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Ratzingers
Verrat am Fortschritt des Glaubens
Es gibt kaum einen anderen Menschen, der
unter diesem heimtückischen und charakterlosen Verrat Ratzingers mehr
gelitten hätte als ich. Im Priesterseminar auf dem Domberg zu Freising
waren wir Freunde. Später war ich stolz auf ihn, weil er als
erfolgreicher Theologe weltweit hohes Ansehen genoss. Mich führte damals
der Weg zu den Schwarzen in das Buschfeld Afrikas, wo ich die Vorträge
Ratzingers mit großem Interesse verfolgte.
Sein Vortrag über die
tiefenpsychologische Auslegung des apostolischen Glaubensbekenntnisses war
für mich von höchster Bedeutung. Ratzinger hatte die Geheimnisse des
Glaubens aus der reinen Übernatur und Transzendenz in den Bereich der
menschlichen Seele geholt. Gott, Himmel und Hölle, Tod und Auferstehung
machte er zu Bestandteilen der inneren Wirklichkeit eines jeden Menschen.
Von diesem neuen und völlig undogmatischen Denken war ich total
fasziniert.
Bald kreisten meine Gedanken um die
praktischen Konsequenzen für die Dogmen der katholischen Kirche. Diese
starren und für ewige Zeiten festgelegten Sätze konnten plötzlich jede
nur erdenkliche Form annehmen, ganz nach den augenblicklichen
Bedürfnissen eines jeden Menschen. Ratzinger erklärte die Religion zum
Teig, der in den Händen der Theologen immer neu geknetet, geformt und
auch gebacken werden durfte. Das war mir neu.
Dann kam die Ernüchterung. Der berühmte
Dogmatiker Ratzinger hatte mich mit seiner tiefenpsychologischen Auslegung
des apostolischen Glaubensbekenntnisses in eine schwere Lebenskrise
gestürzt. Er hatte mein Selbstverständnis als Missionar der einen
heiligen katholischen und apostolischen Kirche zerstört. Das ist keine
Anklage, sondern eine Feststellung.
Ich fühlte mich nicht mehr wohl als
Missionar. Die katholische Glaubenslehre mit ihren ewigen Wahrheiten war
mir zur unerträglichen Last geworden. Jede Begeisterung für die
Missionsarbeit war dahin. Wozu noch Mission? fragte ich mich. Himmel und
Hölle, Ahnenglaube und Zauberdoktor, wo ist da der Unterschied? Ich sah
keinen mehr, und kehrte in meine bayerische Heimat zurück.
Dann erlebte ich die nächste
Überraschung. Der Theologe Ratzinger tat auf einmal so, als hätte er
niemals auch nur ein einziges Wort über seine tiefenpsychologische
Auslegung des Credos verloren. Meine Hochachtung für Ratzinger war damit
für immer dahin. Für mich stand fest, dass er sich mit dieser totalen
inneren Kehrtwendung, also mit seiner Rückkehr zum Fundamentalismus und
zu den alten Dogmen, die Ernennung zum neuen Erzbischof von München und
Freising erkauft und erschlichen hatte. Ratzinger ging aber noch einen
Schritt weiter: Mit einer Sonderkollekte in allen Pfarreien zum Fest der
Apostelfürsten Peter und Paul am 29. Juni 1980 machte er sich auch den
Papst zu seinem persönlichen Freund.
