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Gotthold Hasenhüttl  

Jesus von Nazareth - Wie sieht ihn Papst Benedikt XVI.?

Stellen wir uns vor: Helmut Kohl oder Oskar Lafontaine, Hans Küng oder Eugen Drewermann schreiben ein neues Buch. Im Vorwort erklären sie, dass man über ihr Buch diskutieren dürfe. Würden wir uns nicht an den Kopf greifen und fragen, was bilden sie sich eigentlich ein, haben sie alles Maß verloren, ist es nicht unglaublich, eine solche Erlaubnis zu erteilen? Bei Benedikt XVI. wird gerade diese als besonderer Akt der Demut verstanden und hochgelobt. Diese „gütige Geste“ des Papstes schließt zusätzlich ein, dass selbstverständlich jede Diskussion dann ausgeschlossen ist, wenn er etwas kraft seiner Amtsautorität lehrt. Liegt darin nicht eine Anmaßung? Zugleich ist zu bedenken, dass ein Monat vor Erscheinen seines Jesusbuches der Befreiungstheologie Jon Sobrino S.J. wegen seines Verständnisses von Jesus Christus (Christologie der Befreiung, Mainz 1998), das durchdrungen ist von der „Option für die Armen“ und keine Lehre der Kirche in Frage stellt, verurteilt wurde. Der Grund ist klar: Das Verständnis Jesus von Ratzinger ist das einzige, das Jesus von Nazareth ins richtige Licht des Glaubens rückt. Niemand kann daran zweifeln: sollte ein Theologe das Buch des Papstes kritisieren, kann er sicher sein, nie einen Lehrstuhl zu bekommen. Auch wird sich kaum ein Theologieprofessor wagen, Kritik zu üben, da er sich keine Schwierigkeiten einheimsen will. Sicher mancher denkt ähnlich wie der Papst, auch wenn er sich weniger „fromm“ ausdrückt.

Da es für den Papst selbstverständlich ist, dass keine Dogmenkritik zuzulassen ist, kämpft er von Anfang bis zum Ende des Buches gegen die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung. „Bibelauslegung kann in der Tat zum Instrument des Antichrist werden“ (64). Er erklärt deutlich, dass die Bibelwissenschaft ein „Friedhof von einander sich widersprechenden Hypothesen“ sei (372). Um dies zu untermauern, verweist er auf W. Solowjow (nicht Solowjew wie im Jesusbuch!), der in seiner Erzählung vom Antichrist diesen die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen für seine bibelkritische Arbeit erhalten lässt. Der Papst verbindet damit deutlich einen Angriff auf die Theologische Fakultät dieser Universität; er selbst hat sie 1969 beinahe fluchtartig verlassen, weil ihm die ganze Atmosphäre zu „liberal“ war. Wohl aber gebraucht er selbst die bibelkritische Methode dort, wo sie seinen Thesen nützt, so dass der Anschein erweckt wird, sie kann auch akzeptabel sein. Aber dies gilt nur dann, wenn sie durch den Glauben des Lehramtes „gereinigt“ wird. Das Wort „reinigen“ und „Reinigung“ ist ein Lieblingswort des Papstes (z.B. 216, 273 u.a.m.), wie wir es bereits aus einer Enzyklika „Deus Caritas Est“ (25.12.2005) kennen, in der dem Glauben zukommt, die Vernunft zu reinigen, ja „sie (= die katholische Kirche) will schlicht zur Reinigung der Vernunft beitragen“ (Nr. 28; vgl. Nr. 29 u.a.). Ist damit eine Gehirnwäsche gemeint? Wie etwa eine solche „Reinigung“ praktisch aussieht, können