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Wenn der Boden unter den Füßen schwankt,
bleibt niemand im Hause
 

Eine grundsätzliche Kritik an Benedikts XVI. berühmter Regensburger Rede
von Alfred Gassner, Regensburg
im November 2010  

I. Katholischer Glaube und sein umstrittenes Verhältnis zur Vernunft

Wer sich über längere Zeit immer wieder mit existentiellen religiösen Fragen beschäftigt, wird wissen wollen, wie das mit dem Glauben alles zusammenhängt. Warum will ich überhaupt an etwas glauben, wie entsteht und manifestiert Glaube sich im einzelnen Menschen? Gibt es ein religiöses Selbstbestimmungsrecht und, wenn ja, welchen Stellenwert hätte dieses im Konflikt mit der Kirche? Insgesamt sehen wir, dass das, was wir „Glauben“ oder „Wahrheitssuche“ in der „Kirche“ nennen, sich auf einem virtuellen Dreieck abspielt, in dem sich der einzelne Mensch mit der Gemeinschaft (dem Gottesvolk als überindividuelles Kollektiv) verbündet und die Amtskirche als deren institutioneller Herrschaftsträger dazu bestimmt ist, dem Einzelnen und dem Gottesvolk unter göttlicher Führung eine innere Ordnung zu verschaffen, die auf dem Evangelium Christi gründet.

Glaube ist kein Gut, das sich automatisch einstellt, er besitzt keine bestimmte Form oder folgt nicht schematisch einem bestimmten Muster, man muss ihn „lernen“. Man lernt in der Regel nicht autodidaktisch, sondern in einem System von Schule und Erfahrung und dabei kommt es oft zu Konditionierungen, indem sich die Lernenden der Autorität der Lehrenden widersetzen, wenn diese ein Ordnungsbild durchsetzen wollen, dem sich alle unterzuordnen haben. Das gilt insbesondere auch für das Glaubenlernen.

Glauben lernen kann man als Einzelner oder als Kollektiv nur von seinem jeweiligen kulturellen, gesellschaftlichen, politischen Standpunkt aus. Immer ist die ganze Person mit ihrem Verstand und ihren Gefühlen beteiligt, weil es ohne Verstand und Herz keinen methodisch vorgezeichneten Weg gibt, auf dem sich Glaube erlernen ließe. Glaube als intellektuelle und sinnliche Erfahrung bedarf daher der gedanklichen und emotionalen Verknüpfung mit der realen Umwelt mit den Mitteln der „Vernunft“. Immer schon im Laufe der Geschichte war das Verhältnis von Glaube und Vernunft umstritten, doch bestand (zumindest seit der Aufklärung) grundsätzliche Einigkeit darüber, dass Vernunft und Glauben keine wirklichen Gegensätze sind und dass theologische Aussagen vor den Gesetzen menschlicher Vernunft Bestand haben müssen. Je durchdachter und emotional gefestigter die Glaubensüberzeugung eines Menschen war, desto größere Chancen bestanden für ihn, seine Überzeugung im Kollektiv durchzusetzen.

Doch haben sich im Laufe der Geschichte zwei sich gegenseitig ausschließende Vernunftbegriffe etabliert, welche die Wahrheitssuche erschweren. Die scholastische Theologie und Philosophie im Mittelalter unter Führung von Thomas von Aquin (1225-1274), behauptete, dass nur das „vernünftig“ sein könne, was von der amtskirchlichen Autorität und dem Wortverständnis der Schrift gebilligt wurde; nur die Amtskirche als Stellvertreterin Gottes auf Erden sei in der Lage, sich Gott als Schöpfer und Weltenordner vorzustellen, alle anderen logischen Modelle müssten dahinter zurücktreten. Mit diesem autoritär besetzten Vernunftbegriff sicherte man der Amtskirche ein Monopol in Theologie und Weltanschauung und zwar unabhängig von der gesellschaftlichen Akzeptanz, allerdings auch auf die Gefahr einer bestimmten Weltfremde hin , weil der Einzelne und das Kollektiv nicht mehr über das vorformulierte Ergebnis nachdenken durften, sondern es einfach ohne innere Überzeugung übernehmen mussten.

Seit der geistesgeschichtlichen Aufklärung, beginnend im 17. Jahrhundert, wurden die Spielregeln für die Wahrheitssuche und Erklärung des neuen Weltbildes immer mehr durch ein neues Selbstbewusstsein und von der wissenschaftlichen Erforschung der Naturgesetzte abgeleitet. Die einzelnen Menschen begannen selbst über Gott und ihr Weltbild nachzudenken und kamen im Kollektiv immer mehr zu Überzeugungen, die sich mit der Lehre der Kirche nicht vereinbaren ließen. Die neue Vernünftigkeit zog keinesfalls Gott schlagartig in Zweifel, vielmehr leitete man aus der Präzision der Naturgesetze und ihrer Harmonie mit dem Menschen die Notwendigkeit eines Schöpfers ab, ohne dass das Lehramt der Kirche bereit war, dieser Naturtheologie zu folgen. Die sich in dem latenten Widerspruch der verschiedenen Vernunftmodelle abspielende Säkularisation (Entfremdung der Gesellschaft von der Kirche) hat jedoch keineswegs dazu geführt, dass das theologische und philosophische christlich-abendländische Erbe untergegangen wäre. Es wurde allerdings immer mehr der Herrschaftscharakter der Amtskirche in Frage gestellt und damit das thomistische Vernunftmodell weitgehend abgeschafft. Und so hat sich nach dem Konzil ein Glaubensbewusstsein etabliert, das sich an einem modernen Weltbild und dessen wissenschaftlichen „Curriculum“ orientiert. Dieses Leitbild hat sich gefestigt und es ist eigentlich nirgends zu sehen, dass dieses Paradigma in absehbarer Zeit von einem anderen abgelöst werden könnte.

Nun aber hat Papst Benedikt XVI. in seiner berühmten Regensburger Rede vom 12.9.2006 das säkulare Vernunftmodell seinerseits in Frage gestellt und eine Rückkehr zu den scholastischen Kirchenvätern gefordert. Er berief sich dabei auf den spätscholastischen Begriff des Thomas von Aquin und auf die Ergebnisse des Konzils von Trient (beendet 1563), nach denen die Offenbarung in den Schriften übernatürlicher Natur sei und folgerte daraus, dass Gott und die Welt nur unter der paternalistischen, unbedingten Gehorsam fordernden Autorität der Amtskirche erkannt werden können; die Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese wurden dabei total ausgeblendet. Benedikt XVI. beansprucht seitdem für die Kirche wieder das Monopol, allein über die Wahrheit und Weltanschauung zu bestimmen und dabei moderne Entwicklungen zu ignorieren, wo sie im Widerspruch zur Lehre der Amtskirche stehen. Man darf sich nach Ansicht des Papstes seither Gott wieder nur noch so vorstellen, wie dies die Kirche nach Maßgabe der mittelalterlichen Scholastik und Texttradition lehrt, auch wenn wissenschaftliche Forschungen (z. B. die Evolutionslehre) diese Lehre längst widerlegt haben. Der Nachteil dieser antirealistischen und bevormundenden Kampfansage Benedikts ist, dass die Bereitschaft der Kirche zur Wahrnehmung der externen Realität gedämpft wird und dass die Welt an einem unerreichbar vorbeizieht, ohne dass man es bemerkt.

