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Damit wir uns
einen Namen machen Der Regensburger Dom gehört zu den bedeutendsten Beispielen gotischer Bischofskirchen in Deutschland. Auch im ' Rahmen der europäischen Architekturgeschichte kommt ihm ein beträchtlicher Originalitätswert zu. Zudem dürfte er ohne Übertreibung momentan auch die am intensivsten erforschte gotische Kathedrale sein (Peter Kurmann). Ausgerechnet diesem nochbedeutsamen, erst kürzlich im Inneren restaurierten Dom droht neuerdings durch Baumaßnahmen eingreifender Art Ungemach. Da diese Vorhaben in kleinem Kreis besprochen werden und das Laienvolk wie, die Kunsthistoriker vor vollendete Tatsachen gestellt werden sollen, ist es an der Zeit, deutlich auf die Vorgänge aufmerksam zu machen. Der erste massive Eingriff ist bereits im Gang: Hinter einem Bauzaun im südlichen Seitenchor ist der Boden geöffnet, sind Grabplatten entfernt worden und wird ein Raum für „Stille und Gebet" mit eigenem Zelebrationsaltar vor dem gotischen Baldachinaltar sowie einem eigenen Gitter eingerichtet. Die Maßnahmen sind als Grundelemente der künftigen Funktion als Werktags- und Andachtskapelle in der Bischofskirche nur schwer vermittelbar: Ein Gitter wird kaum den Besucherlärmpegel abhalten können, der nach den Gottesdiensten beim normalen Andrang werktags wie sonntags herrscht. Dazu müßte man Mauern bis zum Gewölbe aufführen - oder die Besucher ganz ausschließen. Beides ist für einen Raum mit gottesdienstlicher Funktion und unter staatlicher Aufsicht nicht denkbar. So bleibt ein merkwürdiger Zwiespalt beim Nachdenken über die Notwendigkeit einer solchen Maßnahme, zumal im nächsten Umkreis des Doms sage und schreibe fünf Kirchen und Kapellen für, Andacht, Stille und Gebet zur Verfügung stehen, eine davon als Anbetungs- und Beichtkirche, die andere als Wallfahrtskapelle intensiv angenommen. Der vorgesehene Zelebrationsaltar wird vor dem spätgotischen Geburt-Christi-Altar von zirka 1410, einem der fünf Prunkstücke dieser Gattung im Dom, wie die Faust aufs Auge wirken. Die Veränderung des Bodenniveaus wird zusätzliche Unruhe in diesen sonst stilleren Bereich des Doms bringen, ganz abgesehen von der Umdeutung der kunsthistorischen Wertigkeit des Bauteils als Beginn der Domarchitektur. Die dort in einer Blendarkatur angebrachten spätromanischen Kelchblockkapitelle, wichtige Zeugen für Spoliengebrauch, werden nicht mehr zugänglich und aus der Nähe betrachtbar sein. Ein anderer Baldachinaltar ist durch eine vermutlich überflüssige Planung für eine neue Domorgel gefährdet: der Albertus-Magnus-Altar des Konrad Roritzer von 1473 an der nördlichen Querhausmauer. Die bestehende Domorgel hinter dem Hochaltar ist erst 1989 für zirka sechshunderttauscnd Mark (laut „Mittelbayerischer Zeitung"; nach anderen Quellen 1,5 Millionen Mark) von der bekannten Schweizer Firma Mathis & Söhne mit drei Manualen und 43 Registern neu erstellt worden. Damals konnten die bereits erwogenen neuen Orgelstandorte durch eine konsequente Haltung der Denkmalpflege abgewehrt werden. Der alte unsichtbare Ort mit seinem jeden neuen Besucher überraschenden Effekt hat bis heute seine Aufgabe bestens erfüllt. Jetzt wird plötzlich wieder ein massiver Eingriff in das Dominnere vorbereitet. Als neu geplanter Standort ist die Stirnseite des nördlichen Querarms vorgesehen, fensterlos wegen des dahinter stehengebliebenen romanischen Eselturms. Dennoch ist die Wand gegliedert und bildet den Hintergrund für zwei hervorragende gotische Skulpturen. Gefährdet sind mit dem neuen Orgelstandort diese zwei gotischen Figuren mit ihrem spätestens seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts angestammten Anbringungsort: Es ist der in der Kunstgeschichte nicht ganz unbekannte Christophorus von 1370/1380,-ein Hauptwerk des frühen Parlerischen Einflusses aus Prag mit seiner markanten, fast gnomenhaften Gesichtsbildung und einer noch sanften Körperhaltung. Die noch erhaltene ursprüngliche