wir an der Haltung des Papstes zu den wiederverheirateten Geschiedenen ablesen, die als „schwere Sünder“ gelten und denen die Eucharistie (neben den nichtkatholischen Christen) verweigert wird. Wenn er dies auch nicht ausdrücklich in seinem Jesusbuch erklärt, so dürfen wir seinen Methoden folgen, dass nämlich ein Autor, so wie die Bibel, nur aus dem Gesamtwerk und nicht von einer Einzelaussage her interpretiert werden darf. So besteht auch kein Zweifel, dass die Bibel selbst nur im reinen Licht des Lehramtes, er nennt es „kanonische Exegese“ (18), die allein zur eigentlichen Theologie führt, zu deuten ist. Es fällt auf, wie intensiv der Papst im „Eigentlichkeitsjargon“ spricht, der den Absolutheitsanspruch ausdrückt, denn es gilt, gegen die „Diktatur des Relativismus“ anzukämpfen. Könnte es nicht sein, dass man gerade einer „Diktatur des Absolutismus bzw. Fundamentalismus“ verfällt? Auf jeden Fall gilt: wer Jesus von Nazareth verstehen will, muss die Lehre der Kirche von Nikaia (325 n. Chr.), in päpstlicher Interpretation, annehmen: Jesus von Nazareth ist Gott und die Evangelien sind zuverlässige historische Berichte, die selbstverständlich über diese hinausgehen und nur eines aufzeigen wollen: Jesus wollte uns in seiner Person Gott nahe bringen. Das tiefste Thema der Verkündigung Jesu ist sein eigenes Geheimnis, dass er Gott ist, dass er das Reich Gottes in Person ist (227). Das ist das einzig Entscheidende der Botschaft Jesu (vgl. 18, 20, 31 usw. 369 nochmals in der Weise einer Holzhammermethode eingebläut). Es versteht sich von selbst, wer dies nicht annimmt, ist vom wahren christlichen Glauben abgefallen. Die einzige entscheidende These, dass Jesus Gott ist, wird auf den 407 Seiten entfaltet. Wer so die Bibel liest, sei kein Fundamentalist (65), sondern ein gläubiger Christ. Damit ist bereits jede Diskussion im Keim erstickt und aller Zweifel an der historischen Wahrheit der Bibel wie am kirchlichen Lehramt beseitigt. Auf diesem Fundament, das jeder Bibelkritik entbehrt, das jeden Zweifel an der Lehre der Kirche ausschließt, wird in frommer Sprache das Jesusgeschehen erläutert, dabei spart er nicht mit der Kritik an der deutschen Einheitsübersetzung der Bibel, die er im Begriff ist, endgültig zu sabotieren (110 u.a.).

Folgen wir nun im Einzelnen seinen theologischen Aussagen des Jesusbuches. 

Für den Papst steht fest, dass der Glaube sich unverzichtbar „auf wirklich historisches Geschehen bezieht“ (14). Der Jesus der Evangelien ist der historische Jesus (20, 38 u.a.). Neben der Voraussetzung, dass Jesus Gott ist, erzählt die Bibel alles so, wie es sich historisch zugetragen hat. Weil wir vier sehr unterschiedliche Evangelien haben, muss der Papst zugeben, dass die berichteten Fakten und Reden Jesu keine „Tonbandnachschrift“ (271) sind, dass jedoch der „Inhalt der Reden“ Jesu auch im Johannesevangelium „richtig wiedergegeben“ ist. Die Erinnerung der „geschichtlichen Wirklichkeit“ wird durch das Gedächtnis der Kirche „gereinigt und vertieft“ und so die „banalen Tatsachen“ durch die Führung des Hl. Geistes überschritten (273ff).