Das Problem der inneren Zerstrittenheit in der katholischen Kirche und deren Zerwürfnis mit der säkularisierten Gesellschaft ist also nicht nur ein theologisches, sondern vielmehr ein soziologisches, weil sich die Menschen immer mehr durch die Institutionskirche daran gehindert sehen, ihre individuellen Glaubensvorstellungen in der Kirche zu verwirklichen und der Kirche eine Ordnung geben, welche den gesellschaftlichen Freiheitsrechten in der Kirche adäquat entsprechen. Die Institutionskirche besteht unter Berufung auf Schrift und Tradition auf ihrem hergekommenen innerkirchlichen und gesellschaftlichen Ordnungsbild, viele Christen und die Gesellschaft berufen sich in ihrem Glaubens- und Kirchenverständnis darauf, dass auch der Glaube in seinem Wesen durch das Prinzip nur einer fließenden Ordnung in der Kirche und Gesellschaft seine Verwirklichung finden kann und muss. Die Frage ist also: Schließen sich die konträren Standardpositionen gegenseitig aus oder lässt sich die höherwertige göttliche Ordnung auch in einer Kirche und Gesellschaft verwirklichen, welche einem fließenden Prinzip folgen, in der sich die unterschiedlichen Identitäten verwirklichen können? Wenn nachgewiesen werden kann, dass sich christlicher Glaube unverfälscht auch in flexiblen innerkirchlichen Strukturen und bei fließenden gesellschaftlichen Entwicklungen verwirklichen kann (ja muss), stünden Benedikts Thesen auf tönernen Füßen. Ein solcher Nachweis bedarf aber der Beantwortung der Frage, wem christlicher Glaube mehr verpflichtet ist, der recht verstandenen Lehre Jesu Christi oder einer falsch verstandenen Tradition der Kirche.  

II. Vom Wesen der individuellen Gott-Mensch-Beziehung bei der Glaubenssuche

Glauben nach der Lehre Jesu Christi lernt man, um seine existentiellen Grundlagen zu klären. Niemand kennt das Wesen seines eigenen Daseins, seinen Urheber oder Walter über sein Geschick. Keiner weiß, wer er selbst ist, woher er kommt und wohin er geht. Doch gibt es einen Urinstinkt in jedem, sich und seine Einzigartigkeit als Geschöpf bestätigt zu erhalten. Unbewusst stellt er sich die Frage nach der Ursache, dem Sinn und den Zusammenhängen des für ihn undurchschaubaren Lebens. Er kann seine Erwartung an das Dasein nicht definieren und nicht beweissicher sagen, ob Gott überhaupt existiert und wie er (Gott), wenn es ihn geben sollte, sich zu ihm verhält. Der Einzelne kann nur aus seinen gesamten Lebensumständen schließen, dass es „Ihn“ geben muss. Aus dieser Inspiration erwächst eine geheimnisvolle Sehnsucht, ihn zu berühren und sich von ihm berühren zu lassen, ihm Fragen zu stellen und auf die Antworten zu warten. Intuitiv spürt er, dass sich Gott  in ihm so verwirklichen möchte, dass er selbst mit seiner ganzen und einzigartigen Person authentisch für ihn und seine Offenbarung einstehen möchte, ohne nur das nachzuerzählen, was andere ihm gesagt haben. Gleichzeitig ahnt er, dass das Wunderbare in dieser Beziehung zu Gott nur dann zu haben ist, wenn er sich auf ihn einlässt, mit ihm spricht und sich an ihn bindet, dass er manch bürgerliche Routine ablegen muss. Daraus entsteht allmählich ein Bewusstsein, das man in seiner Gesamtheit als „Glaube“ bezeichnen darf.

Am Anfang des Glaubens kann nicht der Glaube stehen, Glauben muss man lernen. Glauben lernt man, indem man im Gedankenaustausch mit Gott die Vorbedingungen seiner menschlichen Existenz klärt. Was dabei informell in jedem abläuft, könnte man als Gebet in freier Form und ohne liturgische Bindung bezeichnen, das von seinem Wesen her mehr als jedes liturgisch gebundene Reden mit Gott die Gott-Mensch-Beziehung stärkt. Dabei lässt sich Gott in Frage stellen, herausfordern und in Zweifel ziehen und es geht fundamental um eine krisenfeste und konstante Handlungsorientierung. In diesem Kontext stellt der Einzelne existenzielle Fragen an Gott: „Wer bist Du?“; „Wie geht es mit mir jetzt und nach dem Tode weiter?“ Gleichzeitig betet er: „Hilf meinem bangen Herzen, mit seinen immer wieder ausufernden Verhältnissen zurechtzukommen!“ Gott antwortet unhörbar, aber in inspirierenden Gedanken oder realen Ereignissen, vielleicht in Büchern, Gemälden, Skulpturen und Musik/Natur, nicht sofort und oft sehr spät, nur fühlbar in mystischen Formulierungen: „Ich bin der Ich-bin-da“ (Ex 4, 14 ff); ich, der in „Allem-was-ist“ notwendigerweise enthalten ist, begleite dich bedingungslos immer, du stehst unter meinem besonderen Schutz; meine Zusage gilt unabhängig von Versagen und Schuld.

Man darf aus dieser Zusage wohl ableiten, dass Gott will, dass wir seine Botschaft nicht nur notieren, sondern seine Heilsbotschaft als Aufforderung verstehen, die es gilt im Alltag praktisch umsetzen (Eph 4, 23), ohne dies zur Bedingung für seinen Schutz zu machen. Glauben zu lernen bedeutet in dieser Konsequenz eine unentrinnbare Herausforderung, Gottes Zuspruch und Anspruch Folge zu leisten.

Der individuelle Glaube und seine Bezüge zu gesellschaftlichen Verhältnissen. Da neben der Aufgabe des Glauben-Lernens auch jeweils das bürgerliche Dasein zu bewältigen ist und beides nicht getrennt werden kann, berührt die Wahrheitssuche des Einzelnen auch seine gesellschaftlichen, kulturellen, politischen und sozialen Verhältnisse. Bildung und Herkunft des jeweiligen Menschen wirken auf den Glauben ein. Christen leben weltweit meist in Armut, viele im Überfluss, Klima und Umwelt prägen das Dasein. Jeder ist mit Fragen der Moral, Ästhetik und Kunst, Politik vernetzt, er muss Sprach-; Kommunikations- und Kulturfähigkeit entwickeln, die Gegenwart, die Vergangenheit und Zukunft bedenken, sich auf Veränderungen einstellen und sich insgesamt zu einem sozialen Wesen entwickeln, in dem die Einmaligkeit seiner eigenen  individuellen Orientierung sich mit der Pluralität der Gesellschaft kompatibel machen lässt. Glauben-Lernen ist eine geschlechtsabhängige Selbstverwirklichungsform: Frauen und Männer glauben anders als Kinder, Jugendliche und Greise, Gesunde, Kranke und Sterbende, Enttäuschte und Hoffende genauso wie Menschen aller Erdteile, jeder glaubt auf seine subjektiv-persönliche und situative Art und Weise. Diese Bezüge des Glaubens bleiben nicht auf den Einzelnen beschränkt, er inspiriert oder provoziert andere Menschen, die sich auf diese Art und Weise nie ganz aus der Situation des Glauben-Lernens ausklinken können.

