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Wenn Rom
nicht handelt ...
Wer Kardinal Christoph Schönborn beim Requiem für
Kardinal Franz König, bei der Wallfahrt der Völker in Mariazell und zuletzt
beim Begräbnis des Bundespräsidenten Thomas Klestil sprechen hörte, freute
sich - für ihn und für die Kirche. Da schien ein Mann in die Fußstapfen
seines Vorvorgängers zu treten. So jedenfalls empfanden es viele Gläubige und
sprachen es auch offen aus.
Österreichs Kirche im Aufschwung? Der Traum wäre
zu schön gewesen. Der Sex-Skandal im Priesterseminar St. Pölten hat uns auf
den Boden der Wirklichkeit zurückgebracht und in Erinnerung gerufen, dass die römisch-katholische
Kirche einer grundlegenden Reform bedarf. Und nicht nur eines guten Nachfolgers
von Kardinal König
Gelehrige Vatikan-Schüler
Österreichs Bischöfe haben sich zur jüngsten
"Causa St. Pölten" kaum geäußert, obwohl sie allesamt aufschreien hätten
müssen. Doch sie sind gelehrige Vatikan-Schüler. Sie wissen, wenn der
Lieblingsjunge des Oberlehrers auch noch so ungut auffällt, muss man möglichst
still halten. Sonst fühlt sich vielleicht der Chef gekränkt und unternimmt
erst recht nichts . . .
Österreichs Bischöfe wissen um ihre
Machtlosigkeit und wohl auch um die völlige Bedeutungslosigkeit dessen für
Rom, was man hierzulande "Volk Gottes" nennt. Dieses darf einmal im
Jahr das Budgetdefizit des "Heiligen Stuhls" abdecken, mehr nicht.
Die Kirche ist eine absolute Monarchie, in der
offenbar die Faustregel gilt: Ein Laie darf gehorchen. Ein Pfarrer darf fast
alles, wenn er Freund des Bischofs ist. Ein Bischof darf alles, wenn er vorgibt,
dem Papst blind zu gehorchen. Der Papst darf sowieso alles. Kontrollinstanzen
gibt es nicht. Wer an den Schalthebeln der Zentralmacht sitzt, nutzt dies
weidlich aus. Die Kleinen können bestenfalls auf Gnade hoffen. Wäre Jesus
nicht auferstanden, würde er sich im Grabe umdrehen.
Wer Kardinal Christoph Schönborn beim Requiem
für Kardinal Franz König, bei der Wallfahrt der Völker in Mariazell und
zuletzt beim Begräbnis des Bundespräsidenten Thomas Klestil sprechen hörte,
freute sich - für ihn und für die Kirche. Da schien ein Mann in die Fußstapfen
seines Vorvorgängers zu treten. So jedenfalls empfanden es viele Gläubige und
sprachen es auch offen aus.
Österreichs Kirche im Aufschwung? Der Traum wäre
zu schön gewesen. Der Sex-Skandal im Priesterseminar St. Pölten hat uns auf
den Boden der Wirklichkeit zurückgebracht und in Erinnerung gerufen, dass die römisch-katholische
Kirche einer grundlegenden Reform bedarf. Und nicht nur eines guten Nachfolgers
von Kardinal König.
Gelehrige Vatikan-Schüler
Österreichs Bischöfe haben sich zur jüngsten
"Causa St. Pölten" kaum geäußert, obwohl sie allesamt aufschreien hätten
müssen. Doch sie sind gelehrige Vatikan-Schüler. Sie wissen, wenn der
Lieblingsjunge des Oberlehrers auch noch so ungut auffällt, muss man möglichst
still halten. Sonst fühlt sich vielleicht der Chef gekränkt und unternimmt
erst recht nichts . . .
Österreichs Bischöfe wissen um ihre
Machtlosigkeit und wohl auch um die völlige Bedeutungslosigkeit dessen für
Rom, was man hierzulande "Volk Gottes" nennt. Dieses darf einmal im
Jahr das Budgetdefizit des "Heiligen Stuhls" abdecken, mehr nicht.
