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Ins
Angesicht
Brief an
Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln
von
Ulrich Harbecke
Erftstadt, 20. November
2004
Sehr geehrter Herr Kardinal,
mit dem Freimut des getauften und
gefirmten Christen schreibe ich diesen Brief. Wenn ich das Evangelium ein
wenig verstanden habe, gibt es kein Oben und Unten, kein Wertgefälle
zwischen den vielen unterschiedlichen Charismen in der Gemeinde. Jeder ist
aufgerufen, seine Gabe und seine Ideen beizusteuern. Und - das werden Sie
rasch entdecken - ich schreibe im Zorn, denn nur ein Zyniker könnte
kühlen Herzens kommentieren, was Sie in den letzten Wochen in Ihrer
(unserer!) Diözese angerichtet haben.
Der Anlass meines Briefes ist Ihnen
bekannt. Es gab Unruhe und Ärgernis in mehreren Gemeinden. Probleme sehr
grundsätzlicher Natur wurden sichtbar und sind bis heute nicht gelöst.
Die entstandene Situation dauert an, und da Sie sie fast täglich
verschärfen, droht sie zu einem dauerhaften und tiefen Zerwürfnis zu
werden. Dabei ist die kleine St. Kilian-Gemeinde von Erftstadt nur
Ausgangspunkt und erster Schauplatz des Konfliktes. Ich vermute, dass
viele Tausend Christen aus der ganzen Diözese und darüber hinaus die
Ereignisse beobachtet haben und erschrocken sind, welches Kirchen- und
Bischofsbild ihnen nun zugemutet ist. - Hier die Fakten, soweit sie mir
zugänglich sind:
Die Christen von St. Kilian in Erftstadt
bei Köln hatten Gründe zum Feiern: Ihr Pfarrzentrum wurde
fünfundzwanzig Jahre alt, es war und ist eine lebendige Begegnungsstätte
mit offenen Fenstern und Türen. Dechant Wilhelm Hösen, ein pastorales
Kraftwerk der Gemeinde und der Stadt, beging sein dreißigjähriges
Ortsjubiläum. Der Pfarrgemeinderat und viele Gruppen erdachten ein
Programm aus Gottesdiensten, Konzerten, Begegnungen und Festlichkeiten.
Zu einem Fest lädt man gute Freunde ein,
die Nachbarpfarreien, die evangelischen Glaubensgeschwister, die Bürger
der Stadt. Warum nicht auch den französischen Bischof Jacques Gaillot,
mit dem man seit ein paar Jahren in freundschaftlicher Beziehung steht.
2002 lernte ihn eine Pilgergruppe in Paris persönlich kennen. Er feierte
mit ihnen Gottesdienst, erzählte von seiner Alltagsarbeit für
Obdachlose, Staatenlose, Arbeitslose und gewann mit seiner stillen
Freundlichkeit, seiner christlichen Spiritualität und seinem Mut, nicht
vor dem Übermaß des Elends zu kapitulieren, die Herzen seiner deutschen
Gäste.
Im Jahr darauf kam Bischof Gaillot für
drei Tage nach Erftstadt. Als höflicher Mensch informierte er Sie zuvor
per Brief, bekam aber keine Antwort. Damals besuchte er ein Gymnasium in
Kerpen und begeisterte dreihundert Jugendliche. Er sprach mit den
Religionslehrern des Kreises und begeisterte sie für ihre wichtige
Aufgabe. Er begeisterte den vollen Pfarrsaal von St. Kilian mit seinen
Erlebnissen und Erfahrungen, mit seinem Humor und seiner unverkrampften
Frömmigkeit. Er sprach über die Seligpreisungen der Bergpredigt und in
welchen Gesichtern sie uns heute im Alltag begegnen. Er sprach von der
Würde des Menschen, die über allen anderen Eigenschaften stehe wie
Geschlecht, Hautfarbe, gesellschaftlichem Erfolg. Er sprach von Gottes
Liebesgeschichten mit den Menschen, von der Kraft der Vergebung, von den
Entdeckungsfreuden eines offenen Dialogs und vom hohen Wert der
kirchlichen Gemeinschaft. - Auch die Kölner Kirchenzeitung hatte einen
Reporter geschickt und brachte einen nicht unfreundlichen Artikel.
Gewiss, einige Zuhörer suchten in ihm auch den Rebellen und Provokateur.
Hatte er sich nicht für politisch Verfolgte eingesetzt, für illegale
Einwanderer, für Schwule? War er nicht sogar (ein Bischof!) auf die
Straße gegangen, um zusammen mit den Betroffenen gegen
Verwaltungsverbrechen und unmenschliche Gesetze zu protestieren? Hatte ihm
nicht Papst Johannes Paul II. auf Betreiben einflussreicher Kreise 1995
sein reales Bistum Évreux genommen und ihn in das Titularbistum Partenia
versetzt? Müsste ein solcher nicht verbittert und böse sein und sich auf
die Barrikade stellen lassen?
Weit gefehlt. - Jacques Gaillot hatte
nicht resigniert. Er hatte sein virtuelles Bistum zur Internetadresse
gemacht, wo er seitdem von seiner täglichen Arbeit berichtet und wo sich
Gott- und Ratsucher aus aller Welt einfinden, um Fragen zu stellen und
Gedanken auszutauschen. Auch die Zuhörer in Erftstadt erlebten einen
kleinen, lächelnden Bischof, der sich nicht für zukunftsarme
Grabenkämpfe instrumentalisieren ließ. Er habe Wichtigeres zu tun, sagte
er, als sich an Thesen und Parolen abzuarbeiten. Er wolle Versöhnung und
lebendigen Frieden. Vom Gegner könne man manchmal mehr lernen als von den
Freunden, denn niemand habe den einzig möglichen und vollen Blick auf die
Wahrheit.
Die Zuhörer im Pfarrsaal von St. Kilian
begriffen: Ein Christ wie Jacques Gaillot eignet sich nicht für Gezänk
und Krieg. Er hasst niemanden, am wenigsten seinen Feind. Er kämpft nicht
für den Frieden. Er hat ihn. Alles hat zwei Seiten. Er ist eine dritte.
Und wer von den Anwesenden schon einmal im Neuen Testament gelesen hatte,
dem kam das alles irgendwie bekannt vor. Der Abend war unvergesslich, weil
er an etwas erinnerte, das sich vor 2000 Jahren ereignet hatte.
So weit, so gut. - Im Frühjahr 2004
schickte sich die St. Kilian-Gemeinde an, das Jubiläum ihres
Pfarrzentrums vorzubereiten. Das "katholische Dorf" gleich neben
der Kirche hatte Pfarrer Hösen erdacht und gegründet, er hatte es mit
großer Energie vorangetrieben und zum heimischen und weithin
ausstrahlenden Treffpunkt der Gemeinde gemacht. Groß war daher die Freude
des Pfarrgemeinderates, als Jacques Gaillot die Einladung zu einem zweiten
Besuch in Erftstadt annahm. Glücklicher Zufall: In diesen Tagen erschien
die deutsche Ausgabe seines neuen Buches: "Ein Katechismus, der
Freiheit atmet". Kein dogmatisches Regelwerk, sondern eine moderne
"Nachfolge Christi", eine Sammlung von Glaubenszeugnissen und
"Liebesgeschichten" mit Gott, von Gedanken und Anregungen, die
tief in den Anfängen der christlichen Botschaft wurzeln und die auch
Zweiflern und Suchern eine zukunftsstarke Religiosität vermitteln. - Auch
diesmal hatte er Sie schon am 7. Juni von dem geplanten Besuch informiert
und wieder keine Antwort bekommen. - Alles war vorbereitet. Die Leute von
St. Kilian und viele Menschen in ihrer Umgebung freuten sich auf die
Begegnung.