Damit wird klar, dass die Historizität wie der theologische Gehalt der Bibel nur durch die katholische kirchliche Tradition und damit durch das Lehramt ausgelegt werden kann und darf. Es ist wohl nicht notwendig, auf die vielen Irrtümer hinzuweisen, die die katholische Kirche in der Bibelinterpretation begangen hat, angefangen von Galilei bis zu den heute noch praktizierten Teufelsaustreibungen, die der Papst auch für Deutschland wichtig hält. Mit der Behauptung der Identität von Evangelienberichten und historischen Tatsachen löscht er mit einem Federstrich die ganze wissenschaftliche Bibelauslegung der letzten Jahrhunderte seit der Aufklärung. Es gibt keinen Diskussionspunkt mit dem Papstbuch darin, dass Jesus Gott, die Kirche die Hüterin dieser Wahrheit und die Bibel das historische Zeugnis göttlichen Wirkens ist. Selbst die Kirchenväter, denen der Papst immer wieder seine Thesen in den Mund legt, erklärten, dass man in der Bibel höchstens von einer „superficies historica“, einer historischen Oberfläche, sprechen könne. Nicht auf objektive Feststellungen kommt es an, sondern auf die Beziehung, die man zu den Geschehnissen eingeht. Im Neuen Testament sind uns keine objektiven Fakten vermittelt, sondern Erfahrungen, die Menschen mit Jesus Christus gemacht haben. Diese Erfahrungen sind es, die uns geschichtlich zugänglich sind und die uns eine Dimension menschlichen Daseins vermitteln wollen, die uns aufatmen lässt, Befreiung schenkt und so offenbar macht, dass es möglich ist, in menschlicher Begegnung Gott zu erfahren. Der Papst hingegen lässt nur eine fundamentalistische Bibelexegese zu und verfällt einem Historismus, der Gnosis ist, die er aber selbst verurteilt. Auf historischen Fakten lässt sich kein Glaube aufbauen, wohl aber auf der Einsicht, dass geschilderte Erfahrungen eine Ebene eröffnen können, die uns Menschen aus der alltäglichen Vergegenständlichung herausreißen und eine Wirklichkeit vermittelt, die Gott zur Sprache bringt. So wie es grundsätzlich keine Bedeutung für den christlichen Glauben hat, ob Adam und Eva, Abraham oder Hiob gelebt haben, so gilt dies auch für den „neuen Adam“  und all den damit zusammenhängenden Vorstellungsbildern. Nicht „Gnosis“ also, auch nicht als angebliche „historische Tatsächlichkeiten“, sondern Glaube, der im Dialog mit den biblischen Erfahrungen steht und so volles Menschsein erschließen kann, soll verkündet werden. Für den Papst hat dies alles jedoch keine Bedeutung. Darum geht es ihm, nachdem er weiß, dass sich alles historisch zugetragen hat wie erzählt, nachzuweisen, dass Jesus Gott war und ist, denn nur ein „Gott“ kann handeln wie er. Während Moses nur den „Rücken“ Gottes gesehen hat, sieht Jesus „unmittelbar Gottes Angesicht“ (30). Seine Lehre hat er vom Vater und lebt „in innigster Einheit“ (31) mit ihm. Gott greift in Jesus in die Geschichte ein (64), er ist „der lebendige Gott“ (77). Facettenreich spricht der Papst davon, was Jesus alles ist. Er ist die Herrschaft Gottes (85), er ist in Person das Reich Gottes (89), seine ganze Verkündigung ist Christologie (92). Die Seligpreisungen sind „das Geheimnis Christi selbst“ (104). Jesus ist das Wort Gottes selbst, er ist die Tora, das Gottesgesetz in Person (143, 278). Das alttestamentliche Gesetz hebt er daher keineswegs auf, sondern er überschreitet es ins Universale (95). Jesus hat Gott zu allen Völkern gebracht (149). Das Gebet