Glauben kann man nicht lehren, man muss es lernen, weil man nur bezeugen kann, wovon man selbst überzeugt ist. Wer als moderner Christ versucht, in der Kirche Glauben in einer individuellen Gott-Mensch-Beziehung zu lernen, hat ein Problem mit der Lehre der katholischen Kirche, die indoktrinierend behauptet, (nur) sie habe Gott mittels ihrer dogmatischen Definitionen „erkannt“ und der Einzelne wäre nur dann rechtgläubig, wenn er dieser überirdisch inspirierten Lehre folge. Das von der Amtskirche gepriesene scholastische, an die Autorität der Amtskirche gebundene Vernunftmonopol verlangt von allen „Gläubigen“ strikten Glaubens-Moralgehorsam, lässt keine Ausnahme oder Emanzipation zu und ist keineswegs nur eine theologisch-philosophische Spielerei, wie sich am Beispiel ihrer Lehre zur Sexualität, zum Partnerschafts- und Familienverständnis, zur Stellung der Frau in der Kirche oder zum Zölibat zeigen lässt. Die bevormundende Lehre der Kirche wird so zum zwingenden Gesetz. Entscheidet sich der Einzelne für die Lehre der Kirche, wird er zum geschäftsunfähigen Mitläufer, entscheidet er sich gegen sie, zum angstbesetzten Dissidenten. Im Ergebnis führt die Entwicklung dazu, dass wegen der Ablehnung des aufgeklärten Vernunftbegriffes durch die Institutionskirche die Menschen ihre eigenen Wege gehen und dann wiederum aber von der Kirche deswegen beschimpft werden; Glauben-Lernen wird so zum sinnwidrigen Karussell, das mehr Fliehkräfte als Anknüpfungspunkte erzeugt.

Die Ungewissheit als Glaubensbestandteil. Die Wahrheitssuche folgt nicht dem (wissenschaftlichen) Rationalitätsprinzip, kommt aber auch nicht ohne aktuellen Realitätsbezug aus. Als Glaubende bewegen wir uns immer in einer irrationalen Erklärungswelt ohne letzte Gewissheit, dass das, was wir glauben, bleibenden Wert hat. Es gibt kein Ende dieser spannenden Bemühungen. Immer wieder bedeutet es, den Konsens mit sich selbst und anderen aufzukündigen, sich gegen Traditionen oder neue Entwicklungen zu stellen, für seine ungefestigte Überzeugung einzustehen und gleichzeitig ehrlich darzulegen, dass man ein suchender Skeptizist bleibt. Die Ungewissheit im Glauben ist seine einzige Gewissheit. Gerade durch sie erhält der Glaube aber den Wert einer unauslotbaren und höchstpersönlichen Qualität und eine Regelhaftigkeit, die, weil unmittelbar von Gott abgeleitet, Anspruch auf Schutz und Respekt gegen jedermann hat.

Auch die Lehre der Kirche oder die Schrifttexte können der manifesten Ungewissheit keinen absoluten Halt geben. Wie die historisch-kritische Exegese nachdrücklich bewiesen hat, sind viele Schriftteile menschliche Ergänzungen zur Rede und Verkündung Jesu und keineswegs übernatürlichen Ursprungs. Dennoch gilt, dass ohne eine Bezugnahme auf das Zeugnis Jesu Christi in der Bibel sich authentischer christlicher Glaube nicht ereignen kann. Sie zeichnet in Geist und Sinn, wenn auch oft mit mythischen Verbrämungen, eine großartige Lehre nach, die auch im modernen Geschichts- und Weltbild unauslöschlich ihren Platz hat. Aber: Zumindest seit Luther und Melanchthon wissen wir um die Bedeutung der Schrift und ihrer Deutung durch den Einzelnen. Ihnen genügte es nicht, dass in deutscher Sprache gepredigt und Gottesdienste gefeiert wurden; sie bestanden darauf, dass jeder einzelne Christ die Bibel lesen konnte, um so bewerten zu können, welche Gott an das menschliche Dasein stellte.

Wenn derartig viele historische, kulturelle, gesellschaftliche und individuelle Randkategorien auf die Wahrheitssuche einwirken, muss der Prozess der Wahrheitssuche grundsätzlich unvollendbar bleiben. Es gehört zum Wesen des christlichen Glaubens, dass ihm Festigkeit und Beständigkeit fehlen. Immer wieder werden wir orientierungslos und lassen uns von den gleichen Dieben (Unbeständigkeit, Angst oder Bequemlichkeit, Schicksalsschlägen, Kirchenveto) bestehlen und stehen dann scheinbar mit leeren Händen da. Im Glauben sind Potentiale des Scheiterns, aber auch der unauslöschliche Drang nach Fortschreiten zum sicheren Wissen enthalten. Die Kirche bleibt hartnäckig und gibt keinesfalls eine Dispens, wenn man sich abseits von ihr gläubig positionieren möchte. Also hilft in solchen Notlagen nur ein Blick auf die von Gott immer offen gehaltenen Glaubensfenster. Bei ihm gibt es kein Freund-Feind-Schema oder einen Raster, durch den man fällt, wenn man sich im Glauben verändert. Auch wer irrt, glaubt an Gott, alle Menschen sind von ihm gleich geliebt, gleichgültig ob und wie sie ihren Glauben ausformen. Das christliche Kreuz ist Symbol und Garantie dafür, dass die Ungewissheit als tragisches Bewusstsein überwunden werden kann. Wenn wir uns immer wieder im Modus der Flucht von Gott abwenden, so ist das in den Augen Gottes keineswegs eine „gnostische“ Abkehr oder eine sündhafte Weltverfallenheit, denn seine Treue ergibt sich zwingend aus seiner umfassenden Erlösungszusage.

Glaube und Bewusstsein. Irgendwann im Laufe des lange andauernden Prozesses der Wahrheitssuche verdichtet sich das Bestreben zu einer systemischen Dichte, die eine wesentliche Konstante des eigenen Ich wird und damit unverzichtbar für das weitere Leben. Man wird sich der besonderen Qualität einer subjektiven Bereicherung und der Vielfalt, aber auch der Unruhe gewahr, die sich im täglichen Leben mit dem Glaubenlernen verbindet. Das Illusionäre tritt zugunsten einer wachsenden Klarheit und Überzeugung zurück. Die individuelle Sinnesaffektion führt zu einer höchstpersönlichen Deutung und Überzeugung, die zum selbstverpflichtenden Orientierungsmaßstab für das tägliche Leben werden. Man bemerkt, dass Gott begleitend „da ist“ und dass das Dasein ohne ihn keinen Sinn macht, dass man mit ihm in Gemeinschaft steht. Es wächst die Überzeugung, dass man ohne die Chancen und Risiken des freiheitlichen Glaubens als authentische Person keine Verantwortung in Staat, Gesellschaft und Kirche übernehmen kann. Gleichzeitig aber wird klar, dass man mit dem Glauben-Lernen nie am Ende ist und auch nie sein wird, weil er sich als gedanklicher und Gefühlsbestandteil wie eine „E-motion“ verändert und wandelt. Es geht nicht um das Erreichen eines konkreten Zieles auf dem Weg zu Gott, sondern nur darum, sich mit Gottes persönlicher Hilfe zu „entwickeln“, also um Veränderungen, die sich fortlaufend in sinnvollen Sequenzen zu reifen metaphysischen Erkenntnissen hin vollziehen. Je länger ein solches Glaubensbewusstsein in einem wächst, umso mehr wird sein Erleben zum unveräußerlichen Bestandteil im Leben. Ein so entwickelter christlicher Glaube mag zwar außerhalb innerkirchlicher Ordnung stehen, er steht aber keineswegs außerhalb der Gesellschaft, denn diese ist es gerade, die allen Menschen Glaubens- und Religionsfreiheit verfassungsrechtlich schützt.

 III. Das gemeinsame Selbstbewusstsein des Gottesvolkes als überindividueller Glaubenskern

Vom individuellen Glauben zur Volksfrömmigkeit. Die Wahrheitssuche beschränkt sich nach der Lehre Jesu Christi nicht auf die Person des Einzelnen, sie ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Der Glaube des Einzelnen muss sich nicht nur in der persönlichen Beziehung zu Gott, sondern auch im Kollektiv bewähren, ohne dass sein Handeln in der Gemeinschaft ausschließlich von dort bestimmt würde. Daher sieht sich der Einzelne auch nach anderen Menschen um, hört was sie von Gott sagen und erfahren haben und beobachtet, was sie tun, um so die eigene Vergewisserung bestätigen oder widerlegen zu lassen.