Da plötzlich erreicht Pfarrer Hösen ein
Brief, der wie ein Donnerschlag dazwischenfährt. Sie zeigen sich empört.
Niemand außer Ihnen, so behaupten Sie, hätte das Recht, einen Bischof
einzuladen. Die Veranstaltung dürfe auf keinen Fall stattfinden,
andernfalls müsse der Pfarrer mit scharfen Sanktionen rechnen.
Rückfragen, Vermittlungsversuche, Erklärungen. Pfarrer Hösen bedauert
die unerwartete Problematik. Nicht er, sondern der Pfarrgemeinderat habe
den Bischof eingeladen. Es ergäbe ein schlechtes Bild in der
Öffentlichkeit, die Veranstaltung zwei Tage vorher wieder abzublasen.
Auch im Hinblick auf den Weltjugendtag im kommenden Jahr bittet er Sie,
die Sache noch einmal zu überdenken.
Eine Stunde später kommt Ihre Antwort aus Köln. Sie seien entsetzt über
den Treuebruch Ihres Pfarrers. Einem "unerleuchteten Kaplan"
könne so etwas vielleicht passieren, aber nicht einem Dechanten Ihrer
Diözese. Dass der Pfarrgemeinderat der Gastgeber sei, interessiere Sie
nicht, denn unbotmäßige Laiengremien könne man auflösen. Die
Veranstaltung bleibe verboten bei Androhung schärfster Konsequenzen. Und
abermals machen Sie den Pfarrer für alle Folgen verantwortlich.
Die Gemeinde ist entsetzt und
erschüttert. Pfarrer Hösen ist ratlos. Einige Tausend erwachsene
Christen in Erftstadt und Umgebung reiben sich die Augen. Sind sie nicht
im Europa des 21. Jahrhunderts? Gibt es nicht ein Grundgesetz, das
Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten verbürgt? War da nicht ein
Konzil, das den Index der verbotenen Bücher abgeschafft hat. Und vor
allem: Gibt es nicht ein Evangelium, das einen völlig anderen Geist atmet
als Inhalt und Ton Ihrer Briefe?
Die Leute stehen plötzlich vor einer
Situation, die sie in ihrer Kirche nicht mehr für möglich hielten.
Sollen sie ihren Gast, den sie als einen überzeugenden Christen kennen,
auf Befehl von oben für einen gefährlichen Verbrecher halten? Oder
sollen sie ihren Erzbischof als einen Mann begreifen, der sein Amt dazu
missbraucht, einen rechtmäßig geweihten Amtsbruder zu verteufeln, dem er
noch nie persönlich begegnet ist und von dem er bis dahin vermutlich auch
noch keine Zeile gelesen hat?
Da Sie einen eindeutigen Rechtsstandpunkt
behaupten, richtet sich das Interesse zunächst auf diesen Aspekt.
Natürlich kann sich nach der Verfassung der Europäischen Union und der
Bundesrepublik Deutschland jeder Bürger frei bewegen. Man darf ihn
einladen, wann und wohin man will, und er darf selbstverständlich frei
sprechen oder ein Buch veröffentlichen. Aber die Katholische Kirche ist
nun leider nicht der genuine Hort bürgerlicher Freiheiten. Vielleicht
gibt es ja wirklich ein Kirchengesetz, das dem Ortsbischof das alleinige
Recht zuerkennt, einen Bischof einzuladen, um eine Einladung durch andere
Christen zu verhindern. - Fehlanzeige. Die befragten Kirchenrechtler
lachen hell auf. Selbstverständlich darf auch nach den Kirchengesetzen
ein Bischof reisen, wohin er will und sprechen, mit wem er will. Der Codex
juris erlaubt ihm, überall auf der Welt das Wort Gottes zu verkündigen.
Er verbietet auch keinem Pfarrer und keinem Christen, einen Bischof
einzuladen. Ein Ortsbischof, der den Amtsbruder partout nicht auf seinem
Territorium dulden will, kann es ihm nicht auf dem Umweg über einen
Pfarrer verbieten, sondern allenfalls in einer persönlichen Demarche. Das
allerdings wäre ein ungeheuerlicher Vorgang und bisher in Deutschland
ohne Beispiel. Dann müsste sich auch der Abgewiesene sofort an den Papst
wenden und seinen Status klären lassen. Mit einem Wort: Weder Pfarrer
Hösen, noch der Pfarrgemeinderat von St. Kilian, noch gar Bischof Gaillot
haben sich auch nur das Geringste zu schulden kommen lassen.
Der Eklat ist nun nicht mehr aufzuhalten.
Die Presse schaltet sich ein. Tags darauf ist der Fall in der ganzen
Diözese bekannt, und vielen kommt er bekannt vor. Er passt nahtlos in den
Charakter Ihrer Amtsführung, wie sie die Kölner Erzdiözese seit nun
fast zwei Jahrzehnten erlebt. Da ist nicht die Spur eines
vertrauensvollen, aufbauenden und befreienden Christentums. Da wird
denunziert und verleumdet, unterdrückt und verfolgt. Zahlreiche
innerkirchliche Lebensläufe nahmen schmerzhafte Wendungen und oft ein
spurloses Ende. Hier ist nicht der Ort, die lange Kette solcher Ereignisse
aufzulisten, aber eines muss man nun wohl zur Kenntnis nehmen: In dieser
Erzdiözese feiert man nicht einfach ein Fest. Man lädt sich auch nicht
einfach Gäste ein. Unter dem Regime dieses Kardinals ist alles heikel und
gefährlich. Wer hier Schwierigkeiten vermeiden will, holt sich am besten
zu allem die Erlaubnis oder er unterlässt es von vornherein. Die Kilianer
begreifen, in welcher Gefahr jetzt ihr Pfarrer schwebt.
Als daher der Förderverein der
städtischen Bibliothek die Trägerschaft der Veranstaltung übernimmt,
ist man froh, Pfarrer Hösen aus der Schlusslinie zu bekommen. Auch der
Bürgermeister von Erftstadt zeigt Haltung und spendiert den Ratsaal der
Stadt. So bleibt Ihr formales "Hausrecht" im Pfarrzentrum von
St. Kilian gewahrt (Es wurde übrigens aus Kirchensteuermitteln
errichtet!).
Am 12. September 2004 drängen sich die
Menschen zu Hunderten im Erftstädter Rathaussaal. Jacques Gaillot ist
gekommen, und natürlich fragt man ihn, wie er sich zu den Angriffen des
Ortsbischofs stelle. "Ich bin ein ungefährlicher Bischof", ist
seine Antwort, "ich würde Kardinal Meisner gern kennen lernen und
mit ihm sprechen."
Die Anwesenden erleben ein
unvergessliches Gespräch mit dem lächelnden Bischof aus Frankreich.
Inmitten der eisigen Affäre begegnet ihnen ein jesuanischer Christ, der
von den Kölner Angriffen gar nicht betroffen scheint und der den Leuten
viel lieber das Evangelium näher bringt. Er verzichtet auf einen
vorformulierten Vortrag, wählt von Anfang an in der Form des Gespräches,
das die Entfaltung vieler Beiträge ermöglicht. Eine Stunde lang spüren
die Menschen die Kraft eines Glaubens, der Gräben überbrückt und Mauern
niederreißt. Eine Stunde lang ist der Konflikt vergessen, weil er zu
einer Welt und zu einem Denken gehört, das von der des Evangeliums
galaktisch weit entfernt ist.
