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Über
Gehorsam und Eid
(Zitate aus: Eugen Drewermann, Kleriker.
München 31992. S. 201-206)
(...) Jede Organisation, jede menschliche Gruppenbildung, steht vor
diesem Problem: Wie entschärft man die jederzeit drohende Möglichkeit, daß
einzelne Mitglieder ihre Mitgliedschaft aufkündigen, wie unterläuft man das Risiko, genauer: die Unzuverlässigkeit einer nur freien, also prinzipiell
revidierbaren Gruppenzusammengehörigkeit? Jede menschliche Gruppe hat zur Lösung dieses Problems den Weg der verinnerlichten Gewalt
gewählt. Es kommt darauf an, die Freiheit des Einzelnen durch sich selber in
eine unauflösliche Zwangsbindung umzuformen, und das kann gelingen wenn man ein jedes der Gruppenmitglieder (zumindest in den tragenden Positionen) nötigt, feierlich zu versprechen und zu geloben, daß es seine Freiheit in alle Zukunft nur als gebundene, entschiedene, als festgelegte
Freiheit aktuieren und aktivieren wird. Der Einzelne muß schwören, auf daß die Allgemeinheit seiner gefesselten Freiheit sicher werde. Nur durch dieses Verfahren des Eides, durch diesen Zwang, den die Gruppe zu ihrer
Selbststabilisierung jedem ihrer beamteten, leitenden Mitglieder auferlegt, glaubt man, das Ekrasit der Auflösung im Herzen eines jeden entschärfen zu können
(...)
Vorausgesetzt ist bei der Institution des eidlichen Treueversprechens, daß die jeweilige Gruppe um ihre eigene Instabilität sehr wohl weiß; sie ist
sich also von vornherein darüber im klaren, daß die Attraktivität und innere
Plausibilität der Gruppenmitgliedschaft an entscheidenden Stellen zu wünschen übrigläßt; und sie kennt zudem die latente Neigung ihrer Angehörigen, sich, wenn es darauf ankommt, aus dem Staube zu machen. Mit anderen Worten: der Eid ist solange notwendig, als es Gruppen gibt, die sich begründen im Status der Angst aller vor der Freiheit des jeweils anderen und die
als Mittel zur Überwindung dieser Angst über nichts anderes verfügen als Fesselung der Freiheit, als den im Schuldgefühl verinnerlichten äußeren Zwang. Damit dieser Zwang nur ja recht wirksam sei, gehört es zum daß für den Fall seiner Übertretung die empfindlichsten Strafen
vorgesehen sind: die Gruppe selber wird über den Eidbrecher als über einen Ehrlosen den Stab brechen, und, damit nicht genug, es wird Gott im Himmel an Seite der strafenden Gruppe über diesen «outlaw» zu Gericht sitzen,
indem er die Gruppenjustiz mit der Weihe seiner ewigen Weisheit umstrahlt. Es ist nicht allein die archaische Selbststilisierung des Gruppenegoisrnus,
die sich bis hin zu mythischen Verklärungen in solchen Denkvorstellungen
ausdrückt (als Beispiel: der Fahneneid der Feldgeistlichen auf ADOLF HITLER
1935 als ein Treueversprechen gegenüber Gott?) - es ist vor allem die Verwandlung Gottes in das unsichtbare Oberhaupt des Clans oder
Stammesverbandes, gegen welche die Kirche Christi ihrem ganzen Wesen nach sich
eigentlich immun zeigen müßte.