ist für Jesus zentral (166), da es seine Einheit mit dem Vater zum Ausdruck bringt. Jesus ist selbst „im tiefsten und eigentlichsten Sinn, der Himmel“ (184). Er ist kein Mythos (316), sondern persongewordenes Gesetz Gottes (312). Immer wieder wiederholt der Papst, dass Jesus Gott ist (297, 310, 369,383, 395 u.a.m.). Dies erweckt den Eindruck, dass er uns mit allen Mitteln einpeitschen will, dass wir endlich glauben sollen, dass Gott als Jesus Christus zu uns spricht. Die logische Folge aus dieser dogmatischen Aussage ist, dass Jesus von Nazareth nichts anderes wollte, als dass wir an Gott glauben, dass wir ihn als Gott bekennen. Wann geschieht dies authentisch? Wenn wir zur „neuen Familie Jesu“ (153, 337) gehören, d.h. zur Kirche. In ihr wird uns das „Kennen“ Jesu vermittelt. Selbstverständlich ist daher Mt 16,18 kein nachösterliches Wort (350); wer das behauptet, befindet sich auf dem „Holzweg“. Petrus bekennt vielmehr Jesus als Gott. So ist die Kirche der Ort, „wo das Reich Gottes kommt“ (120). Sie ist im Besitz des „rechten Bekenntnisses“ (346) und Petrus ist der Garant der Communio (343), der Gemeinschaft. Er hat diesen besonderen Auftrag. „Dieser Primat ist wirklich durch die ganze Breite der Überlieferung ... belegt“(344). Die Kirche ist so vom „Geist der Wahrheit“ (273) erfüllt und die „Erinnerung“ der Kirche überschreitet menschliches Verstehen und Wissen, denn sie ist geführt vom Hl. Geist, der „‚in die ganze Wahrheit’ führt“ (276). So ist Jesus Gott und der Papst vertritt ihn auf Erden. Man ist sprachlos über diese unter frommen Worten versteckte Unverfrorenheit, jede theologische Reflexion und Wissenschaft beiseite zu schieben und eine Ideologie als „historische“ Wahrheit zu erklären. Hier muss man es mit dem Kabarettisten M. Richling halten, der meint, dass er immer gern dem Papst zuhört, da er bei ihm erfährt, wie Menschen vor 500 Jahren gedacht haben. Ja manchmal sind es sogar 1500 Jahre. Denn zum ersten Mal in der Geschichte hat Papst Leo I. im 5. Jh. Seinen Herrschaftsanspruch mit Mt 16,16ff begründet. Vorher hat kein Bischof von Rom die Bibel in dieser Weise für seine Machtinteressen missbraucht. Jeder Exeget sieht in diesem Bibelwort eine nachösterliche Gemeindebildung, zumal nur Mt 16,18 und 18,17 das Wort „Kirche“ Jesus in den Mund legen. Kirche hat sich erst nach Ostern langsam, ohne bereits eine Religionsgemeinschaft zu sein, gebildet, die schließlich, entsprechend der damaligen politischen Strukturen, absolutistisch-monarchische Züge annahm. Glaubensgemeinschaft und Kirche Christi sind jedoch nicht einfach mit der katholischen Kircheninstitution identisch. Als Ganze kann sie, sagt hingegen der Papst, nicht von Jesus abfallen, wohl ist dies für eine „Teilkirche“ (301) möglich. Ob er dabei an die „Orthodoxe Kirche“ dachte, da er ja die evangelischen Kirchen überhaupt nicht als Kirchen anerkennt (vgl. „Dominus Jesus“) und sie als „aus der Reformation hervorgegangene Gemeinschaften“ (Sacramentum caritatis [13.2.2007] Nr. 15) bezeichnet? Der Papst projiziert seine Ansichten in das Neue Testament und liest sie dann aus diesem wieder heraus. So geschieht es auch mit der Gottheit Jesu. Jesus wird im Neuen Testament als Messias und Sohn bzw. Sohn Gottes bezeichnet, aber nie direkt als Gott im Sinne eines Seienden, eines Wesens, das Gott ist. Jesus selbst spricht ganz selten von Gott, was er verkündet, ist das Reich, der