Aber der Konflikt ist nicht gelöst.
Inzwischen ist er das Tagesgespräch der ganzen Region. Pfarrer Hösen
erhält eine Flut von Solidaritätsbekundungen. Priesterkollegen,
Kirchenrechtler und unzählige Bürger sprechen ihm zu und empören sich
gegen das Vorgehen des Erzbischofs.
In der folgenden Woche erscheint über
die Katholische Nachrichtenagentur eine offizielle Verlautbarung:
"Das Erzbistum legt den Fall Gaillot zu den Akten." Da Bischof
Gaillot sein neues Buch nicht in der Gemeinde St. Kilian, sondern in
städtischen Räumen vorgestellt habe, sei das Verhalten Pfarrer Hösens
"korrekt" gewesen. "Der Dechant habe die Auflagen von
Kardinal Joachim Meisner erfüllt. Damit sei die Sache erledigt." -
Vielleicht will man sich unter Wahrung des Gesichts zurückziehen und den
entstandenen Schaden begrenzen? Die Wirkung ist jedoch verheerend.
Die Katholiken von St. Kilian fühlen
sich ins Herz getroffen. Sie wissen, dass nie von Auflagen die Rede war,
dass Gaillots Besuch kategorisch verboten wurde und auch eine Verschiebung
in den öffentlichen Raum daran nichts ändern würde. Sie wissen auch,
dass sich ihr Pfarrer von Anfang an völlig korrekt verhalten hat, und nun
stellt man ihn hin, als hätte er einen Fehler eingesehen, diensteifrig
"Auflagen erfüllt" und sich damit die Gnadensonne seines
Erzbischofs zurückverdient. Mit anderen Worten: Er soll in der
Öffentlichkeit dastehen als ein Stück Knetmasse, das sich die kirchliche
Obrigkeit nach gusto formen kann. Er soll also alle Glaubwürdigkeit
verlieren.
Die "Kilianer" ziehen Bilanz.
Unerträgliches ist geschehen: Ihr Erzbischof ist gegen alles Recht und
Gesetz über ihren Pfarrer hergefallen, einen Priester, der in der ganzen
Region höchstes Ansehen genießt und dessen dreißigjährige
hochkompetente Arbeit und Seelsorge in Köln offenbar keine Geltung hat.
Man hat ihn als "unerleuchteten" Deppen hingestellt und ihn mit
massiven Drohungen in schwerste Bedrängnis gebracht. Der Erzbischof hat
ein Gemeindefest gestört und verstört, das 25 Jahre eines überaus
lebendigen Pfarrzentrums feiern wollte. Er hat einen Pfarrgemeinderat aus
Christen, die sehr viel Kraft und Zeit in das Leben der Gemeinde
investieren, zur bedeutungslosen Nullnummer erklärt. Er hat die Gemeinde
gezwungen, ihren Gast wie einen Aussätzigen zu behandeln und hat ihr das
beschämende Erlebnis beschert, dass ein weltlicher Verein und ein
Bürgermeister als Träger für die geplante Veranstaltung einspringen
mussten. Er hat die Katholiken von St. Kilian gezwungen, am Jubeltag ihres
Hauses eben dieses Haus leer stehen zu lassen, weil eine zutiefst
christliche Veranstaltung auf neutralem Boden stattfinden musste. - Und
dies alles nicht etwa, weil die ahnungslose Gemeinde einen Verbrecher
eingeladen hatte, einen geweihten Kinderschänder oder Ketzer, sondern
einen weltweit angesehenen Bischof und Wohltäter unzähliger Menschen. -
Und dies alles geschah im Kasernenton eines Erzbischofs, der keinen Dialog
ermöglicht, sondern auf nichts als Befehl und Gehorsam setzt.
Mit Verlaub, Herr Kardinal, so etwas
legen die Christen Ihrer Diözese nicht einfach "zu den Akten".
Hier wird ihnen ein "Christentum" verordnet, von dem man sich
nur mit Grausen abwenden kann und eine Kirche zugemutet, die den Menschen
einer zivilen und freien Gesellschaft keine Heimat mehr bietet. Und man
kann nur ahnen, wie viele Jugendliche, diesem "erbarmungslosen
Laden" nun mit neu begründetem Misstrauen gegenüberstehen. Man kann
nur hoffen, dass sie sich andere Vorbilder wählen als ihnen aus Köln
angeboten werden, einen Jacques Gaillot zum Beispiel.
Aber in dieser Kirche gibt es keine ausweglosen Sackgassen. Christen, die
das Evangelium hochhalten, legen nichts "zu den Akten". Sie tun
etwas viel Besseres und das Einzige, was hier noch helfen kann: sie
springen über ihren Schatten. Sie gestehen einen Fehler ein. Sie bitten
die Opfer des Geschehens um Vergebung - und bessern sich drauflos.
Zu diesem Zeitpunkt ist das bei vielen
noch die heimliche Hoffnung, wie ich aus manchen Gesprächen weiß. Welche
Sensation wäre es, so denkt man, wenn auch einmal ein Erzbischof einen
offenkundig falschen Schritt einräumen würde, wenn er, der doch oft
genug von der Kanzel herab zu Umkehr und Versöhnung aufruft, einmal, ein
einziges Mal, sich selbst mit einbezöge. Warum, so fragt man sich, kann
er nicht einen dritten Brief schreiben oder - besser noch - persönlich in
die Gemeinde kommen und sagen: Liebe Leute, Schluss mit dem Eiertanz. Ich
habe mich verrannt. Auch ein Erzbischof macht Fehler, darin ist er seinen
Diözesanen ähnlich. Ich war zornig, vielleicht auch ein wenig verletzt.
"Warum laden die nicht ihren Bischof ein?" habe ich mich
gefragt, "warum holen sie sich einen aus Frankreich?" Und ich
war auch in Sorge. Da kommt jemand und stiftet Unruhe, dachte ich, einer,
den der Papst aus dem Amt entlassen hat, und der wird sich ja wohl etwas
dabei gedacht haben. Und da gingen die Pferde mit mir durch. Ich habe ein
Recht behauptet, das es gar nicht gibt und habe euch und euren Pfarrer in
große Bedrängnis gebracht. Ich habe auch meinen Amtsbruder aus
Frankreich verletzt, und ich erschrecke vor mir selbst, denn wenn ich
einem Menschen verbiete, sich frei zu bewegen, mache ich mich zu seinem
Gefängniswärter. Wenn ich ihm verbiete mit anderen Menschen zusammen zu
kommen, lege ich ihn wie ein böses Tier an die Kette. Und wenn ich ihm
das freie Wort verwehre, dann ist es, als brächte ich ihn um. - Ich kann
es leider nicht ungeschehen machen, aber eines weiß ich ganz gewiss:
Irgendwo hinter diesen Ereignissen liegt unsere gemeinsame Zukunft, und
die müssen wir finden, im Namen unseres Gottes, der uns gesagt hat: Wenn
du zum Altar gehst und dir fällt ein, dass dein Bruder etwas gegen dich
hat, dann lass deine Opfergabe liegen, geh erst und versöhn dich mit ihm.