Der spezielle Schmelztiegel, in dem der individuelle Glaube dem Experiment der Bewährung unterworfen wird, ist das christliche „Gottesvolk“.

Weil viele spüren, dass ihre individuelle Beziehung zu Gott allein nicht den sicheren Besitz der Wahrheit mit sich bringt und um sich der Richtigkeit ihres Weges zu vergewissern, kontaktieren sie neugierig andere. Sie thematisieren die eigenen Einsichten spekulativ, erfahren von draußen neue Inspiration, die über die eigenen Einsichten hinausgeht oder dahinter zurückbleibt. Annäherung, Distanzierung und Abgrenzung zu anderen Glaubenshaltungen gehen über die eigenen Überzeugungen hinaus und bewirken so ein verdichtetes Selbstbewusstsein. Es geht irgendwann dann nicht mehr nur noch um eigene Interpretationsstücke, sondern auch um gemeinschaftlich-rationale Denk- und Glaubensmuster sowie kollektive Handlungsorientierungen. Das eigene Glaubensbewusstsein reiht sich in ein virtuelles Gemenge von anderen Glaubensüberzeugungen ein, das seinerseits zum sich ständig bewegenden und evolutionär verändernden Strom wird. Dadurch entstehen keine schlechten Kopien aller einzelnen Glaubensoriginale, sondern durch Brechung und Reflexion ein neuer Gemeinsinn, der die Glaubensidentität der Einzelnen unberührt lässt.

So gesehen wird deutlich, dass der im Gottesvolk heranreifende überindividuelle Glauben starke Ambivalenzen in sich trägt. Diese „Communio“, die in einem naturbelassenen Mischwald in religionsgenetischer und systemloser Unterschiedlichkeit ohne erzwungenen Konformismus glaubt, kann sich nicht nur innerkirchlich, sondern auch auf dem gesellschaftlichen Parkett behaupten, weil der Volksglaube mit seiner Eigengesetzlichkeit dazu beiträgt, dem Borkenkäfer der Überregulierung durch die institutionelle Kirche Paroli zu bieten. Das Kollektiv schafft sich durch seine Ausgleichs- und Rückkoppelungsmechanismen Raum für ein gemeinsames religiöses Selbstbewusstsein in der säkularisierten Gesellschaft, weil diese an der Lehre der Kirche nur dann interessiert ist, wenn sie sich dem neuen Weltbild öffnet. Deswegen ist das, was Menschen in der Gemeinschaft des Gottesvolkes für wahr halten, keineswegs zwingend identisch mit dem, was die offizielle Kirche lehrt.

Das christliche Gottesvolk selbst besitzt keinen korporativen oder dogmatisch gebundenen Glauben mit gegenseitiger Bindungswirkung und ist daher sein eigener Souverän. Das, was es zusammenhält, ist ein Gemenge von einzelnen sich ähnlichen Glaubenshaltungen, die in der Vermischung nicht mehr unterscheidbar sind und dadurch zu einer überindividuellen und normativen Gültigkeit geführt werden. Im Gottesvolk passiert ständig nach dem Prinzip der Buntheit und der Vielfalt das, was man als religiös-altruistischen Darwinismus bezeichnen könnte: Durch Reproduktion, Mutation und natürliche Auslese wird ein evolutionäres Ausleseverfahren eingeleitet, das gewährleistet, dass der Glaube in immer neuen Varianten so entsteht, dass Gottes Heilsplan in der aktuell von ihm gewollten Form weiterleben kann und dass Glaube überhaupt „gesellschaftsfähig“ bleibt. Deswegen bewirkt die Teilhabe am Gottesvolk auch keine kollektive Anonymität, indem der Einzelne sich herdenhaft einfügen muss, er verliert dort weder seine Authentizität noch seine religiöse Eigenverantwortung in einem farblos-allgemeinen „man“, denn die Communio nimmt ihm keine Verantwortung im Glauben ab und ist daher nicht geeignet, diese kollektiv einzuebnen. Vielmehr lässt eine solche Communio den vielen Einzelnen ihre Möglichkeit, sich religiös zu verändern und zu unterscheiden, ohne die Verwurzelung im gemeinsamen Glaubensgut aufzuheben.

Die Teilhabe an der souveränen Gemeinde Gottes bedarf keines formellen oder sakramentalen Aufnahmeaktes, es genügt das gemeinsame Bekenntnis zum christlichen Gott. Es gibt keinerlei Bindungen an bestimmte Statuten; ihm gehören auch bekenntnistreue Christen an, die aus der Kirche austreten und ebenso zweifelnde Atheisten. Die Teilhabe am Gottesvolk schließt nicht aus, dass sich Christen einer bestimmten Kirche anschließen, um dort von deren institutionellem Gerüst zu profitieren. Es gibt aber keine Präferenz für eine bestimmte Kirche.

Auch das Gottesvolk, das sich als Teil der bürgerlichen Gesellschaft versteht, mag sich zwar der innerkirchlichen Autorität widersetzen, ist aber seinerseits integrativer und gesellschaftlich mitverantwortlicher Teil der staatlichen Ordnung.  

IV. Das paternalistische Glaubenskartell der Amtskirche als Störfaktor beim Glaubenlernen

Glauben lernen in der Kirche als schwieriges Unterfangen. Wer als Person autonom und ohne den Zwang zur Hörigkeit ein individuelles Glaubensbewusstsein entwickelt hat, wird trotzdem in seinem Innersten das Bedürfnis spüren, die Richtigkeit dessen, was er authentisch zu glauben meint, von der Kirche, in die er hinein getauft wurde, als Hüterin der Wahrheit amtlich bestätigen zu lassen. Er will wissen, ob die eigene Glaubenssituation inhaltlich und formal mit dem übereinstimmt, was diese Kirche lehrt, um so eine letzte Gewissheit von der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges zu erhalten. Auch möchte er in der Kirche seinen individuellen Glauben in der Gemeinschaft feiern und im Empfang ihrer Sakramente seine Wesensgleichheit und Einheit mit Gott und mit ihr dokumentieren, ohne die eigene Glaubensidentität aufgeben zu müssen.

Dabei wird er aber im wahrsten Sinne des Wortes bald erkennen, dass er von der Amtskirche nicht als authentische Person angesehen wird, sondern im wahrsten Sinne des Wortes als unmündiges „Schaf“, das sich, umgeben von den Wachhunden, im dogmatisch gesteckten „Pferch“ ohne eigenes Revier nur dort bewegen darf, wo es die Amtskirche erlaubt. Überall verurteilt sie ihn als Sünder und droht mit dem Verlust der ewigen Seligkeit, wenn er sich nicht ihren Regularien unterwirft.