Bereich Gottes, der unter uns Menschen gegenwärtig werden soll und den Bereich des Bösen, „Dämonischen“, vertreibt. Es geht gerade nicht darum, zu erweisen, dass Jesus Gott ist, sondern, dass wir in seiner Nähe Gotteserfahrung machen, wenn wir einander lieben. Und wenn Jesus vom Vater spricht, soll kein göttliches Wesen zur Sprache kommen, sondern Gott soll für uns zu einer väterlichen, d.h. liebenden Beziehung werden, aus der wir leben können. So sollen wir auch Gottes Wirklichkeit als väterliche Wirklichkeit sehen. Das „Vater unser“ meint dies. Vater ist ein reiner Beziehungsbegriff und will gerade die Vorstellungen Gottes als einem Seienden überwinden. Der Papst hingegen sieht gerade darin „Gottlosigkeit“, wie ja auch die Pharisäer Jesus der Gotteslästerung bezichtigten. Wohl aber will uns das Neue Testament vermitteln, dass wir im Menschen Jesus Gotteserfahrung machen können. Mit Jesus als einem Gottwesen hat dies nichts zu tun. Thomas kann den Auferstandenen als „Mein Herr und mein Gott“ bezeichnen, – nicht nur um Kaiser Domitians Anspruch zu negieren – weil er als Glaubender in Jesus Christus Gotteserfahrung macht, letzten Sinn des Leben erkennt. Selbst bei den johanneischen „Ich bin“-Formeln, die der Papst zu Theophanien (403) erklärt – jedem Exegeten sträuben sich die Haare und keiner würde eine solche Behauptung bei einem Studenten des ersten Semesters durchgehen lassen – handelt es sich darum, die Gesetzesreligion in Schranken zu weisen und die neue Möglichkeit zu eröffnen, als befreiter Mensch in dieser Befreiungserfahrung letzten Sinn, d.h. ein göttliches Ereignis zu sehen. Mit einem „Eingreifen“ Gottes in die Geschichte oder einem Gottwesen, das auf Erden wandelt, hat das nichts zu tun. Auch ist Jesus nicht die „Erfüllung“ des Gesetzes, der Tora, sondern Befreier gegenüber aller Gesetzlichkeit, an der der Papst festhält. Dagegen schreibt Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1). Neben dem Thema der „verlässlichen Historizität“ und dem Hauptanliegen, Jesus als Gott zu erweisen, ist der dritte große Fragenkomplex: Was ergibt sich für uns daraus? Wenn Jesus also nichts anderes wollte, als sich als Gott zu erweisen und d.h. uns Gott zu bringen, dann gilt es für uns ebenfalls, nur Gott in der Gestalt Jesu den Menschen zu verkünden. Alles Böse in der Welt kommt daher für den Papst aus der „Gottvergessenheit“ der Menschen. Gott muss als die allein bestimmende Wirklichkeit anerkannt werden. Weil das nicht geschieht, hat die Entwicklungshilfe des Westens die 3. Welt erst zur 3. Welt gemacht (62). Das Böse tritt hier im Mantel des Guten auf, nämlich „der Verbesserung der Welt“ (57). Das aber ist teuflische Versuchung. Der Gehorsam gegenüber Gott ist allein entscheidend (63). Eine „heile Welt“ ist „Betrug Satans“ (73). Jesus hat nicht Weltfrieden, nicht Wohlstand, nicht eine bessere Welt, sondern Gott gebracht. Die Bergpredigt ist kein Sozialprogramm (107, 146). Nur durch den Glauben (Gott-Jesus) kommt soziale Gerechtigkeit. Die Landverheißung Israels meint die Freiheit zur Anbetung Gottes, meint Gehorsam und den Anspruch Gottes auf die Erde (113). In der Predigt Jesu fehlt die „Sozialdimension“ (151). Nur die „Gotteswürde“ garantiert die „Menschenwürde“ (160). Alle Güte und menschliche Liebe ist bedingt und abgeleitet von der Gottesliebe. Daher müssen wir das Evangelium zu den Heiden bringen, denn nur so werden