Dann kann du wiederkommen. - Also frei heraus. Ich will nicht jedes Mal,
wenn ich zum Altar gehe, daran denken müssen, dass meine Geschwister in
St. Kilian etwas gegen mich haben. Ich bin gekommen und möchte mich mit
euch versöhnen. Hier ist meine Hand. - Und ich habe auch Jacques Gaillot
einen Brief geschrieben, der ihn um Versöhnung bittet. Ich habe ihn
gebeten, mich zu besuchen oder mich in Paris zu empfangen. Ich möchte ihn
kennen lernen. Ich muss nicht in allem seiner Meinung sein. Es gibt viele
Möglichkeiten, Gott und den Menschen zu dienen, aber ich möchte ihm
zeigen, dass ich seine Menschenwürde achte. Dass ihm der Heilige Vater
sein reales Bistum genommen hat, besagt vor Gott erst einmal gar nichts,
genau so wenig wie die Tatsache, dass er mir das meinige bisher gelassen
hat. Wir beide aber wollen versuchen, dort in Demut zu dienen, wohin uns
Gott gestellt hat..."
Ein schöner Traum. Er würde aller Welt
zeigen, dass in dieser uralten Kirche immer noch jeden Tag Wunder möglich
sind und dass es viele kleine Auferstehungen gib, lange bevor wir die
große erleben. Und welch eine Sensation in ganz Deutschland! Alle Welt
würde sich die Augen reiben und es nicht glauben wollen. Ein Erzbischof,
der einfache "Laien" um Vergebung bittet? Unmöglich. "Aber
ja doch!" würden die katholischen Christen sagen. "Und es ist
sogar der Kölner Erzbischof." - Und dessen Ansehen würde steil
aufwachsen, und noch lange wäre es ein weithin leuchtendes Beispiel, wie
Christen mit einander klarkommen, ohne Rücksicht auf Ämter und Würden,
einfach so, weil ihre Gemeinschaft tiefer gründet als ein Konflikt, weil
sie mehr zu verlieren haben als ihren äußeren Frieden, weil sie Gott
ihren Zorn überlassen, nicht weil der besser strafen könnte, sondern
weil er ins Innerste blickt und deshalb mehr Verständnis hat als wir.
Es bleibt beim Traum. Pfarrer Hösen bat
Sie um ein Gespräch, das Sie ihm nach einer Woche gewährten. Zur
gleichen Zeit versammelten sich rund hundert Mitglieder der St.
Kilian-Gemeinde in ihrer Kirche zu einer "Sturm-Andacht". Sie
erinnerten sich dieser alten Tradition, mit der ihre Vorfahren in Zeiten
großer Unruhe und Gefahr den Himmel "bestürmten". Jetzt sangen
und beteten sie zum Heiligen Geist, für ihren Seelsorger und für den
Bischof, "dass er uns Vorbild sei durch seinen Wandel, uns trägt
durch seine Liebe, uns stärkt durch seine Geduld, und erhält in der
Freude des Heiligen Geistes, uns segnet durch seine Gebete..."
(Gotteslob 27,3).
Das Gespräch war offenbar keines. Es war
eine Befehlsausgabe von oben herab und in scharfem Ton. Sie bestanden
abermals auf Ihrem alleinigen "Recht", einen anderen Bischof
einzuladen. Sie machten die St. Kilian-Gemeinde dafür verantwortlich,
dass Ihr Ansehen nun in der Öffentlichkeit beschädigt sei und forderten
eine öffentliche Entschuldigung. Und was Gaillot angehe, so hätten Sie
schon mit Kardinal Ratzinger telefoniert, um ein Verfahren gegen den
französischen Amtsbruder anzustrengen.
In der Woche darauf, erschüttern andere
Berichte die Öffentlichkeit. Auf bloße Denunziation hin gerät der junge
Pfarrer von Meckenheim unter den falschen Verdacht, schwul zu sein, worauf
Sie ihn zu den Sinti und Roma "strafversetzen". Ein neuer
Vernichtungsschlag, nun gegen einen Ihrer Diözesanpriester und gegen eine
andere Gemeinde, auch gegen gleichgeschlechtliche Mitmenschen, vor allem
aber gegen die Sinti und Roma, die sich nun als "Strafkolonie"
begreifen müssen. Aller Protest bleibt wirkungslos.
Als nächstes trifft es die Gemeinde St.
Cosmas und Damian in Pulheim/Stommeln. Hier sind es die evangelischen
Glaubensgeschwister, die Jacques Gaillot zu einem Gespräch eingeladen
haben. Das kümmert Sie nicht, denn es besteht ja die "Gefahr",
dass auch Katholiken die Veranstaltung besuchen. Diesmal schreiben Sie
einen Brief direkt an Ihren Amtsbruder, der ihm de facto verbietet, in der
Kölner Erzdiözese öffentlich aufzutreten. Gaillot verzichtet auf seinen
Besuch. Er möchte nicht die unschuldige Ursache solcher Zerwürfnisse
sein und will den Freunden in Deutschland Wunden und Verfolgung ersparen.
- Jetzt haben Sie die Methode gefunden, mit der Sie Ihre Diözese "gaillot-frei"
machen können. Da Sie sich auf das Feingefühl Ihres Opfers verlassen
können, können Sie es ungehindert zum Schweigen bringen.
Die Methode funktioniert nun auch bei der
von Publik-Forum geplanten Veranstaltung in der Bonner Beethovenhalle
"Christsein im dritten Jahrtausend". Wieder erhält Bischof
Gaillot einen Brief, der ihm jede Art öffentliches Auftreten in Ihrem
Einflussbereich untersagt und ihm ein römisches Verfahren ankündigt, und
abermals zieht er sich zurück. Er will die Waffen nicht aufgreifen, die
Sie ihm hinhalten. Als Christ lebt er in einer völlig anderen Welt als
Sie. Er hat auch Wichtigeres zu tun, als sich mit einem Kardinal
auseinanderzusetzen, der das Mittelalter noch nicht verlassen hat.
Und nun gibt es wohl keinen ehrlichen
Katholiken in Ihrer Diözese, der sich nicht schämt, dass Sie die Kölner
Kirche repräsentieren wollen. Wo immer er oder sie sich als katholisch
bekennen, müssen sie nun hinzufügen: "Das hat aber nichts mit
Kardinal Meisner zu tun". Mit Ihren Aktionen stellen Sie sich selbst
außerhalb der menschlichen und christlichen Gemeinschaft, und welcher
Christ wird denn auf bloßen Befehl hin die eigene Suche nach Wahrheit und
einem christlich erfülltem Leben einstellen und sich stattdessen mit dem
"Tunnelblick" eines autoritären Amtsträgers abfinden?
Inzwischen habe ich den konfektionierten
Brief gelesen, mit dem Sie auf die zahlreichen Proteste antworten. Erster
Eindruck: Da ist nicht der Hauch einer selbstkritischen Nachdenklichkeit.
Stattdessen Herabwürdigung der Schreiber und Vernebelung der Fakten. Ich
greife nur fünf Punkte heraus:
1. Sie unterstellen den Gastgebern eine
"provokative Einladung an Bischof Gaillot". Hier werde ein
"amtsenthobener Bischof von kirchlicher Großveranstaltung zu
kirchlicher Großveranstaltung herumgereicht". Damit können Sie
mindestens Erftstadt und Stommeln nicht meinen, wo maximal drei- bis
vierhundert Zuhörer zu erwarten waren. Außerdem zeigt es Ihr schäbiges
Bild von Jacques Gaillot, den Sie als wohlfeile Handpuppe irgendwelcher
obskurer Gruppen hinstellen.
2. Sie behaupten, Bischof Gaillot hätte
sich bei Ihnen mit Schreiben vom 15. September dafür entschuldigt, dass
er seinen Besuch nicht angekündigt habe. Dies ist im günstigsten Fall
ein begehrlicher Übersetzungsfehler, denn der Ankündigungsbrief, der am
7. Juni an Sie abging, liegt leibhaftig vor.
3. Sie zitieren die Kirchenkonstitution
des Zweiten Vatikanischen Konzils (5), das die Ortsbischöfe als
"authentische, das heißt mit der Autorität Christi ausgerüstete
Lehrer" bezeichnet. Diesen Text beugen Sie nach Ihren Interessen.