Wer Anspruch auf Individualität und Mitverantwortung erhebt, erfährt schnell, dass das Laienapostolat diese nicht kennt. Aufgeklärte Vernünftigkeit hat in der katholischen Kirche keinen Platz, hier gilt das Prinzip der scholastischen Hörigkeit und so steht der Einzelne irgendwann vor dem Dilemma, sich für oder gegen seine Kirche entscheiden zu müssen. Ihre institutionelle Autorität erweist sich oft nach eigenem Selbstverständnis als zu „autoritär“ und deswegen türmen sich höchste Barrieren auf, die zum Stillstand und zum Abbruch des Glauben-Lernens führen können. Irgendwann fühlt er sich als religiös-schizoide Person, die sich gespalten und nicht mehr zur Gemeinschaft der Kirche gehörend im religiösen Abseits und in Einsamkeit definiert. Der unabdingbare Herrschaftsanspruch der Amtskirche, der den Einzelnen eigentlich zur Ganzheit des Glaubens führen sollte, wird so ungewollt zum Fallbeil. Unterwirft er sich dem Herrschaftsanspruch, wird er zum heimatlosen Mitläufer, opponiert er, so bleibt ihm die Kirche ein schwankendes Haus, in dem er sich nicht sicher fühlen kann.

Das aber kann so nicht bleiben. Bevor die Gefahr des Einsturzes Realität wird, gilt es zu klären, wo die Trennungslinien zwischen der legitimen Autonomie und dem Amt in der Kirche verlaufen und ob sich der von der Amtskirche erhobene Herrschaftsanspruch gegenüber dem Einzelnen und dem Gottesvolk mit der Botschaft Jesu Christi in der Bibel vereinbaren lassen. Wo also liegen aus objektiver Sicht die Ursachen für die schizoide Selbstspaltung der katholischen Kirche?

Die Anmaßung von göttlicher Autorität durch die Amtskirche. Der Papst als oberster Lehrer verkündet ex Kathedra seine dogmatischen Entscheidungen unfehlbar, aber auch seine anderen Lehrschreiben sind auf einer niedrigeren Stufe für alle verbindlich und müssten, folgt man seiner Lehre, paternalistisch angewendet werden. Er betont damit seinen Anspruch, selbst darüber zu entscheiden, was der/die Einzelne und das Gottesvolk zu glauben haben. Damit sprechen sich der Papst und die Amtskirche in ihrer Eigenschaft als Gottes Stellvertreter auf Erden selbst göttliche Autorität zu, die sie damit begründen, dass Gott in der Schrift aus Christus unfehlbar gesprochen habe und die Kirche daher per se unfehlbar sein müsse. Diese Lehrattitüde, die das Glaubenlernen auf das Nebensächliche reduziert, ist wohl der wichtigste Störfaktor im Verhältnis der Menschen zur katholischen Amtskirche. In der Konsequenz dieses rückwärtsgewandten Paradigmas stört die Amtskirche die individuelle Gott-Mensch-Beziehung und verschließt sich gleichzeitig immer einem modernen Weltbild, während die Gesellschaft in ihrer Welt der Freiheit und der Selbstbestimmung anderen Handlungsorientierungen folgt und, für die Kirche unerreichbar, an ihr vorbeigezogen ist. Diese weltfremde Orientierung wiederum schafft Unruhe in der Gemeinschaft und bringt deren Boden so zum Beben, dass viele ausziehen und nicht wieder kommen. Die Kirchenaustrittsstatistik lässt grüßen.

Die aus der Negation des modernen Vernunftbegriffes historisch erwachsenen Strukturdefizite spielen eine erhebliche Rolle im Verhältnis Kirche-Menschen-Gesellschaften. Frauen (die generell von der Weihe ausgeschlossen sind) und Männer ohne Weihe treten, wenn es darum geht, die Kirche öffentlich zu vertreten, nirgends in Erscheinung; sie sind die Abgehängten der Kirche, die man in der Kirche nur dann benötigt, wenn Not an der klerikalen Männerwirtschaft ist. Sie können sich zwar privat öffentlich äußern, sprechen aber nie im Namen der gesamten Kirche. Das schafft Neid und Missgunst und diese wiederum sind verantwortlich für das schlechte Image der Kirche. Lag die Mitverantwortung in der Urkirche auch bei den Laienchristen, so hat sich in der geschichtlichen Entwicklung in der Kirche die funktionale Verantwortung zu Lasten der Laien hin zu den Klerikern durchgesetzt, welche mit der bischöflichen „Weihe“ (eine rituelle Handlung, die den Geweihten über alle anderen Mitglieder des profanen Bereichs heraushebt) eine besondere Vollmacht, in und für die Kirche zu handeln, erhalten. In unserer Kirche werden sämtliche Türme von den Klerikern beherrscht, die trotz erheblicher Seelsorgenöte peinlich darauf achten, dass keines ihrer Privilegien verloren geht. Die Zahl der Priester ist jedoch jüngst so stark gesunken, dass  in naher Zukunft befürchtet werden muss, dass Seelsorge und Sakramentenspendung durch Priester nicht mehr gewährleistet werden können. Die praktizierenden Katholiken gehören fast ausschließlich der älteren Generation an, jüngere Menschen kommen kaum noch nach. Allein dieses biologische Defizit ermöglicht es der Amtskirche heute noch, Planstellen, wenn auch meist in Pfarrverbänden, mit Priestern neu zu besetzen.

Die einseitige Stellungnahme der Amtskirche zugunsten konservativer Rechtgläubigkeit. „Rechtgläubigkeit“ ist ein Begriff, der für sich monopolistisch in Anspruch nimmt, allein im Besitz der vollen Wahrheit und wahren Lehre zu sein und der von interessierter Seite eingeführt wurde, um die eigene Lehr- und Administrationshoheit zu verteidigen; mit seiner Verwendung werden gleichzeitig alle anderen religiösen „Dis-Positionen“ verurteilt. Die Wahrheit aber stellt sich den Menschen in ganz unterschiedlichen historischen und kulturellen Kleidern vor. Niemand kann für sich beanspruchen, die von Christus hinterlegte Wahrheit allein zu besitzen. Glauben-Lernen muss man immer wieder neu in der jeweils konkreten Situation und dabei kommt es darauf an, dass man Unterscheidungen als notwendig betrachtet und Ambivalenzen nebeneinander stehen lassen kann. Also widerlegt sich der monopolistische Begriff der Rechtgläubigkeit selbst und muss zugunsten einer Rechtgläubigkeit abtreten, die ihren Sinn in der Aussöhnung der bunten Vielfalt sieht.

Der institutionelle religiöse Fundamentalismus und seine Ableger, die für sich monopolistisch behaupten, allein rechtgläubig zu sein, beanspruchen für sich ein Kartell höherer Ordnung und verurteilen das in ihren Augen niedrige Kartell der Relativisten. Sie scheinen mir in ihrem Absolutheitsanspruch unreflektiert in eine theologische Falle zu gehen, denn sie schränken Gottes Glaubenshoheit ein, wenn sie behaupten, dass Gott für die Verwirklichung seines Heilsplanes auf ein fixes Modell festgelegt sei und keine neuen religiösen und gesellschaftlichen Formen und Orientierungsmaßstäbe zulasse; wäre das so, so hätte sich Gott faktisch aus der Weltgeschichte zurückgezogen, um das Geschick der Welt allein der katholischen Amtskirche zu überlassen. Fundamentalisten glauben so und damit mehr an die Lehre und Befehle der Institution als an Gott selbst und werden so zu Gehorsamsträgern, die dann ins Leere fallen, wenn die Autorität selbst gesellschaftlich in Gefahr gerät. Gott wird zum Popanz menschlicher Ideologie und Unvollkommenheit gemacht, Religion zur unwandelbaren Form. In der unvernünftigen orthodoxen Traditions- und Wortlautverfallenheit können die überaus wichtigen Kräfte der Schrift und der Tradition für die heutige Zeit nicht wieder erweckt werden. Natürlich verkündet auch die orthodoxe Lehre der Kirche viele gültige Grundwahrheiten; weil sie diese aber ängstlich nicht der Gefahr des Werdens in der Geschichte aussetzen lässt, bleibt sie irgendwann auf ihren wertlos gewordenen Wahrheiten sitzen.

