick in die Vergangenheit!

Aus " imprimatur" 7. Jahrgang, Nr. 6 vom 10. September 1974

Vikare aus dem Bistum Rottenburg übersandten uns die Kopie ihres Briefes an den Bischof von Münster, mit der Bitte um Veröffentlichung. Wir kommen der Bitte gern nach. Der Brief ist von uns leicht gekürzt worden. Red.

Was weiß ein Bischof von pastoraler Not?

"Sehr geehrter Herr Tenhumberg!

In Nummer 12 von "Publik-Forum" haben wir Ihre Erklärung auf der letzten Sitzung der Würzburger Synode zum Thema "viri probati" gelesen und uns darüber gefreut, gibt Ihre Erklärung dem lieben Gott doch endlich das Instrument in die Hand, sich zum Thema Pflichtzölibat zweifelsfrei zu äußern: die pastorale Not. Auch Ihre in Ihrer Erklärung enthaltene Versicherung, die Sie namens der Deutschen Bischofskonferenz abgaben, daß sich nämlich die deutschen Bischöfe wenigstens gegen den Willen Gottes nicht stellen wollen, hat uns mit tiefer Freude erfüllt.

Was uns zu unserem Brief veranlaßt, ist lediglich die schlichte Frage, wie wohl nun Gott sich seines neuen Kommunikationsinstrumentes bedienen wird, beziehungsweise wie die pastorale Not unserer - pardon - Bischofsseits zu interpretieren sei, oder anders ausgedrückt, bis zu welchem Punkt pastoraler Not der liebe Gott gegen und ab welchem Punkt er für verheiratete Priester ist.
Wenn Sie schon dieses neue Offenbarungskriterium einführen, müssen Sie sich die Frage gefallen lassen, wie groß die pastorale Not noch werden muß, damit auch die Bischöfe erkennen, was sich im Volk schon längst durchgesetzt hat: Gott hat sich schon seit langem eindeutig entschieden.
Oder ist es keine unerträgliche pastorale Not, wenn Seelsorge in unzähligen Gemeinden auf sonntägliche Wortgottesdienste beschränkt wird? Ist es keine unerträgliche pastorale Not, wenn Priester durch bis zu vier Gottesdiensten am Sonntag seelisch und geistlich vor die Hunde gehen, was sich in kürzester Zeit auf die Gemeinden auswirkt? Ist es keine unerträgliche pastorale Not, wenn der Religionsunterricht kurz vor dem Zusammenbruch steht? Ist es keine unerträgliche pastorale Not, wenn der traditionelle Gesprächspartner der Jugend, der Kaplan oder Vikar in manchen Diözesen nahezu ausgefallen ist? Ist es keine unerträgliche pastorale Not, wenn gegen den schwindenden Gottesdienstbesuch mangels Personal überhaupt nichts unternommen werden kann? Ist es keine unerträgliche pastorale Not, wenn in weiten Gegenden Deutschlands der Altersdurchschnitt der Geistlichen um ein Erhebliches über dem der entsprechenden Bevölkerung liegt? Ist es keine unerträgliche pastorale Not, wenn die Zahl der Neupriester innerhalb weniger Jahre auf 1/3 zurückgegangen ist? Wir fragen uns, wovon Sie eigentlich wohl weniger verstehen, von der Pastoral oder von der Not, daß Sie solche Thesen in der Synode von sich geben können....

Viele unserer Kollegen fragen sich nicht ohne Bitterkeit, ob es nicht besser wäre, nicht mehr so viel Rücksicht auf die Gemeinden zu nehmen, und die pastorale Not deutlicher werden zu lassen, damit der Wille Gottes auch zu den Bischöfen dringen kann. Über das unbedingt nötige hinausgehender Arbeitseinsatz eines Priesters ist seit Ihrer Würzburger Rede gleichbedeutend mit Unterschlagung des Willens Gottes.