Dort ist nämlich nicht vom "Ortsbischof" die Rede, sondern von
allen Bischöfen als "Glaubensboten, die Christus neue Jünger
zuführen", also auch von Bischof Gaillot. Weiter heißt es:
"Sie verkündigen dem ihnen anvertrauten Volk die Botschaft zum
Glauben und zur Anwendung auf das sittliche Leben und erklären sie im
Licht des Heiligen Geistes, indem sie aus dem Schatz der Offenbarung Neues
und Altes vorbringen. So lassen sie den Glauben fruchtbar werden und
halten die ihrer Herde drohenden Irrtümer wachsam fern." - Mit
keinem Wort ist hier von Aussperrung, Unterdrückung der freien Rede oder
Knebelung der Christen die Rede. Der einzig gangbare Weg ist
"verkündigen" und "erklären" "im Licht des
Heiligen Geistes". Und dies ist der Geist des Konzils, das bei der
Ausbreitung und Wahrung von Christi Botschaft eben keine Zwangsmaßnahmen
oder Gängelung mehr vorsieht. Warum sonst wäre der Index abgeschafft
worden!
4. Sie versuchen, Ihre Manöver zu
rechtfertigen, indem Sie Jacques Gaillot als Irrlehrer diffamieren. Sie
behaupten einfach drauflos, der Papst habe ihn wegen lehramtlicher
Differenzen aus seinem Bistum versetzt. Das ist die blanke Unwahrheit, und
die Kölner Diözesanen wissen nun, dass sie von ihrem Erzbischof aus
Ignoranz oder in strategischer Absicht belogen werden. Im Konflikt um das
öffentliche Auftreten von Jacques Gaillot gegen die inhumanen
Einwanderungsgesetze und andere gesellschaftliche Probleme in Frankreich
ging es zu keinem Zeitpunkt um Lehraussagen. Johannes Paul II. hat sich
damals auf die Seite der Mächtigen in Frankreich gestellt, weil er die
Kompromisslosigkeit nicht dulden wollte, mit der Bischof Gaillot sich auf
die Seite der "Geringsten" stellte. Dies hat der Papst zu
verantworten.
5. Sie schreiben, Sie hätten
"Bischof Gaillot ausdrücklich zu einem persönlichen Gespräch"
in ihr Haus eingeladen. "Ich verweigere Herrn Bischof Gaillot also
weder Gastfreundschaft noch Dialog." - Mit Verlaub, dies ist blanker
Zynismus. Wie soll ein normaler Mensch eine "Einladung", die ihn
gleichzeitig in aller Klarheit auffordert, die Kölner Erzdiözese nicht
mehr aufzusuchen und dieser Forderung auch noch mit einem intriganten
Manöver bei der römischen "Machtzentrale" Nachdruck verleiht?
Was könnte auch bei einem "Dialog" herauskommen mit einem
"Gast", den Sie vorab und gegen jede Evidenz als Irrlehrer
definiert haben? Und wie soll sich ein ausländischer Bischof von Ihnen
ehrlich eingeladen fühlen, wenn Sie gerade erst eine Kirchengemeinde
unter schwerstem Druck gezwungen haben, ihn wieder auszuladen?
Das eigentliche Problem ist aber gar
nicht, ob Sie mit Bischof Gaillot einen Dialog führen oder nicht.
Entscheidend ist, dass die Katholiken Ihrer Diözese nun gehindert sind,
einen solchen Dialog mit ihm zu führen. Diese sind nämlich nicht mehr
bereit, sich von ihrem Erzbischof bevormunden zu lassen und wollen zu
einem eigenen Urteil kommen. Sie haben dazu ein verbrieftes Recht, nicht
nur aus dem Geist des Evangeliums, sondern auch aus den Grundsätzen ihrer
politischen Verfassung. Sie leben in einem demokratischen Rechtsstaat des
21. Jahrhunderts.
Da Sie bei Ihrem Amtsantritt auch auf die Verfassung des Landes NRW
geschworen haben, und die Regelung innerkirchlicher Angelegenheiten nicht
gegen die Grundrechte verstoßen darf, hat das Ganze also auch noch eine
politisch-juristische Komponente. An diesem Punkt sind auch Bürger
betroffen, die nicht Mitglied der Katholischen Kirche sind.
Ich fasse die Faktenlage zusammen: Der
von Ihnen geschaffene Zustand ist und bleibt so lange unerträglich wie
Sie ihn nicht in aller Form beenden und sich ehrlich bemühen, den
entstandenen Schaden wieder gut zu machen.
Was an Ihrer Vorgehensweise vor allem
erschreckt, ist nicht nur die Gefühlskälte, mit der Sie vorgehen,
sondern vor allem die aseptische Klarheit, mit der Sie offenbar Ihren
Standpunkt sehen und ihn gegen alles Nachdenken und Abwägen durchsetzen.
Schon der leiseste Zweifel müsste Sie ja sonst veranlassen, über die
Person und das Lebenswerk von Jacques Gaillot einmal nachzudenken. Als
Christ müssten Sie liebevoll und eifrig nach Aspekten und Aussagen
suchen, die Ihr Urteil positiv beeinflussen könnten, immer auch in der
Hoffnung auf interessante Einsichten, Ideen und Erfahrungen, die Ihnen
selbst noch unbekannt sind und die Ihr eigenes Bild von Gott und der Welt
ergänzen und bereichern würden. Und wären da wirklich Einzelheiten,
denen Sie widersprechen müssten, so würden Sie noch lange hoffen, es sei
nur ein Missverständnis. Sie würden das persönliche Gespräch suchen,
um größere Klarheit zu gewinnen und auch bei bleibendem Dissens, Ihrem
Gegenüber nicht den persönlichen Respekt verweigern, denn zumindest
dessen Ehrlichkeit steht ja außer Zweifel. "Meinem
Meinungsgegner", schreibt Thomas von Aquin, "darf ich erst dann
widersprechen, wenn ich das beste seiner Argumente überzeugender
vortragen kann als er selbst."
Dabei geht es in diesem Fall, wie
dargelegt, nicht einmal um theologische oder lehramtliche
Meinungsunterschiede. Bischof Gaillot ist kein Theoretiker. Er baut kein
Denkgebäude und schreibt keine Manifeste. Er orientiert sich praktisch
und unmittelbar am Evangelium. Theologische Streitfragen interessieren ihn
gar nicht. Er ist konform mit dem Glaubensbekenntnis und den Lehraussagen
der Katholischen Kirche, die er seine Heimat und Familie nennt.
Norm und Mitte unserer Kirche ist Jesus
Christus. Dadurch, dass er "das Angst- und Schreckenerregende aus dem
Gottesbild der Menschheit tilgte, erwies er sich als der größte
Revolutionär der Religionsgeschichte" (Eugen Biser). Wie aber kann
ihn ein Bischof glaubwürdig verkünden, der so rücksichtslos über einen
glaubwürdigen Christen wie Gaillot herfällt und mit seinen Maßnahmen
Angst und Schrecken erregen will?. Was unterscheidet ihn von jenen aus der
Kirchengeschichte, die einen Menschen wie Jacques Gaillot auch physisch
ausgelöscht haben, wenn sie die Macht dazu hatten?