Die Kirche ist eine absolute Monarchie, in der
offenbar die Faustregel gilt: Ein Laie darf gehorchen. Ein Pfarrer darf fast
alles, wenn er Freund des Bischofs ist. Ein Bischof darf alles, wenn er vorgibt,
dem Papst blind zu gehorchen. Der Papst darf sowieso alles. Kontrollinstanzen
gibt es nicht. Wer an den Schalthebeln der Zentralmacht sitzt, nutzt dies
weidlich aus. Die Kleinen können bestenfalls auf Gnade hoffen. Wäre Jesus
nicht auferstanden, würde er sich im Grabe umdrehen.
Radio Vatikan
Pater Eberhard von Gemmingen, Leiter der deutschsprachigen Sektion von Radio
Vatikan, sagte in einem Interview zum Sex-Skandal im Priesterseminar St. Pölten:
"Es ist nicht Art des Vatikans, schnell zu reagieren!" Schnell?
Bischof Kurt Krenn drangsaliert die Diözese St. Pölten seit 13 Jahren! Alle
Beschwerden, Unterschriftenaktionen und Demonstrationen blieben erfolglos.
Der Vatikan-Journalist rät zu Geduld. Bei
Groer warteten wir jahrelang, sinn- und zwecklos. Die Verantwortung damals wie
jetzt bei Krenn trägt der Papst persönlich. Wer das Volk vollkommen gering schätzt
und alle Macht - in der Ernennung, Kontrolle und Abberufung von Bischöfen - für
sich allein beansprucht, trägt auch allein die Verantwortung.
Es reicht nicht, dass das Oberhaupt der Kirche
von Land zu Land reist, um die Neuevangelisierung Europas zu predigen. Die
Kirche selbst muss dieses Evangelium ernst nehmen. Sonst ähnelt er der
untergegangenen Sowjetmacht. Dort war die Ideologie zuletzt auch nur noch die
Basis des eigenen Machterhalts. Die hehren Ziele von der Gleichheit aller wurden
lautstark verkündet, um die eigenen Throne zu sichern.
Kirche ist etwas anderes als der Vatikan
Zurück zur "Causa St. Pölten". Sollte Rom nicht handeln, wird dies
wohl das Volk Gottes tun müssen. "Die Kirche ist etwas anderes als der
Vatikan!", hat von Gemmingen im ORF-Interview gesagt. Eben. Die Kirche sind
wir. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie die Gemeinschaft Jesu zerfetzt
wird. Wie man die Gläubigen in die Irre und Trostlosigkeit führt und sie
obendrein dem allgemeinen Spott aussetzt.
Im Matthäus-Evangelium rät Jesus, einen
fehlenden Bruder unter vier Augen, dann unter Zeugen zurechtzuweisen. Hört er
nicht, muss die Gemeinde handeln: "Hört er aber auf die Gemeinde nicht,
dann sei er für dich wie ein Heide."
Die Gemeinde - in unserem Fall: die Diözese
St. Pölten - darf Selbstvertrauen haben. Ihr wird dasselbe zugesprochen wie dem
Petrus: "Alles, was ihr auf Erden binden werdet, wird auch im Himmel
gebunden sein." (Mt 18,18)
Wenn der Petrus-Nachfolger nicht bereit ist,
dem gepeinigten St. Pölten zu helfen, wird wohl die Diözese zusammentreten müssen,
um das Problem zu bereinigen. Eine Versammlung von Priestern und Laien könnte
dann Bischof Krenn "beurlauben". (Pater Udo Fischer, DER STANDARD
Printausgabe 17/18.7.2004 - http://derstandard.at/)
Pater Udo Fischer
Pfarrer von Paudorf-Göttweig, im Februar 1998 von Bischof Kurt Krenn
abgesetzt, auf Vorschlag von Abt Clemens Lashofer aber seit März 1998 wieder im
Amt, ist Autor der beiden Bücher "Herr Bischof, es reicht!" (1993)
und "Linker Jesus - rechte Kirche" (1994)". |