Aber auch die Anhänger eines religiösen Liberalismus können keine absolute Rechtgläubigkeit für sich beanspruchen, weil ihre Beliebigkeit, der sie sich oft bedienen, keine endgültige Wahrheit erzeugen kann. Man kann nicht einfach nach bestimmten „Wahlempfehlungen“ von Propagandisten glauben, weil man dann immer wieder Gefahr läuft, die entscheidenden Grundhaltungen im Christentum (Liebe und Mitmenschlichkeit), wie sie Christus in seiner biblisch hinterlegten Lehre unverzichtbar festgelegt hat, zu vergessen und die Bindung an Gott zu verlieren. Wer alles in Frage stellt, verliert sich oft in ein Wunschdenken, das niemand überzeugen kann. In der Bibel wird der Einzelne verpflichtend aufgefordert, nicht nur sein eigenes Bewusstsein zu propagieren, sondern dieses der Kritik und der Inspiration des Gottesvolkes und der kirchlichen Weisung auszusetzen. Erst wenn die kirchliche Weisung eingehend geprüft und kritisch gewürdigt wurde, kann Anlass und die Notwendigkeit zur Distanzierung von ihr bestehen. Andernfalls läuft jeder Gefahr, in einen unkritischen Nihilismus abzugleiten.

Die Folgen der Strukturdefizite. Ein Sprichwort sagt, dass der Geist eines Gebäudes nicht durch seine Geschichte, sondern durch seine Nutzer bestimmt wird. Wäre das im übertragenen Sinne auch in der katholischen Kirche, wäre diese wohl ein weit besserer Ort der Besinnung für viele Menschen als sie dies derzeit ist, denn weder individuelle Glaubensüberzeugungen noch ein gesunder Volksglaube haben in unserer Kirche noch ihren rechten Platz. Hier frönt die Hierarchie aber immer noch ihrem Ausschließlichkeitsanspruch und zwar ohne Rücksicht darauf, dass damals die Welt noch eine Scheibe und das newtonsche Gravitationsgesetz, Galileo Galileis Weltsystem oder Einsteins Relativitätstheorie unbekannt waren. Seitdem wurden die Inquisition und Hexenverbrennung überwunden und die Welt mit der Atombombe und der Raumfahrt mit ungeahnten neuen geistigen Herausforderungen konfrontiert. Wer im Sinne der verbindlichen katholischen Lehre rechtgläubig sein möchte, muss die Entwicklung der Weltanschauung hin zu den Menschenrechten, den Ergebnissen der historisch-kritischen Exegese, den Errungenschaften der Französischen Revolution ausblenden und blind der römischen Lehre folgen. Benedikt XVI. beschwört in seiner Regensburger Rede eine Gegenwelt und einen überholten und rückwärtsgewandten Universalismus, der die Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens an die seit der Aufklärung längst überholte Lehre der Kirche bindet. Wer die Regensburger Rede des Papstes ernst nimmt, muss weiterhin glauben, dass das ewige Heil nur bei wortgetreuer Beachtung der kirchlichen Lehre von Gott geschenkt ist und außerhalb der Kirche kein Heil ist. Die Hardliner in der katholischen Kirche verlangen, dass die Glaubensgrundlagen nach der Raison der Amtskirche kulturübergreifend nur nach deren eigenen Intentionen festgelegt und vereinheitlicht werden müssen.

Dieser römische „Mono-Pol-Ismus“, bei dem auf dem Weg zur Wahrheitssuche alle Überzeugungen kompassartig gleich ausgerichtet werden, ist die wesentliche Ursache für die innerkirchliche Unruhe und gesellschaftliche Entfremdung, denn er lässt kaum Spielraum für eine individuelle religiöse Selbstbestimmung; er ist Angst machend, lässt die Skeptiker allein zurück, die gesellschaftliche Akzeptanz der Lehre schwindet und die Kirche entlaubt sich immer weiter und wird nur noch als eine Art Hintergrundsgarantie für seelsorgerische Notfälle registriert. Eine der vielen Folgen ist, dass nur noch die Menschen in der Kirche bleiben oder in sie eintreten, die für ihren Glauben ein dogmatisches Gerüst benötigen, alle anderen bleiben ihr fern oder nur zumindest distanziert oder skeptisch treu oder treten formal aus, weil sie das Gefühl haben, statt Inspiration bei der Wahrheitssuche Herabsetzung zu erfahren. Die Kirche wird hauptsächlich nur noch als eine vom Staat finanzierte soziale Institution erfahren, die Kindergärten, manchmal Krankenhäuser und Altenheime oder Caritas betreibt, ansonsten wird sie als religiöses Windfähnchen erlebt, das man in den Wind hängt, wenn man seine unerfüllten Wünsche bei einer höchsten Instanz abgeben möchte.

Die katholische Kirche als Volkskirche befindet sich längst in einer gefährlichen Schieflage und Benedikt XVI. verschärft sie mit seiner Regensburger Rede zusehends. Wenn dies seitens der Amtskirche auch immer wieder geleugnet wird, sie beschreibt wider die gegebene Realität ein illusionäres Wunschbild, das längst nicht mehr existiert. Längst ist die Welt an der im Mittelalter hängen gebliebenen Kirche vorbeigezogen und nimmt diese nur noch als eine Insel wahr, zu der zurückzukehren sich nicht lohnt. Eine Mehrheit der im Gottesvolk versammelten Christen ist mit dieser Situation der Glaubensunmündigkeit unzufrieden. Die Amtskirche lässt sie protestieren, ohne sich darum zu kümmern oder provoziert sie mit absurden Bußpredigten und verteidigt die eigenen Privilegien, Debatten werden einfach für beendet erklärt, auch wenn sie niemals ernsthaft geführt wurden. Den Kritikern wird religiöse Mündigkeit abgesprochen und unmoralisches Verhalten vorgeworfen, weil sie angeblich nicht in der Lage sind, sich dem Willen Gottes zu unterwerfen. Gottes Wille und Kirchenwille werden dabei in einen Topf geworfen. Diese Angst machende Lehre bewirkt, dass die Menschen, wenn sie der Lehre folgen, nicht aus eigener Überzeugung an Gott glauben, sondern zu Mitläufern statt zu Akteuren im Einsatz für die Sache Jesu Christi werden. Wer seine individuelle Glaubensüberzeugung auch nur in Teilen an der Kirchentüre ablegen muss, wird wegen dieser Positionierung nie ein echter Christ werden; er läuft Gefahr, in ein nihilistisches Bewusstsein abzugleiten, in dem alles Religiöse an Wert verliert. Man spürt den Rausschmiss der Kirche aus der Gesellschaft fast körperlich und deswegen wirkt sie in ihrem öffentlichen Erscheinungsbild wie ein schizoider Patient, dessen Selbst in sich gespalten ist. Sie kann ihr Selbst nicht mehr erkennen, weil sie kein Maß dafür hat, das ihr eine Selbstreduzierung ermöglicht. Das aber kann so nicht bleiben.