Der Fundamentalismus ist eine der großen
Seuchen unserer Zeit. Sie sollten erschrecken, dass Sie damit bei dumpfen
Katholiken Beifall ernten. Viele Menschen ertragen nicht die Komplexität
der Gesellschaft, in der sie leben. Sie sehnen sich nach einfachen und
klaren Verhältnissen. Ein Seelsorger sollte ihnen helfen, nicht den
schrecklichen Vereinfachern auf den Leim zu gehen, statt selbst ein
solcher zu sein. Das Leben ist keine mathematische Gleichung, die restlos
aufgeht. Es ist auch nicht keimfrei und clean. Die Reinlichkeitsfanatiker
der Geschichte von Robbespierre bis Stalin, von Hitler bis Pol Pot haben
genug angerichtet, als dass man ihnen noch ein Wort glauben könnte.
Eine Kirche oder Religionsgemeinschaft,
die sektiererischen Gelüsten nachgeben würde, wäre nicht nur ein
unnützes Fossil, sie wäre sogar gemeingefährlich, denn sie würde das
menschenwürdige Zusammenleben der Einzelnen und der Völker bedrohen.
Jede Zeitung, die ich aufschlage, liefert dafür erschreckende Beispiele.
Wenn die Kraft des Religiösen in falsche Bahnen gerät, wenn sie von
Demagogen missbraucht wird, dann zerstört sie die Freiheitsrechte und den
Frieden. - Die Religion, die Sie Ihren Diözesanen anbieten, nein, mit
Drohgebärden verordnen, ist einer solchen Pervertierung erschreckend
nahe.
Sektierer haben ein verzerrtes Bild der
Wirklichkeit. Da ihre Glaubenssätze überall mit den wirklichen
Verhältnissen kollidieren, versuchen sie unablässig, sie zu korrigieren,
- natürlich nicht die Glaubenssätze, sondern die Wirklichkeit. Ihr
Gegenüber ist dann immer Objekt eines fanatischen Missionierens. Wer
nicht zustimmt, wer auch nur Zweifel äußert, ist entweder Dummkopf oder
Bösewicht. Solche Prediger unterdrücken jede abweichende Meinung, halten
in panischer Angst an dürren Gewohnheiten fest. Jeder neue Gedanke gilt
als Verrat oder Sünde. Und immer fühlen sie sich bestätigt, denn ihre
Lieblingsrolle ist die des einsamen und unverstandenen Rufers in der
Wüste. Zuletzt gehören sie zu den Untergangspropheten, deren ganzes
Leben sich in der Hoffnung verzehrt, eines Tages Recht zu haben. Deshalb
arbeiten sie zumeist auch lieber daran, die Katastrophe herbeizuführen,
als sie zu verhindern.
Aus solcher Enge kann das Evangelium
befreien, auch einen Erzbischof, denn "es gibt in unserer
geschaffenen Welt einen Geist, der ein ungeschaffenes Geschenk ist... Zu
ihm als Beistand wendet sich der Mensch, der von Wahrheit und Liebe lebt
und der ohne die Quelle der Wahrheit und der Liebe nicht leben kann."
(Johannes Paul II.)
Ich weiß, dass Ihnen der
Priesternachwuchs ein besonderes Anliegen ist, aber welch ein Priesterbild
stellen Sie uns vor! - Ich hörte Sie einmal bei einer Priesterweihe im
Dom predigen. Sie empfahlen den jungen Burschen allen Ernstes, sich ein
Beispiel an den kleinen weißen Figuren zu nehmen, die sich irgendwo hoch
oben im Steingebirge des Domes verstecken, unsichtbar und unerreichbar
für die Menschen, aber dafür in heiligem Dienst und reinem Dasein vor
Gott. Vielleicht war es als Hinweis auf die mystische Komponente des
Priestertums gemeint, aber kann man junge Priester mit einer so blutarmen
und lebensfremden Botschaft ins Kreuzfeuer der Gesellschaft entlassen?
Müssen sie nicht, indem sie diesem Ideal ähnlich werden, an ihren
eigentlichen Aufgaben scheitern? Ist das von Gott geschenkte bunte Leben
in der von ihm geschaffenen Welt so wenig wert oder gar gefährlich, dass
sie vor Berührungen warnen und unter den Glassturz eines so dürftigen
Priesterbildes stellen muss?
Und es erscheint mir nur noch als Pose,
denn in diesen Wochen erleben wir ja, wie Sie mit Ihren Mitbrüdern
umgehen. In einer Zeit dramatischen Priestermangels, in der zahlreiche
Gemeinden verwaisen und die Seelsorger ständig überlastet sind,
behandeln Sie Geistliche Ihrer Diözese wie dumme Schuljungen und
Fußabtreter. Das sind nicht nur punktuelle Entgleisungen wie im Falle
Pastor Hösens, den Sie am Tage seines 30jährigen Ortsjubiläums in
solche Bedrängnis brachten. Sie beladen alle Priester in Ihrem
Einflussbereich mit einer dumpfen, nicht greifbaren Last, die sie lähmt
und entmutigt. Die Arbeit dieser Männer scheint Ihnen nichts zu bedeuten.
Eine Augenblickslaune genügt, um über sie herzufallen, und viele haben
längst die innere Kündigung vollzogen.
In den Tagen, als Sie Pfarrer Hösen
nachstellten, gingen dessen Aufgaben als Seelsorger weiter. Er musste
Todesnachrichten überbringen, eine Wallfahrt vorbereiten, die
Kommunionkinder auf den Weg bringen, in zahlreichen Gruppen präsent sein,
sich um das Entwicklungsprojekt der Gemeinde kümmern, Messen lesen,
Beerdigungen, Hochzeiten, Taufen leiten, und "nebenbei" gelang
es ihm noch eine junge Frau zu retten, die sich vom Hochhaus in die Tiefe
stürzen wollte.
Wie können Sie einem solchen Priester in
die Hacken treten, als sei er Ihr Lakai! - Was werfen Sie ihm vor? Dass er
nicht ahnen konnte, wie menschenverachtend Sie mit Jacques Gaillot und der
St. Kiliangemeinde umgehen würden? Er konnte es nicht ahnen, weil er bis
dahin von seinem Erzbischof ein schmeichelhaftes Bild hatte. Das war sein
Vergehen.
Der Priestermangel hat sicher mancherlei
Gründe. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass ein junger Mann
unter Ihrem Regime positive Argumente fände, sich für diesen Beruf zu
entscheiden. Da muss man mehr und anderes bieten als eine Dunstglocke von
Misstrauen und geistiger Unterdrückung.
Und auch die Gemeinden Ihrer Diözese mussten nun hinzulernen. Ungezählte
erwachsene Christen, die sich tagtäglich für ihre Kirche und bedürftige
Menschen einsetzen, die Gottesdienste mitgestalten, Bildungsangebote, das
Pfarrleben organisieren und sehr viel Geld auf den Sammelteller legen, sie
alle haben begriffen, dass sie im Grunde stören, dass sie nicht einmal
das Recht haben, einen Gast ihrer Wahl einzuladen, mit ihm zu sprechen und
sein Buch zu lesen.
Sie haben Jacques Gaillot signalisiert, er sei in Ihrer Diözese nicht
erwünscht. Sie irren sich. Er ist willkommener denn je. Es gibt nun aber
auch einige Gemeinden mehr, denen ihr Erzbischof nicht mehr willkommen
ist, weil man ihn als eine Gefahr empfindet, der man möglichst aus dem
Weg geht.