Farbfassung unter jüngeren Fassungen macht die Figur besonders wertvoll. Zum anderen ist es eine Madonna um 1330 auf gotischer Blattkonsole, ebenfalls durch mehrere Farbfassungen ausgezeichnet und an italienische Vorbilder erinnernd. Sie berichtet von der erstaunlichen, damals herrschenden Stilvielfalt im Vergleich mit der fast gleichzeitigen Marienfigur im Südchor, die, kölnisch beeinflußt, einen ganz anderen Charakter verkörpert. An eine Entfernung der Figuren ist nicht zu denken. Beim Christophorus, zu dem ein gleicher an der Dom-Südfassade außen nach altem Brauch gehört (dem gläubig Ein- und Austretenden gewährte der Anblick eines Christophorus Schutz vor unvorhergesehenem Tod ohne Sakramentenempfang käme eine Entfernung einem groben Verstoß gegen uralte Bildprogramme und einer Versündigung an ortsfester Bauplastik gleich. Ebenso undenkbar ist die Verdeckung dieser Figuren durch einen Orgelprospekt. Wie auftrumpfend und selbstzweckhaft, von einer verselbständigten Kirchenmusik gegen kunsthistorischen Sachverstand durchgesetzt, erscheinen neuere Orgelprospekte in alten Domen: abschreckend und nicht gewöhnungsfähig den romanischen Raum modisch übertönend im Mittelschiff , des Bamberger Doms; vorlaut und ebenso aufdringlich-modisch im Trierer oder im Wormser Dom, alles Schwalbennestorgeln von überdimensionierter Größe. Vermutlich ist den maßgeblichen Stellen in Regensburg bereits nach zehn bis fünfzehn Jahren aus dem Gedächtnis geschwunden, wie eindringlich in den achtziger Jahren des gerade vergangenen Jahrhunderts - damals mit Erfolg - vor einer Verunstaltung des Doms gewarnt wurde. Bei einem marginalisierten Denkmalamt auch in Bayern ist es wohl ein leichtes, solch völlig überflüssige Vorhaben durchzusetzen. Nachvollziehbar könnte sein, daß jeder neue Bischof an seinem Dom wenigstens eine von der „libido aedificandi" (wie es der Pariser Domdekan Petrus Cantor als Zeichen nachlassender Frömmigkeit und Armenpflege schon im zwölften Jahrhundert ausgedrückt hat) gezeugte „Marke" zu setzen pflegt. Es ist nur die Frage, welche. Anscheinend hat in Regensburg die kürzlich erfolgte Umstellung des Bischofstuhls in die Chormitte - böse Zungen behaupten, um den Domspatzen endgültig die Schau zu stehlen - noch nicht gereicht. Der erst 1989 für 45 000 Mark angeschaffte, von Blasius Gerg entworfene Vorgänger steht heute ziemlich funktionslos in der als Statio-Kirche und Diözesanmuseum dienenden Ulrichskirche. Die Andachtskapelle im Südchor wird vielleicht ein ähnlich kurzfristiges Leben führen. Überhaupt scheint die Verfallszeit für Gegenstände der Liturgie und des Kultus immer kürzer zu werden, Bau-Hektik als Ersatz für mangelnde Inhalte? Die staatliche Denkmalpflege in München scheint sich mit allen einsam getroffenen Beschlüssen zur Domveränderung in Regensburg abgefunden zu haben. Ob dasselbe von der Bauforschung am Lehrstuhl für Denkmalpflege der Universität Bamberg, seit Jahren am Regensburger Dom engagiert tätig, befürchtet werden muß, bleibt abzuwarten. Zahlreiche neue Erkenntnisse zur Bau- und Ausstattungsgeschichte des Regensburger Doms sind bereits bekanntgeworden und werden wohl demnächst durch eine große Publikation näher bekannt werden. Sollten aber diese Erkenntnisse für den praktischen Umgang mit dem Regensburger Dom völlig belanglos bleiben, fragt man sich, wozu sie angestellt wurden. Es war eine bemerkenswert behutsame und sorgfaltige Restaurierung des Dominneren in den achtziger Jahren, die gerade diese Bauforschung unter anderem möglich machte. Das alles wird nun durch rabiate Umbauten für Andachtskapellen und durch die neue Orgelplanung in Frage gestellt. Noch könnte größeres Unheil verhindert werden, fänden sich genügend Stimmen, die sich engagiert gegen überflüssige Projekte in einem unserer schönsten gotischen Dome wenden. RICHARD STROBEL Hervorgehobene Passagen sind im Original nicht besonders hervorgehoben! |
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