 V. Vom Grundrecht des Einzelnen auf religiöse Selbstbestimmung

Die Suche nach möglichen Alternativen. Wenn Glaube in seiner Ganzheit, wie am Modell des religiös-didaktischen Dreiecks aufgezeigt wurde, nicht getrennt, sondern nur im kognitiven Zusammenwirken aller Stützpunkte entstehen kann, muss es jeweils Ansprüche des Einzelnen bzw. des Gottesvolkes gegenüber der Institutionskirche auf religiöse Autonomie und administrative Teilhabe geben, die sich darin ausdrücken, dass die Menschen vom Grundsatz her berechtigt sind, sich zu emanzipieren und dann abweichend von der Lehre zu positionieren, wenn sie nach eingehender Prüfung zu dem Ergebnis kommen, dass das Zentrum des Christentums abseits der kirchlichen Lehre liegt. Dieser Anspruch auf eine Dis-Position und das Recht, sich in bestimmten Situationen auf spezifische Art und Weise autonom zu verhalten, ist ein naturgegebenes Menschenrecht und kann nicht grundsätzlich bestritten werden. Über Form und Inhalt und Umfang dieses Halbteilungsmodells mag man streiten, an der Tatsache, dass der Glaube in der Kirche aus den Wurzeln der Individualität des Einzelnen und der Überindividualität des Gottesvolkes gespeist, mitbestimmt und geformt wird, sollte es keinen Zweifel geben. Dieses konstruktive Recht auf individuelle religiöse Selbstbestimmung ist der wichtigste Glaubensbestandteil, denn nur dadurch kann der Mensch unmittelbaren Zugang und eine andauernde Verbindung zu Gott erhalten. Es kann keinen Glauben des Einzelnen und des Gottesvolkes im Ganzen geben, wenn das subjektive Bewusstsein im einzelnen Menschen in der offiziellen Kirche unterdrückt wird. Das religiöse Selbstbestimmungsrecht ist das entscheidende Qualitätsmerkmal beim Glauben insgesamt, es muss sich aber sowohl im Gottesvolk als auch in der Kirche bewähren und gegebenenfalls unterordnen.

So steht das auch in der Bibel. Längst sollte klar geworden sein, dass die besondere Zuneigung Gottes bei der Wahrheitssuche den Einzelnen in ihrer Privatheit sowie dem Gottesvolk als deren überindividuelles Refugium gilt. Die Bibel bezeichnet Christus als „Sauerteig“, der in ihrer Symbolsprache für Antrieb, Unruhe, Entwicklung und Wandlung steht (Mt 13, 33). „Ich habe dich eingezeichnet in meine Hand - Spruch des Herrn.“ steht bei Jes 49, 14-16a. Er allein ist „der Weg und die Wahrheit und das Leben“, auf dem jeder Christ  individuell vorankommen muss. Und nach Joh 6, 14-18 erschließt sich die göttliche Wahrheit in erster Linie demjenigen, der sich darauf eingerichtet hat, den Willen Gottes zu tun, nicht demjenigen, der wortlautgetreu nachbetet, was andere ihm aufgetragen haben. „Wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und keine Ungerechtigkeit ist in ihm.“; „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil Du all das den Klugen und Weisen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“ (Lk 10, 21). Bei Joh 2, 6 wiederum empfiehlt uns Maria: „Alles, was er euch sagt, das tuet!“; in der Betonung von „er“ wird man daran erinnert, dass es beim Glauben in erster Linie auf die individuelle Gott-Menschbeziehung ankommt. Und bei Mt 16, 5 und Mk 8, 7 und Lk 9, 35 steht: „Dieser ist mein geliebter Sohn, ihn sollt ihr hören!“ Am schärfsten formuliert Paulus in Röm 2, 23 ff, wer religiös mündig ist: „Denn nicht die Hörer des Gesetzes sind gerecht vor Gott, sondern die Befolger werden gerechtfertigt. Wenn die Heiden, die das Gesetz nicht (studiert) haben, von Natur aus das Gesetz erfüllen, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie zeigen, dass der Inhalt des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben ist, indem ihnen ihr Gewissen Zeugnis gibt ...“. Dagegen verblassen die von der Amtskirche für den Primat des Papstes beanspruchten Zeugnisse für die Schlüsselgewalt, z. B. bei Mt 16, 18-19; Jesus verheißt dem Petrus zwar einen Primat, keineswegs aber einen Freibrief für die Alleinbestimmung in der Kirche.

Aber auch die Kompetenzen der Amtskirche werden in der Bibel klar und deutlich definiert. Ihr ist aufgetragen, die „Schwestern und Brüder im Glauben und in der Liebe zu stärken“ (Lk 22,32). Wenn Jesus von Schwestern und Brüdern spricht, so hat das schon eine wegweisende Bedeutung. Geschwister leiten ihre Bedeutung von ihrer gemeinsamen Herkunft und der grundsätzlichen Friedfertigkeit des Familienverbandes ab. Wenn Jesus von „Stärkung“ spricht, so meint er nicht Unterdrückung und Wegschauen. Die gemeinsamen Ressourcen sollen zusammen verwaltet, die Verantwortung und der Zugewinn gerecht geteilt, widerstrebende Interessen in einem System von Interessenausgleich und Schlichtung zusammengeführt werden. Er setzt Gleichrangigkeit aller als unverzichtbar voraus, weil nur so die Kirche integrativ zur Einheit der Gemeinschaft geführt werden kann, ohne dass die Authentizität des Subjektiven im Clan unterdrückt würde. Im Verständnis der Bibel ist es Aufgabe der Amtskirche, den Schwestern und Brüdern Inspirationen zu geben, Korrekturen zu setzen, zu integrieren statt zu desintegrieren. Es gilt Sachzusammenhänge zu beschreiben, die Sakramente zu spenden, rituelle Feiern zu gestalten, seelsorgerische und Bildungsaufgaben wahrzunehmen und allgemeine theologische Leitlinien zu formulieren, ohne diese zu dogmatisieren. Sie ist Herr einer stabilen innerkirchlichen gerechten Ordnung und darf und muss Grenzüberschreitungen und Separatismen Einzelner oder von Gruppen rügen und bestrafen. Der Begriff der „Schlüsselgewalt“ für den Petrusstuhl (Mt 16, 19) erhält unter diesem Aspekt eine ganz neue inhaltliche Bedeutung: „Bindung“ und „Lösung“ müssen unter dem sozialen Gesichtspunkt des Dienens gesehen werden; sie sind nicht für eine dogmatisierte Lehre freigegeben.

Im Zentrum des gesamten Glaubensgeschehens stehen Gott, das Individuum und das Gottesvolk, nicht die Amtskirche. Ihr kommt nur eine dienende und orientierende, nicht aber eine indoktrinierende Kraft zu. Glauben kann man nicht lehren, sondern nur ohne Bevormundung lernen.

Religiöse Selbstbestimmung ist kein Freibrief für Nihilisten. Das Leitprinzip des religiösen Selbstbestimmungsrechtes ist Einheit, nicht Trennung. Es orientiert sich nicht am vordergründigen und egoistischen Interesse des Einzelnen oder von Gruppen. Es geht um eine Autonomie, die den starren Substanzbegriff von Glauben durch einen dynamischen ersetzt, der sich aus dem Geschehen nicht ausblendet, sondern ihre Lehre bewertet und in das eigene Kalkül einbezieht. Der Respekt vor der Erfahrung der Tradition und dem Ursprung der kirchlichen Lehre trägt das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen für das Ganze genauso wie den Anspruch, sich unterscheiden zu dürfen. Eine permanente Auseinandersetzung mit der Kirche würde nicht der Einheit dienen, sie wäre der Nährboden eines religiösen Nihilismus, der seinerseits Beliebigkeit zum Dogma erhebt und die Allzerstörung der Kirche betreibt. Autonomie im geforderten Sinne ist Ausdruck einer gefestigten Glaubensgemeinschaft, die ihre innere Stärke gerade daraus erfährt, dass sie Individualität nicht als Zeichen der Trennung, sondern als Ausdruck von Einheit versteht; Bibelrabulistik ist ihr vollkommen fremd, denn es geht um Einheit im Glauben, nicht um logistische Wahrheitsfindung und Rechthaberei.