Jesus hat einen menschenfreundlichen Gott
verkündet. Sein "Reich" ist nicht mit List oder Gewalt
durchsetzbar. Von Anfang an steht das Christentum in einem
Spannungsverhältnis zur Macht. Wo es deren Versuchungen erliegt, wo es
Menschen ihrer elementaren Rechte beraubt und sie mit Machtmitteln
ausgrenzen und vernichten will, verliert es die eigene Legitimation. Auch
innerhalb der Kirche hat nur derjenige einen Anspruch auf charismatische
Autorität, der sich als der Diener aller versteht. "Eine Kirche, die
nicht dient, dient zu nichts", sagt Jacques Gaillot. Sie ist nur noch
"System" oder "Apparat". Sie stützt sich auch nicht
mehr auf Seelsorger, sondern auf blinde Erfüllungsgehilfen und
Funktionäre. Sie lässt sich durch nichts mehr stören, am wenigsten vom
Evangelium.
Für Jacques Gaillot steht nicht der
Apparat im Mittelpunkt, sondern der einzelne Mensch, den eine Not, eine
Schuld oder Verwirrung niederdrückt. Ihm wendet er sich zu, gibt ihm ein
gutes Wort und eine helfende Hand. Und wer schon glaubte, keinen Spielraum
mehr zu haben, am Ende zu sein und verzweifeln zu müssen, dem gibt er
neue Atemluft. - Er handelt nicht anders, als es Jesus getan hat. - Er
verkündet keine lebens-feindliche Prinzipienmoral und stiehlt sich nicht
aus der Verantwortung. Er kümmert sich um den "Verletzten am
Straßenrand", anders als der Kirchenmann, der "ihn sah und
vorüberging". (Wie lebt der Papst und wie leben Sie z.B. mit dem
prinzipiellen Kondomverbot angesichts von real 40 Millionen AIDS-Opfern in
der Welt? Und wie ruhig schlafen Sie beide angesichts der realen rund
5.000 Abtreibungsopfer, die jährlich in Deutschland durch die katholische
Konfliktberatung verhindert wurden, bis Sie das aus "prinzipiellen
Erwägungen" gestoppt haben?) Jacques Gaillot starrt nicht auf das
Prinzip. Er sieht den gefährdeten Menschen. Er läuft auch nicht dem
Zeitgeist nach, indem er sich gern mit ein paar markigen Worten in die
Boulevardpresse bringt, dann aber zurückzieht und die Menschen mit ihrer
Not allein lässt. Er ist kein Bischof "mit beschränkter
Haftung". Er lässt die Herde nicht im Stich, wenn der Wolf kommt. Er
hält ihr keine wohlfeile Moralpredigt, sondern gibt ihr Kraft in Zeiten
der Gefahr. Er richtet sie auf und macht sie nicht nieder. Er zeigt ihnen
den Erlöser und drängt sich nicht wütend dazwischen.
Sie, Herr Kardinal, feiern sich gern als
der aufrechte Kirchenmann, der dem SED-Regime die Stirn geboten habe. Auch
das überzeugt mich nicht mehr, denn offenbar waren Sie gelehriger
Schüler jenes Systems. Sie versuchen doch, in unserer Kirche genau das
durchzusetzen, was zu den Merkmalen diktatorischer Systeme gehört: Verbot
des freien Denkens und Schreibens, Verbot der Freizügigkeit und
Versammlungsfreiheit, Unterdrückung aller Meinungen, die von der
ideologischen Linie abweichen, soziale Vernichtung von Menschen, die sich
dem Zugriff nicht entziehen können und Ermunterung zu Spitzeldiensten und
Denunziantentum.
Eines Ihrer Lieblingsbilder ist das von
der Kirche als Auto, dessen Karosserie gegenüber dem Motor zu groß
geworden sei. Sie täuschen sich. Der Motor ist viel größer und stärker
als Sie annehmen. Man muss nur zuweilen das Gaspedal bedienen und darf
nicht immer nur auf der Bremse stehen. Viele Menschen und Kräfte bewegen
den Motor. Man darf sie nur nicht wegbeißen oder ersticken. Und
überhaupt grenzenlos ist der Treibstoff der christlichen Botschaft und
göttlichen Gnade. Man darf diesen nur nicht dauernd mit dem Wasser der
eigenen Enge und Ängstlichkeit verdünnen.
Aus dieser Enge kann nur eines
herausführen: der Dialog. - Schauen Sie einmal aus dem Fenster! Da
draußen leben Menschen, die sich etwas zu sagen haben. Sie diskutieren
über den ethischen Hintergrund aktueller Konflikte. Sie fragen nach
Lebensentwürfen und Gesellschaftskonzepten. Sie versuchen Feindbilder und
Vorurteile abzubauen. Sie alle stehen vor ungeheuren Herausforderungen:
Die technische Machbarkeit des Weltuntergangs, die Verfügbarkeit der
Evolution in Reagenzglas und Petrischale. Die ökologische Vernichtung
elementarer Lebensgrundlagen. Die Globalisierung von Arbeit, Markt und
Kapital. Der grenzüberschreitende Terrorismus und das organisierte
Verbrechen. Die massenhafte Armutswanderung. Die immer noch anarchische
Grundstruktur der Staatenwelt. Die Alterspyramide. Die Flucht in
fundamentalistische Rückwärtsträume. Das alles stellt unerhörte
Aufgaben, die nur im Dialog zu bewältigen sind. Heute glaubt auch niemand
mehr "auf's Wort", dass die Welt besser aussähe, wenn alle
christlich oder islamisch oder buddhistisch oder sozialistisch oder
humanistisch denken und handeln würden. Man will nicht mehr wissen, auf
welche Utopie oder Erlösung man sich freuen soll, sondern fragt ganz
einfach: Wie geht ihr mit den anstehenden Problemen um?
Und die damit unlösbar verbundene Frage
ist: Seid ihr fähig zum Dialog? Seid ihr in der Lage, nicht über,
sondern mit den Menschen zu reden? Wollt ihr wissen, was sie bewegt? Seid
ihr bereit, Fenster zu öffnen, um - auf Gefahr eines Schnupfens - frische
Luft hereinzulassen? Sind die Menschen euer Objekt oder Subjekt? Mögt ihr
sie? Freut ihr euch, dass es sie gibt, oder stören sie eure Kreise und
Systeme? Geht ihr auf sie zu oder auf sie los? Versteht ihr die Kunst, zu
trösten, zu erklären, zu helfen gegen die Mächte, die sie bedrängen?
"Die Mitte unseres Glaubens war und
ist so lange vernebelt und verdunkelt", schreibt Eugen Biser,
"wie in der Christenheit Gewalt geübt oder billigend hingenommen
wird. Gewalt in jeder Form, auch als Unterdrückung des freien Denkens,
richtet sich diametral gegen den Heilswillen Christi. Das Zweite
Vatikanische Konzil wird schon deshalb einen unverrückbaren Platz in der
Geschichte haben, weil es mit der Praxis gewaltsamer Konfliktlösungen
brach und den Dialog zum Prinzip jeder Problembehandlung erhob. Nach
langen Jahrhunderten wurde der Weg zur Mitte wieder frei."
Die Kirche hat eine große Tradition des
Dialogs. Immer aber auch haben sich Kräfte in den Vordergrund gedrängt,
denen das offene und freie Wort zuwider war. Sie versuchten, die Probleme
zu verbieten, anstatt sie zu lösen. Sie hofften, den Dialog der Christen
unter Androhung kanonischer Strafen zum Schweigen zu bringen und machten
sich doch nur zum traurigen Clown, denn der Geist wehte, wann und wo er
wollte.