Sicherlich eine Sünde wider den Heiligen Geist, die nicht verziehen werden kann. Wir hoffen, daß möglichst viele unserer Kollegen diese Andeutung in Ihrer Würzburger Rede richtig verstehen und nun endlich kräftig mithelfen, den Bischöfen den Willen Gottes kundzutun, indem sie mehr an ihre eigene seelische Hygiene denken, sich ihrer persönlichen Situation bewußt werden, unnötige Seelsorgedienste einfach ablehnen und weniger, dies aber besser tun. Dann könnte vielleicht auch einmal ein Bischof erkennen, wie es in den Gemeinden steht, wie groß. die pastorale Not inzwischen schon ist.

Aus persönlicher Erfahrung können Sie das ja nicht mehr wissen. Oder haben Sie sich schon mal überlegt, wann Sie das letzte Mal Religionsunterricht erteilt haben? Wann Sie das letzte Mal verzweifelt versucht haben, einem seelisch kranken Menschen zu helfen? Wann Sie das letzte Mal sich den bohrenden Fragen junger Menschen gestellt haben ohne die situationsverfälschende Anwesenheit des Fernsehens? Wann Sie das letzte Mal eine Gemeinde an einem ganz gewöhnlichen Werktag gesehen haben, an dem weder Firmung noch Kirchweihe noch sonst ein anderer besonders vorher angekündigter Bischofsbesuch stattfand? Wann Sie das letzte Mal die sorgenvolle Einsamkeit eines Priesters erlebt haben, der keine Hofschranzen aus der bischöflichen Verwaltung um sich hat und der mit dem von ihm verfälschten Willen Gottes allein ist?

Wer gibt Ihnen eigentlich das Recht, über all diese Dinge derart oberflächlich und uninformiert zu reden? Wir fragen uns allen Ernstes, was einen Bischof wohl veranlassen mag, unter Verdrehung der Tatsachen die pastorale Not öffentlich zu verniedlichen und stramm auf römischem Kurs marschierend im Zusammenhang mit verheirateten Priestern immer sofort von Versagen zu sprechen.

Ist es vielleicht menschliches Versagen, daß ein "vir probatus" verheiratet ist? Ist es vielleicht menschliches Versagen, daß 63,5% der Katholiken dafür sind, daß die derzeit geltende Regel des Pflichtzölibats abgeschafft wird? Ist es vielleicht ein Zeichen menschlichen Versagens, wenn eine Umfrage unter Priestern der Ostkirche ergab, daß die Mehrzahl ihre Familie als Ergänzung und Bereicherung ihres Priesterlebens empfand?

So einfach können Sie es sich nicht machen! Wir fordern Sie mit aller Entschiedenheit auf, sich von Ihren naiven Erklärungen im Würzburger Dom schnellstens zu distanzieren. Wir fordern Sie auf, sich mit Ihren Mitbrüdern im bischöflichen Amte sachgerechter um ein Erkennen des Willens Gottes zu bemühen. Wir fordern Sie auf, sich intensiv zu fragen, ob die Situation, wie sie heute in unseren Jugend-Gemeinden herrscht, das totale Ausfallen des Gesprächspartners auf der einen Seite und folgedessen die totale Areligiosität auf der anderen Seite, ob diese Situation in unseren Jugend-Gemeinden nicht deutlich erkennbar macht, wie groß die pastorale Not in der Erwachsenen-Gemeinde der kommenden 2o-3o Jahren sein wird. Der Bischof, der heute nicht erkennen kann, wie groß die pastorale Not in 2o-3o Jahren sein wird, und der heute nicht die personellen Mittel für die nächsten Jahre zur Verfügung stellt, der stellt sich heute gegen den deutlich erkennbaren Willen Gottes, auch wenn er für Bischöfe erst in 2o Jahren erkennbar sein sollte. Weil aber die Ausbildung eines Priesters ihre Zeit dauert, darum kann in 2o Jahren das Steuer nicht von heute auf morgen herumgerissen werden. Und darum lädt dieser Bischof heute schon die ganze Verantwortung für den Zusammenbruch der Seelsorge in den nächsten Jahren auf sich.

Wir hoffen immer noch, daß Sie nicht zu diesen Bischöfen zählen möchten, und grüßen Sie freundlich
Bernward Büchler, Hans Hänßler, Bernhard Lang, Rudolf Reuter, Vikare im Bistum Rottenburg,

Stuttgart, den 2. Juli 1974

 

 

 


Mail an den AKR