Jesus selber hat ausdrücklich den
Eid für für seine Jünger verboten (Mt 5,33-37) und die Urkirche hat sich streng an diese Praxis gehalten (Jak
5,12). Der Grund sollte jedermann evident sein: Wenn das Hauptproblem der menschlichen Beziehungen die Angst ist, so ist es nicht möglich, dieser Herr zu werden, indem man den «Herrgott» zum zusätzlichen Popanz der menschlichen Angst erniedrigt; man totalisiert und
metaphysiziert damit lediglich die Menschenangst, indem man sie ins Göttliche
projiziert, und die Angstmoral, die so entsteht, geht regelmäßig an ihrer eigenen Starre und Gewaltsamkeit im Verlauf der Geschichte zugrunde. Umgekehrt! Indem Jesus die Praxis des Eides als einen unsinnigen Widerspruch zum Wesen Gottes verwarf, wollte er es seinen Jüngern gerade zumuten, daß sie den Mut zur Überwindung ihrer Angst voreinander eben nicht in feierlichen Zwangsversicherungen gegeneinander, sondern allein in der
Ungeschütztheit des Vertrauens zu Gott fänden. Anders gesagt: Gott ist für Jesus das wesentliche Fundament der menschlichen Existenz, um ein Gruppendasein zu ermöglichen, das nicht primär von Angst und Gewalt gekennzeichnet ist; wer dieses Gegenüber menschlicher Angstüberwindung erneut - wie in der Praxis der Eidesleistung - in eine Quelle von Strafangst und Schrecken verwandelt, der löst im Sinne Jesu nicht das Problem der sozialen Angstflucht aller vor allen, sondern der beraubt den Menschen der einzigen Möglichkeit, zu Gott jenes Vertrauen zu fassen, innerhalb dessen das menschliche Zusammenleben seine unmenschlichen Strukturen verlieren könnte.
Es sollte von daher für schlechterdings unvorstellbar gelten, daß eine
Gemeinschaft wie die katholische Kirche, die sich als die heilsnotwendige Institution zur Erlösung der Menschheit begreift, wie alle anderen
menschlichen Gruppenbildungen zu dem Mittel des Eides greift, um sich der
«Treue» ihrer eigenen Mitglieder in den leitenden Ämtern und zentralen
Positionen zu versichern. In jeder anderen Gemeinschaft wäre ein solches
Vorgehen nichts weiter als eine Ironie der Geschichte, in der Kirche Christi ist
es ein tragisches Versagen, wenn sich zeigt, daß in keiner anderen Institution
so viele Eide geschworen werden wie eben in der katholischen Kirche.
Zu reden ist kaum von der Posse, mit der heute
12jährige Mädchen und Jungen in der «Firmung» vor dem Bischof ihrer Diözese ihr(?)
Taufversprechen(?) erneuern(?) müssen: diese, halbe Kinder noch, widersagen «in
feierlicher Form» «dem Teufel und all seinen Werken» und geloben, ihr Leben lang auf die Lehren der Kirche zu hören. Schon SÖREN
KIERKEGAARD bemerkte mit Bezug zur protestantischen Konfirmation bissig, man
solle doch wenigstens den Jungen bei dieser Gelegenheit einen falschen Bart umhängen, damit die Sache immerhin den Anschein von Ernst
bekäme - nicht 100 Dukaten würde man Jugendlichen dieses Alters anvertrauen,
aber über Heil und Unheil sollten sie eidesstattlich sich verbürgen können! Ja,
um den Spaßcharakter der ganzen Veranstaltungen ins rechte Licht zu rücken: Die katholische Kirche traut ihren Mitgliedern so wenig, daß sie
Versprechen eben dieser Art gar nicht früh genug just den Unmündigen abverlangen
zu müssen meint, aus der nicht unberechtigten Sorge heraus, daß wenige Jahr später, gegründet auf Freiwilligkeit, so mancher der Jugendlichen gar nicht mehr zu dem Empfang einer solchen «Firmung» zu bewegen wäre. Nicht Wahrhaftigkeit und existentieller Ernst, sondern die rituelle Feierlichkeit zugunsten der Wahrung des Mitgliederstandes bestimmt die Kirche zu diesem Vorgehen.
Doch das ist nur der allgemeine Stil, die Grundlage von allem anderen. Zu ihrer wahren Pracht entfaltet sich die angstberuhigende Sucht der Kirche nach allen möglichen Eidesleistungen erst auf dem Parcours einer Klerikerlaufbahn: pro Hürde ein Eid, stets geschworen auf die Bibel, in welcher steht: «Du sollst überhaupt nicht schwören» und: «Du sollst den Namen Gottes nicht zum Wahnhaften heben» (Ex
2O,7). Es geht dabei nicht einmal so sehr um den Inhalt der Eidesleistungen - mehr als ein halbes Jahrhundert lang hatten z.