Ich musste Ratzinger Widerstand leisten
und bat meine Pfarrangehörigen, sich allen Ernstes zu fragen „ob sie
einen Papst finanziell unterstützen wollen, der mit allen Mitteln auf
seine Unfehlbarkeit pocht, statt gläubig zu vertrauen, dass sich die
Wahrheit letzten Endes ganz von selber durchsetzen wird, der sich mit
Heiliger Vater anreden lässt, aber seinen eigenen Söhnen im Priesteramt
die Rückversetzung in den Laienstand hartherzig verweigert, der als
Stellvertreter des ewigen guten Hirten zahllose Pfarreien auf der ganzen
Welt ohne Priester sein lässt, nur um das eh und je umstrittene Gesetz
der priesterlichen Ehelosigkeit aufrecht zu halten, der die Liebe Christi
zum Leuchten bringen will, aber den geschiedenen wiederverheirateten
Ehepaaren, die aus ihren Fehlern gelernt haben und längst ein
vorbildliches Leben führen, weiterhin von den Sakramenten ausschließt.“
Am nächsten Tag wurde ich von meinem
ehemaligen Freund Ratzinger wegen „Beleidigung des Papstes“ und wegen
„Verletzung der Gehorsamspflicht“ vom Dienst suspendiert, aber kurz
vor seiner Ernennung zum Präfekt der Römischen Glaubenskongregation
wieder als Pfarrer von Arget bestätigt. Damals kursierten schlimme Witze
über Ratzinger, die ihn aber vortrefflich charakterisieren: „Wer bist
denn du?“ fragte Ratzinger im finsteren Bauch des Papstes. „Ich bin
der Küng“, hatte er geantwortet, „mich hat der Papst gefressen“. Da
triumphierte Ratzinger: „So etwas kann mir nicht passieren. Ich bin
nämlich gleich von hinten hereingekommen.“
Damals machte ich noch eine weitere sehr
traurige Erfahrung, die schließlich von Dr. Walter Friedberger im
Jahresbericht 1990/1991 der Theologischen Fortbildung Freising
dokumentiert wurde. Dieses Dokument befasste sich mit dem Zustand der
ganzen Priesterschaft. Darin heißt es: „Fast alle (Priester) drückt
der Schuh. Fast alle haben sich wund gerieben an der Kirche. So richtig
gebeutelt hat die Priester die Drewermann–Diskussion". Der Hilferuf
bezieht sich auf „die Erkrankung eines ganzen Berufstandes und einer
ganzen Leitungsschicht der Kirche durch Übermüdung, Resignation,
Defätismus und Zukunftsarmut. Das Amt deprimiert die Ausübenden, weil
sie nicht genügend sicher sind, wie weit die Sache stimmt, die sie
vertreten. Sie müssen ständig von Absolutheiten sprechen, deren
wissenschaftliche Garantierung nicht mehr funktioniert. Die Priester
erleben sich als fragwürdige Agenten einer früheren Kultur in einer
modernen Welt. Wenn sie etwas ausstrahlen, dann ist es das Kreuz mit Gott
und der Kirche. Ein Teil lebt den Zölibat, ein Teil lebt daran vorbei,
manche haben Leichen im Keller. Ein Teil trinkt zuviel und verliert den
Führerschein. Viele scheren sich nicht um großkirchliche
Ärgerlichkeiten. Ein Teil ruht sich auf der Erst-Dogmatik aus, einige
sind fundamentalistisch, engstirnig, aggressiv, die einen schätzen die
kirchliche Autorität, die andern pfeifen darauf, einige denken an das
Aufgeben und das Aussteigen...."
Vom Ratzinger-Nachfolger Kardinal
Friedrich Wetter wurde ich dann aus fadenscheinigen Gründen ein zweites
Mal vom Dienst suspendiert und sogar mit der von selbst eintretenden
Strafe der Exkommunikation belegt. Von da an versuchte ich, Kardinal
Wetter wegen Verletzung der Menschenrechte vor ein weltliches Gericht zu
bringen. Nach vielen erfolglosen Bemühungen war es dann so weit. Die
Verwaltungsstreitsache Willibald Glas gegen Kardinal Friedrich Wetter
wegen Verletzung der Menschenrechte, fand statt am 24. Juni 2004 vor dem
Bayerisches Verwaltungsgericht München (Aktenzeichen M 17 K 03. 1392).
Heute ist bereits der 10. August 2004,
und die Entscheidung des Gerichts ist immer noch nicht eingetroffen. Der
Vorsitzende Richter, Herr von Fumetti, steht vor einer schier unlösbaren
Aufgabe. Da sind die unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenechte
im Artikel 1 unserer Verfassung, und daneben einige Artikel der Weimarer
Reichsverfassung aus dem Jahr 1919, die nach wie vor gültig sind, und die
besagen: „Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre
Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle
geltenden Gesetzes.“ Ich durfte darauf hinweisen, dass das Gesetz von
der „Religionsgesellschaft“ handelt, und dass die Person des Kardinals
nicht mit dem Begriff „Religionsgesellschaft“ identisch ist, und dass
sich Kardinal Wetter deshalb nicht auf die oben genannten Artikel berufen
kann.
Ganz gleich wie das Gericht auch
entscheiden wird, wichtig ist, dass ein Kardinal endlich vor einem
weltlichen Gericht angeklagt werden konnte. Bis jetzt wurde nämlich jede
Klage gegen einen Bischof grundsätzlich als "innerkirchliche
Angelegenheit" abgewiesen.
Willibald Glas
Ringbergstr.71
82054 Sauerlach
Fax:08104-61159
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