Leserbrief zu 'Gottesforscher in der Krise' 
(SZ vom 27.12.2004)

Matthias Drobinski trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er schreibt: „Der beste Theologe ist jener, der mit den schönsten Worten zum vorgegebenen Ergebnis kommt.“ Einer dieser „besten“ Theologen ist kein anderer als Kardinal Josef Ratzinger.

In seinem Vortrag über die tiefenpsychologische Auslegung des apostolischen Glaubensbekenntnisses hatte Ratzinger den Glaubens aus der reinen Übernatur und Transzendenz in den Bereich der menschlichen Seele
geholt, und Gott, Himmel und Hölle, Tod und Auferstehung zu den Bestandteilen der inneren Wirklichkeit eines jeden Menschen gemacht. So war Ratzinger damals eigene Wege gegangen, und hatte seine Theologie nicht einem „vorgegebenen Ergebnis“ untergeordnet. Ich dachte, eine neue Zeit wäre in der katholischen Kirche angebrochen, aber weit gefehlt.

Der Theologe Ratzinger tat auf einmal so, als hätte er niemals auch nur ein einziges Wort darüber verloren. Mit dieser totalen Kehrtwendung hatte sich Ratzinger offenbar die Ernennung zum neuen Erzbischof von München und Freising erschlichen, und bald darauf - mit einer Sonderkollekte für den Papst! - auch noch den Zugang in den Vatikan.

In diese Zeit fiel der Jahresbericht der Theologischen Fortbildung Freising, der vom damaligen Leiter Dr. Walter Friedberger über den Zustand der Geistlichen erstellt wurde. In diesem ausführlichen Dokument von 65 Seiten heißt es: „Fast alle drückt der Schuh". „Fast alle haben sich wund gerieben an der Kirche". „So richtig gebeutelt hat die Priester die Drewermann-Diskussion". Er berichtet weiter über „die Erkrankung eines ganzen Berufstandes und einer ganzen Leitungsschicht der Kirche durch Übermüdung, Resignation, Defätismus und Zukunftsarmut." Walter Friedberger stellt fest: „Das Amt deprimiert die Ausübenden, weil sie nicht genügend sicher sind, wie weit die Sache (mit Jesus, der Bibel und dem Priestertum) stimmt, die sie vertreten. Sie müssen ständig von Absolutheiten sprechen, deren wissenschaftliche Garantierung nicht mehr funktioniert. Die Priester erleben sich als fragwürdige Agenten einer früheren Kultur in einer modernen Welt“. usw. usw.

Bald darauf musste Walter Friedberger die Leitung der Freisinger Priesterfortbildung abgeben, und ich wurde vom Ratzinger-Nachfolger, Kardinal Friedrich Wetter, suspendiert, weil ich „wiederholt gegen wichtige Aussagen zu Glaube und Lehre der katholischen Kirche öffentlich Stellung genommen“ hatte (Ordinariats-Korrespondenz vom 11. August 2004, Pressestelle des Erzbischöflichen Ordinariates in München). Die Krise der so genannten Gottesforscher ist längst eine ernste Krise für die ganze Kirche geworden.

Willibald Glas
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