Von seinem Ursprung her ist das
Christentum keine moralische, sondern eine Heilbringende Botschaft. Ihr
Zentrum ist der von Jesus verkündete und erlittene Gott der bedingungs-
und vorbehaltlosen Liebe. Wir glauben nicht an einen zwischen Güte und
Zorn schwankenden Gott als Projektion der menschlichen Geschichts- und
Selbsterfahrung. Jesus hat die Unnahbarkeit Gottes durchstoßen und uns
seine Botschaft als Gottes Liebeserklärung an die Welt geschenkt,
unverdient und unverlierbar. Aus der Sicht des Menschen ist es die einzige
Möglichkeit, mit Gott zu kommunizieren, denn man kann etwas vollkommen
lieben, ohne es vollkommen zu verstehen. Auch der Mensch neben mir steht
in diesem Liebesverhältnis zu seinem Schöpfer, ob er es schon weiß oder
nicht. Wie könnte er also mein Feind sein? Wie könnte ich ihn quälen
und verletzen?
Das Christentum kann und muss allen
Verkürzungen des Menschen entgegentreten. Wer einen Jacques Gaillot
verfolgt, wer Christen hindern will, mit ihm zusammen zu kommen und
Gedanken auszutauschen, hat der hungrigen Welt nichts zu bieten. Er stellt
sich der befreienden Liebe Gottes in den Weg, statt ihr Antwort und
Nachhall zu geben. Und wenn sich die Kirche in so wesentlichen Punkten
nicht von den Diktaturen dieser Welt unterscheidet, dann muss sie sich
nicht wundern, wenn die Menschen sich von ihr abwenden und die
lebenswichtige Geborgenheit in anderer Umgebung suchen. Wenn die Kirche
aber "Stadt auf dem Berge" sein will oder "Salz der
Erde", wenn sie Menschen zu Liebhabern Gottes machen will, dann muss
sie deren Persönlichkeit fördern, muss ihr Suchen fördern und sie ihre
vielen Gaben reich und weit aussäen lassen. Da mag dann auch Unkraut
darunter sein, aber auch dazu hat uns Jesus ein liebenswürdiges Gleichnis
erzählt. Man lässt es mitwachsen bis zur Ernte. Und wir sind nicht Herr
der Ernte. Wir alle werden uns noch sehr wundern, was Gott unter Unkraut
versteht und was nicht.
In seiner Generalaudienz vom 3. Juni 1992
fand Papst Johannes Paul II. klare Worte: "Wir müssen zugeben, dass
es in den Jahrhunderten nicht an Verletzungen des Liebesgebotes gemangelt
hat, denn die Kirche ist eine Gemeinschaft auch von Sündern. Es gab
Verfehlungen einzelner und von Gruppen, die sich christlich nannten, im
zwischenmenschlichen Bereich, auf sozialer und internationaler Ebene. Das
ist die schmerzliche Wirklichkeit, die man in der Geschichte der Menschen
und der Nationen und auch in der Geschichte der Kirche entdeckt. Im
Bewusstsein der eigenen Berufung zur Liebe nach dem Beispiel Christi
bekennen die Christen in Demut und Reue diese Sünden gegen die Liebe,
ohne jedoch aufzuhören, an die Liebe zu glauben, die nach Paulus
"alles erträgt" und "niemals aufhört". Auch wenn
sich in der Geschichte der Menschheit und der Kirche selbst Sünden gegen
die Liebe anhäufen, die traurig stimmen und betrüben, so muss man
gleichzeitig voll Freude und Dankbarkeit anerkennen, dass es zu keiner
Zeit an Christen fehlt, die wunderbare Zeugnisse zur Bekräftigung der
Liebe geben."
Solche Zeugnisse gibt Jacques Gaillot. Ein Erzbischof, der das nicht zur
Kenntnis nehmen will und den ihm anvertrauten Christen das gleiche
Verhalten abfordert, gehört leider zur "schmerzlichen
Wirklichkeit" unserer Kirche.
Und nun nähert sich der Weltjugendtag.
Eine Million junger Menschen soll aus allen Teilen der Welt
zusammenkommen, um hier in unserer Diözese ihren Glauben zu feiern.
Hoffentlich erfahren sie nicht, dass sie hier ein Erzbischof empfängt, an
dessen Glauben nichts zu feiern ist, weil er ihn zum Werkzeug für
menschenverachtende Aktionen missbraucht. Gott sei Dank sind mit der
Vorbereitung und Begleitung dieses Ereignisses Tausende katholischer
Gemeinden, Jugendgruppen, Priester und Helfer betraut, die es ehrlich
meinen und sich mit Freude und Kraft dafür einsetzen, dass es wirklich
ein unvergessliches Glaubensfest wird. Wenn ich nur Sie als Empfangschef
der jungen Besucher sähe, müsste ich fürchten, dass diese ahnungslos in
eine Falle laufen. Machen Sie den Test: Halten Sie beim großen
Abschlusstreffen eine Begrüßungsansprache, in der Sie den jungen
Christen im Beisein des Heiligen Vaters mitteilen, sie seien hier in der
Kölner Erzdiözese natürlich nur erwünscht, wenn sie sorgfältig die
Berührung mit Menschen wie Jacques Gaillot vermeiden, wenn sie
versprechen, nie eines seiner Bücher zu lesen und sich bei etwaigen
Zweifeln blind dem Kölner Kardinal unterwerfen. - Machen Sie den Versuch!
- Ich denke, soviel Ehrlichkeit sind Sie Ihren jungen Gästen schuldig.
Und die ganze Welt würde Ihnen zuhören. Stellen Sie sich vor, wie
gründlich Bischof Gaillot dann endlich vernichtet wäre! - Aber ich bin
sicher, dass die Jugendlichen einer nach dem andern aufstehen und traurig
davon gehen würden, denn dies ist nicht der Glaube, den man feiern kann.
Und auch der Heilige Vater würde (hoffentlich) erschrecken, dass hier
jemand meint, sich mit dieser Haltung auf ihn berufen zu können.
Vielleicht habe ich nun meinerseits
lieblos gesprochen. Wenn ich mich persönlich zu verteidigen hätte,
könnte ich milder formulieren. Hier aber geht es um Menschen, deren
Würde und Freiheit angegriffen wurde, und es geht um die katholische
Kirche, in der ich aufgewachsen bin, in der ich mitarbeite, in der ich das
Lob Gottes und seiner Schöpfung singe und die ich gern anderen Menschen
als ein wunderbares Geschenk dieses Gottes präsentieren möchte, um auch
sie die Freiheit und Fülle ihres Daseins entdecken zu lassen. Diese
Kirche lasse ich nicht widerstandslos beschädigen, auch nicht von einem
Erzbischof.
Mit freundlichem Gruß
Dr. Ulrich Harbecke
Dr. Ulrich Harbecke ist Mitglied der
St. Kilian-Gemeinde in Erftstadt, die das erste Opfer der Kampagne
Kardinal Meisners gegen Bischof Jacques Gaillot wurde. Er ist Journalist,
Schriftsteller und Komponist, war von 1970 bis 2004 Redakteur im WDR
Fernsehen, zuletzt als Programmgruppenleiter "Religion und
Bildung". Hier betreute er die Sendereihe "Gott und die
Welt", Gottesdienstübertragungen im Fernsehen und hatte u.a. die
Gesamtleitung des Projekts "2000 Jahre Christentum". - Er ist
Verfasser zahlreicher Sachbücher und Romane, z.B. "Abenteuer
Deutschland" (Lübbe), "50 Jahre UNO" (Lübbe),
"Mantel, Schwert und Feder" (Grupello), "Der gottlose
Pfarrer" (Herder), dessen Nachfolgeband "Der gläubige
Kardinal" gerade erschienen ist. (Grupello Verlag, Düsseldorf).
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