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Reaktionen auf das Auftrittsverbot für Bischof Jacques Gaillot in Bonn

Kölner Stadtanzeiger - 26.10.04

Empörung über das Verbot des Kardinals Joachim Meisner.

Bonn - Mit Empörung reagierten gestern die Vertreter von „Publik-Forum-Zeitung kritischer Christen“ auf die Intervention des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner, die eine Teilnahme des französischen Bischofs Jacques Gaillot an einer kirchenkritischen Veranstaltung in der Bonner Beethovenhalle verhindert hat.

Gaillot sollte in Bonn an diesem Donnerstag zusammen mit dem Kirchenkritiker Eugen Drewermann zum Thema „Christsein im 3. Jahrtausend - Glaube, der Hoffnung hat“ sprechen und diskutieren. In einem „rüden Brief“, so die Veranstalter, habe Meisner Gaillot den Auftritt im Erzbistum Köln untersagt. Dieser wiederum beugt sich dem Verbot, hat aber eine Botschaft angekündigt, die in Bonn verlesen werden soll. Das Publikumsinteresse ist hoch - gestern waren bereits 800 Karten verkauft.

Der Sprecher von „Publik-Forum - Zeitung kritischer Christen“ aus Oberursel, Thomas Seiterich, warf dem Kardinal gestern einen „selbstherrlichen und unvergleichlichen Akt“ vor und fragte: „Wie ist denn das mit den tausendfachen Einladungen zum Weltjugendtag zu vereinbaren?“ In einem Telefonat gestern, so Seiterich, habe Jacques Gaillot ihm berichtet, dass er „unter wahnsinnigem Druck“ stehe, weil Kardinal Meisner die Angelegenheit „über den Vatikan“ spiele. Auch der Name Ratzinger sei gefallen. Dies sei der Grund dafür, dass sich der französische Bischof dem Kölner Kardinal beuge. Jacques Gaillot stecke in einer „kirchenrechtlich äußerst schwierigen Situation“. Auch Eugen Drewermann sei, so Seiterich, „empört“. Er werde dem Franzosen einen Solidaritätsbrief schicken.
Meisner beruft sich mit seiner Absage auf den Canon 763 des internationalen Kirchenrechts und hier auf folgenden Satz: „Die Bischöfe haben das Recht, überall, nicht ausgeschlossen die Kirchen und Kapellen der Ordensinstitute päpstlichen Rechts, das Wort Gottes zu predigen, wenn nicht der Ortsbischof in Einzelfällen dies ausdrücklich verwehrt.“

Ein Auftrittsverbot im Rheinland hat Jacques Gaillot erst vor wenigen Wochen schon einmal erlebt: Im September hatte ihm Meisner untersagt, aus Anlass des 25-jährigen Bestehens des Pfarrzentrums in Erftstadt das Wort an die dortige Gemeinde zu richten. Daraufhin hatte der Bürgermeister den Gemeindesaal zur Verfügung gestellt. Dort hielt Gaillot vor den zahlreichen Gemeindemitgliedern zwar keinen Vortrag, beantwortete aber Fragen.


Brief von Eugen Drewermann an Bischof Jacques Gaillot:

Lieber Jacques Gaillot!

Da hatten wir uns also auf ein gutes Wiedersehen in Bonn gefreut, aber es soll daraus auf Weisung des Kölner Kardinals nichts werden. Wie es möglich ist, Ihnen die freie Rede in Deutschland zu verbieten, ist nur durch groteske Klauseln im Kirchenrecht verständlich, die einem Bischof offenbar immer noch Amtsvollmacht wie einem Fürsten im 16. Jahrhundert zusprechen.

Es ist schlicht beschämend, und wäre ich nicht mit der Kirche in Deutschland ohnedies in erheblichem Widerspruch, so müsste ich mich zusätzlich für meine Kirche bei Ihnen entschuldigen.

So aber werde ich in Bonn sagen, dass Ihr Engagement für die Asylsuchenden ohne Papiere (Sans-Papiers) gerade das ist, was in der Nachfolge Jesu erwartet wird, um Christ zu sein: Die Frage ist nicht, welch einer Gruppe man zugehört, sondern was für ein Mensch man ist.

Ich danke Ihnen, lieber Jacques Gaillot, dass Sie ein solcher Mensch sind.

In herzlicher Freundschaft und Verbundenheit

Ihr Eugen Drewermann

 


Zwei weitere Artikel aus dem Kölner Stadtanzeiger - 26.10.04:

Wie weiland die Kurfürsten 

VON HARALD BISKUP

Nach dem Buchstaben (und wohl auch nach dem Geist) des kirchlichen Gesetzbuches ist die Entscheidung des Kölner Kardinals im Fall Gaillot einwandfrei. Gestützt auf die mittelalterlich anmutenden Paragrafen kirchlichen Rechts, hat Meisner seinen französischen Amtsbruder zur unerwünschten Person in seinem Sprengel erklärt.

So etwa ist die DDR mit Kritikern umgesprungen, um sie mundtot zu machen. Niemand erwartet ja von diesem Oberhirten, dass er seine Bildungshäuser für Querulanten vom Schlage eines Gaillot öffnet. Dass aber der Erzbischof einem missliebigen Kollegen verbieten kann, in der Beethovenhalle, an einem Ort des Geistes und der Muse, das Wort zu nehmen, treibt nicht nur Atheisten und Kirchenhassern die Zornesröte ins Gesicht. Meisner geriert sich wie einst die Kurfürsten. Sein Verdikt endet mit der Formel „In der Liebe Christi“.