sie von der „Dämonenfrucht“ befreit und das Christentum wird die Stammesreligionen und natürlich auch alle anderen ablösen, wobei bewahrt wird, was gut an ihnen ist (210). Was aber „gut“ ist, bestimmt der Papst. Hier kommt wieder klar der Alleinvertretungsanspruch des Christentums in der Gestalt der katholischen Kirche zum Ausdruck (123). Für den Papst ist es grundlegend falsch, „dass jeder seine Religion leben solle“ (122). Ja, er verhöhnt die anderen Religionen, indem er all ihre „schlechten Seiten“ aufzählt. Nur der christliche Glaube „‚rationalisiert’ wirklich die Welt“ (211). Die „Vernunft Gottes“ (213) wird durch ihn wirksam. Wir Europäer haben nach Afrika eine Welt ohne Gott gebracht und daher den Kontinent ausgeplündert (238). Aber: Hat die Kirche nicht dabei fest mitgeholfen? Ist in einem Menschen, der nicht an den christlichen Gott, wie der Papst sich ihn vorstellt, glaubt, wirklich nur Böses? Selbst Thomas von Aquin meinte, dass ein Mensch dem Anderen Gutes tun kann, auch wenn er Atheist ist. Die im Jesusbuch ständig aufgezeigte Alternative: hier der Glaube – nur Gutes und dort der Unglaube – nur Schlechtes ist eine falsche Alternative, die freilich auf Augustinus zurückgeht, der alle Nichtchristen zur „massa damnata“ – zum verfluchten Mob erklärte. Mit Andersdenkenden, nicht Linientreuen auf diese Weise umzugehen, zeugt gerade nicht von besonderer Nächstenliebe. So bezeichnet auch der Papst alle Autonomiebestrebungen als „neuzeitliche Rebellion gegen Gott“ (244). Alles soziale Engagement wird heruntergebuttert, da Arme genauso habgierig sein können wie die Reichen. Den Nächsten sollen wir nur „um Gottes Willen“ lieben! Wo bleibt Mt 25, die Gerichtszene? Sicher sollen wir Almosen geben, meint der Papst, aber bitte keine Strukturreformen, denn so greifen wir in Gottes Pläne ein. Nur von Gott her kann der Mensch „die Erde sinnvoll gestalten“ (324). Daher des Papstes ganze Abneigung gegen die Befreiungstheologie, da sie nicht nur die Armut durch Almosen lindern will, sondern Strukturreformen fordert. Unsere Strukturen in Kirche und Staat sind ungerecht. Davon will der Papst nichts wissen und so wird auch seine Jesusgestalt für die Reichen und Mächtigen völlig harmlos. Dass Jesus gerade für die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen, für die Aussätzigen, Huren, Zöllner, Samariter, Frauen usw., kurz für alle Deklassierten eingetreten ist, darüber erfahren wir im Jesusbuch kein Wort. Keine Weltveränderung, sondern nur gut sei der Mensch! Daher finden wir nichts z.B. gegen die Todesstrafe, geschweige denn gegen Guantanamo und Ähnliches. Das Jesusbuch des Papstes entspricht seinem von ihm verfassten Kompendium: Katechismus der katholischen Kirche 2005, das er gleichsam als Regierungsprogramm vorgestellt hat. Wir finden uns in beiden Werken in der Neuscholastik des 19. Jh. wieder, in der kein Hauch von Bibelkritik, Sozialkritik und Religionskritik (bezogen auf die christliche Religion) zu finden ist. Weder der historische Jesus noch der lebendige Christus des Glaubens begegnet uns in diesem Jesusbuch, sondern allein Ratzingers Ideologie. Freilich einem unreflektierten Menschen, der einen „Halt“ für seinen Glauben sucht, mag die frömmelnde Sprache hilfreich sein und einen mythischen Gott in Menschengestalt erwecken.

„... und führe uns nicht in Versuchung“!

 

 


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