„Treu und Glauben“ als Programmbegriff für die innerkirchliche Aussöhnung. Christentum ist mehr als Ordnungs- und Glaubenstransfer von oben nach unten, es lebt von der gleichwertigen Mitwirkung aller Beteiligten, von einer verlässlichen Integration, die aus der Vielfalt, die sich in das Ganze eingliedert, getragen wird. Das biblische Glaubensverständnis bedingt zwangsläufig Unterschiede, die von allen ausgehalten werden müssen; ja man muss die Buntheit wollen, um überhaupt kirchliche Einheit entwickeln zu können. Die Ausgleichsmechanismen, die für die dringend notwendige Wundheilung in der Kirche sorgen sollen, lassen sich am leichtesten am Grundsatz von „Treu und Glauben“ beschreiben, der sich auf dem philosophischen Begriff der Aufklärung aus dem Kantschen Kategorischen Imperativ in unserem Rechtssystem entwickelt hat. Mit diesem Prinzip soll dem Missbrauch des religiösen Selbstbestimmungsrechts, aber auch der amtskirchlichen Willkür entgegenwirkt werden. Es bedeutet dem Sinne nach, dass alle Beteiligten ihre Teilhabe und Interessen am Gesamtgeschehen orientieren und so teilen, dass Ungleichheiten nur dort nicht geduldet sind, wo sie für den Bestand der Gemeinschaft unverzichtbar sind. Von jedem wird ein Verhalten gefordert, das von allen anständig denkenden und handelnden Menschen unter den gegebenen Umständen erwartet werden kann. Was dem einen schadet, schadet allen und was einem nützt, kommt allen zugute. Alle in ihrer Vielfalt sind eins und es gibt genügend Reviere für alle innerhalb der Kirche. Wenn wir so einander gewahr werden und ein Bewusstsein entwickeln, dass wir alle füreinander da sind und Verantwortung tragen, trägt dies dazu bei, alle Eitelkeiten und alles Präferenzgehabe zu überwinden und sich in den Dienst der Sache Jesu Christi zu stellen. Dieses Prinzip durchdringt auch alle Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Eine Versöhnung der unterschiedlichen Herrschaftscharaktere in unserer Kirche wird es nur geben, wenn wir uns gemeinsam an Gott, das Ziel und die Herkunft unseres Glaubens wenden, der uns den Weg zum ganzen Glauben der frohen Botschaft und zum wirklich christlichen Leben durch sein Beispiel vorgezeichnet hat. Demnach müssen sich alle Kontrahenten um gegenseitige Fairness und Solidarität, Wahrhaftigkeit und Standhaftigkeit, die in ihrem Kern der Liebe am nächsten kommen, bemühen. Eine solche von Jesus bei allen eingeforderte Wahrhaftigkeit gibt sich in der Überwindung von Beliebigkeit und Willkür auf allen Seiten zu erkennen. Bin ich wahrhaftig, so nicht deswegen, weil ich es so will, sondern weil ich vom Rechten überzeugt bin und gleichzeitig den Anspruch anderer, sich zu unterscheiden, respektiere; ich überwinde meine eigene Meinung aus Einsicht und dem Respekt vor dem Anderssein anderer. Meine grundsätzliche Gehorsamsbereitschaft gegenüber dem Amt erzwingt dann analog deren gleichwertige Bereitschaft zur Achtung meiner individuellen religiösen Identität der vielen Einzelnen und des Gottesvolkes. Wenn Minderheiten in der Kirche ohne Diskriminierung ihrer Überzeugung treu bleiben dürfen, erwächst dort die Bereitschaft, die vom Konsens geprägte Ordnung anzuerkennen. Wenn die Amtskirche für Dissidenten berechenbar und fair bleibt und umgekehrt, kann jeder sich auf die grundsätzliche Anerkennung der gemeinsamen Ordnung verlassen. Wenn ein Fehlverhalten einer Seite durch Verzeihungsbereitschaft der Betroffenen rückgängig gemacht werden kann, stärkt auf der anderen Seite die Ambivalenztoleranz die Bindungsbereitschaft und die Fähigkeit auf eigene Rechtspositionen zu verzichten. Weil alle verbindlich für die Schuld der anderen haften, entsteht ein dauerhafter Gemeinsinn, der weit über das hinaus reicht, was wir heute in der katholischen Kirche sehen.

Benedikts religiöser Infantilismus. Wenn der Papst in einem von ihm privat verfassten Buch (man beachte: nicht in einer amtlichen Verkündung) jüngst einräumt, dass die Benutzung von Kondomen ausnahmsweise und nur unter strengen Bedingungen nur zur Aidsverhütung (nicht allgemein zur Empfängnisverhütung) moralisch gerechtfertigt sein könnte, so ist er dafür grundsätzlich zu loben, dass er einen Teil des übergesetzlichen Notstandes in der kirchlichen Sexuallehre erkannt hat. Doch zeigt gerade dieses Beispiel, wie sehr die Amtskirche ihrer eigenen dogmatischen Struktur verhaftet ist. Die überfällige Wende in der Sexuallehre ist mit diesem abgespeckten „Kondom-mino(r)-Verbot“ nicht geschafft. Die Amtskirche spürt zwar ihren Rausschmiss aus der modernen Gesellschaft, will dem auch entgegenwirken und ist dennoch nicht in der Lage, sich insgesamt den Realitäten einer modernen Welt zu stellen. Sie verharrt in dieser paradoxen Situation des schizoiden Selbst und deswegen werden sich die Menschen weiter von ihr distanzieren und aus ihr flüchten.

Von einer Kirche, wie sie Jesus Christus von uns allen fordert, sind wir noch meilenweit weg. Das ist nicht allein die Schuld des Papstes oder der Amtskirche insgesamt, aber auch seine. Er hat mit seiner Regensburger Rede und der Forderung nach Rückkehr zur scholastischen Vernunft des Mittelalters der Kirche einen Bärendienst erwiesen und einen ungangbaren Weg zu weisen versucht; und ist damit gescheitert. Wer wie der Papst meint, die fundamentale Dogmen- und Herrschaftskritik an der Kirche sei areligiös und antikirchlich und die Folge einer „Diktatur des Relativismus“, begeht den entscheidenden Fehler zu glauben, die Kirche sei mit Gott identisch. Gott allein ist der Herr der Kirche und der Geschichte und er hat sie in der mehr als zweitausendjährigen Tradition an der Kirche vorbei vorangetrieben und ihr altes Weltbild auf den Kopf gestellt. Er hat die amtskirchlichen Erfindungen der Inquisition und der Hexenverbrennung gegen ihren Widerstand abgeschafft und den Menschen unverzichtbare grundrechtliche Freiheitsrechte verliehen, die sie, wäre es nach der Amtskirche gegangen, bis heute nicht besitzen würden. Er hat uns wissenschaftliche Erkenntnisse von ungeheurer Tragweite geschenkt und fordert uns auf, mit ihnen verantwortlich umzugehen. Der Umgang mit der modernen Welt kann jedoch nicht auf der Grundlage des von Benedikt XVI. favorisierten scholastischen Vernunftprinzips bewältigt werden. Und deswegen zeugen der Ruf des Papstes nach Beseitigung der aufgeklärten Vernunft beim Glaubenlernen und die Formel von der Diktatur des Relativismus, um nur einige Schlagworte zu nennen, von einem religiösen Infantilismus, der sich einer Entwicklung entgegenstemmen möchte, die letztendlich, käme sie wieder zum Zuge, zur Abschaffung des christlichen Glaubens führen würde. Die Kritik will die Kirche nicht abschaffen, sie will mit ihr einen neuen Weg gehen.

 

 

 


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