Es ist dieser Zynismus, der viele Katholiken, die noch zur Stange halten, an ihrer Kirche verzweifeln lässt. Und es sind Menschen wie Gaillot, der als Kleine-Leute-Bischof unter Obdachlosen lebt, sich Aids-Kranken zuwendet und praktizierte Homosexualität als gottgefällig ansieht, die Glaubwürdigkeit leben. Rom hat den unbequemen Bischof im Wortsinn in die Wüste geschickt und ihm eine versunkene afrikanische Diözese überantwortet. Meisner sollte mal Gaillots Homepage anklicken, um zu sehen, wie fromm und aktiv es dort zugeht.


Ein streitbarer Priester aus Frankreich

Jacques Gaillot, im Jahr 1935 in der Champagne geboren, besuchte das Priesterseminar in Langres und studierte Theologie in Rom, wo er 1961 zum Priester geweiht wurde. Gaillot wurde im Jahre 1982 zum Bischof von Evreux ernannt. Er hat sich seitdem als streitbarer Priester und kirchlicher Querdenker einen Namen gemacht. Seine Sorgen gelten vor allem den Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben müssen, unter anderem Arme, Obdachlose und Aidskranke, Vertriebene und Staatenlose.

Ein Jahr nach seiner Ernennung verteidigt er einen jungen Militärdienstverweigerer vor dem Gericht in Evreux, drei Jahre später spricht er sich für die Unterstützung der Palästinensischen Revolte in besetzten Gebieten aus und trifft mit Yassir Arafat zusammen. Der Bischof reist 1987 nach Südafrika, um einen verurteilten Antiapartheit-Aktivisten aus Evreux zu treffen, 1989 erleben ihn die Gläubigen in Französisch-Polynesien, um die Forderungen nach Stopp der Atomwaffenversuche der dortigen Friedensbewegung zu unterstützen. In seinem Buch „Protestschrei gegen den Ausschluss“ - Gaillot schrieb rund ein Dutzend Bücher - übte er heftige Kritik an den damaligen französischen Einwanderungsgesetzen.

Scharfe Kritik äußerte Gaillot in vielen Bereichen an den Auffassungen der Amtskirche und setzte sich für eine stärkere Öffnung ein; er unterstützte aktiv die „Kirche von unten“.

Der Vatikan setzte ihn im Jahre 1995 als Bischof von Evreux ab und gab ihm als „Ersatz“ die im 5. Jahrhundert im Sand der Sahara verschwundene Diözese Partenia. Unter Gaillot freilich wächst die verschollene Diözese zu neuem Leben - im Internet, wo er ein großes Dialogforum für Christen einrichtete.


Bonn - Kölnische Rundschau 29. 10.04

Erzbischof Meisner die Rote Karte gezeigt

Von DIETER BROCKSCHNIEDER

BONN. Mehr als 1000 Menschen haben gestern Abend dem Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner die Rote Karte gezeigt: Das war der sichtbare Protest gegen das Auftrittsverbot, das Meisner dem französischen Bischof Jacques Gaillot erteilt hatte. Der ehemalige Oberhirte des Bistums Evreux in der Normandie, den Papst Johannes Paul II. 1995 abgesetzt hatte, sollte auf Einladung der Leserinitiative „Publik-Forum“ in der Beethovenhalle über den christlichen Glauben im dritten Jahrtausend sprechen.
Gaillot, nur noch Titularbischof des im fünften Jahrhundert untergegangenen algerischen Wüstenbistums Partenia, beugte sich dem Verbot des Kardinals und schickte eine Grußbotschaft, die zu Beginn der Veranstaltung verlesen wurde. Darin heißt es unter anderem, er habe in den vergangenen zehn Jahren „in Sachen Verbote eine gewisse Erfahrung sammeln“ können. „Aber ich bin immer meinen Weg weiter gegangen und habe mich zu neuen Ufern aufgemacht, wo eine Begegnung möglich war.“ Der Geistliche, der in Paris Obdachlose und Menschen ohne Papiere unterstützt und in Rom wegen Äußerungen zur Homosexualität und der Wiederverheiratung Geschiedener in Ungnade gefallen war, kündigte an, „ich werde nicht mehr in eure große Kölner Diözese kommen, um auf euren Versammlungen das Wort zu ergreifen“.

Hauptredner des Abends war der Theologe und Schriftsteller Eugen Drewermann, dem Anfang der 90er Jahre in Paderborn die Lehrbefugnis entzogen worden war. Er äußerte sich in einer Pressekonferenz vor Veranstaltungsbeginn sehr kritisch über Kardinal Meisner, ohne ihn allerdings direkt anzugreifen. „Gaillot gegen Meisner - hier der Gute, da der Böse? So einfach ist das nicht“, sagte Drewermann. Der Erzbischof sei Repräsentant „einer klerikalen Behörde“, die sich selbst Kompetenz zuspreche, die meine, „Glaube ist eine Angelegenheit des Dozierens, nicht des Existierens“.

Drewermann sprach von „dogmatischer Rechthaberei“ der klerikalen Kirche, die sich an die Stelle von Jesus Christus setze. „Für Meisner ist die Kirche Gott“, und deshalb müsse er als deren Repräsentant so handeln, wie er gegen Gaillot gehandelt habe. „Aber wenn der Glaube zu tun hat mit den Menschen, dann muss die Kirche ganz von vorn anfangen“, forderte Drewermann einen Wandel in der katholischen Kirche.

Gaillot habe sich gegen das Auftrittsverbot nicht gewehrt, weil er „nicht konzeptionell ideologisch denkt, das widerspricht ihm“, berichtete der Theologe über den Franzosen, mit dem ihn eine mehr als zehnjährige Freundschaft verbinde.

Lesen Sie die Reaktion von Bischof Gaillot!

 

 

 


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