B. die angehenden Priester vor dem Empfang der Diakonatsweihe den geistig monströsen «Antimodernisteneid» abzulegen, der verlangte, so ziemlich allem von Amts wegen zu widersprechen, was bereits im 19. Jahrhundert in Philosophie, Naturwissenschaft, historischer Forschung und Philologie an neuen Erkenntnissen hinzugewonnen worden war; entscheidend ist die Tatsache der Eidesleistung selbst: Priester, Theologiedozenten, Bischöfe - die Kirche kann sich nicht genug tun, ihnen immer neu, am liebsten alle Jahre wieder, die eidesstattliche Versicherung ihrer
unwandelbaren Treue abzunehmen; entsprechende Erklärungen werden Ordensmitgliedern in Profeß und Profeßerneuerungsfeiern
abverlangt. Das System der Einschüchterung geht dabei so weit, daß von
Priestergruppen berichtet wird, die nach ihrem goldenen Priesterjubiläum nach der Ansprache ihres Bischofs mit Tränen in den Augen spontan wie die Kommunionkinder sangen: «Fest soll mein Taufbund immer stehen, ich will
die Kirche hören. Sie soll mich allzeit gläubig sehen und folgsam ihren Lehren. Dank sei
dem Herrn, der mich aus Gnad' in seine Kirch' berufen hat...» Die vollständige
Identifikation mit der Kirche als Vorbedingung, um Gott als Christ zu dienen - wer dahin gelangt, hat den Sinn der Eidesleistungen bis zur
Nichtunterscheidbarkeit in sein Denken aufgenommen.
Das psychische Problem der Institution des Eides liegt freilich nicht allein in
der manifesten kirchlichen Angst, die zu ihrer Selbstberuhigung immer Eidesleistungen bedarf, es liegt für die Kirche selbst entscheidend
darin, daß sie durch diese Praxis sich als Kirche Christi desavouiert und der
Psychodynamik jeder beliebigen anderen Gruppenorganisation, wie dem Staat zum Beispiel, gleichstellt. Statt als Kirche vermenschlichend auf die Apolitischen Gebilde der menschlichen Geschichte einzuwirken,
indem sie wenigstens im Umgang mit ihren eigenen Mitgliedern das Prinzip des Vertrauens zur undiskutierbaren Grundlage erhebt, betrachtet die Kirche es scheinbar als ganz normal, in klarem Gegensatz zu den Worten Jesu, die Logik der Angst in ihren eigenen Institutionen zu verfestigen. Ja, es gelingt ihr, christlich gesehen, das Gaunerstück, daß ein Bischof bei seinem Amtsantritt nicht nur gegenüber der Kirche selbst, sondern auch gegenüber den staatlichen Behörden unter Eid seine Treue geloben muß. Merke: Es taugt zum Wahrer der Wahrheit Christi nur, wer das Zeug hat, ein Staatsbeamter zu werden! Wer nach den Gründen für die bedrückende Staatsloyalität der katholischen Kirche selbst in der Zeit des Dritten Reiches suchen will
- hier kann er sie finden. Anpassung statt Erlösung, Überleben statt Bekennen - der Eid unterhöhlt, ob man es wahrhaben will oder nicht, den Charakter der Kirche selbst.
Und er unterhöhlt den Charakter derer, die ihn leisten. Die Perfidie des
Eides liegt darin, daß er, in der Gegenwart gesprochen, die Ungewißheit menschlicher Zukunft zum Planbaren, Kontrollierbaren, zum
pflichtweise Vorhersagbaren erklärt. - Wir haben bereits gesehen, wie die Anordnungen
der katholischen Kirche das Leben ihrer Kleriker von allen Seiten einkesselt:
die räumliche Bewegungsfreiheit wird eingeengt durch die Kleidung (von dem Gelübde der «Ortsgebundenheit» mancher Orden einmal ganz
abgesehen); die gegenwärtige Zeit wird eingeengt durch den geheiligten Stundenrhythmus
kanonischer Gebete; die vergangene Zeit wird eingeengt durch die Kontaktbeschränkung gegenüber den eigenen Angehörigen; es tritt jetzt,
als Letztes und Endgültiges die Festlegung aller zukünftigen Zeit hinzu: Um
die Zukunft der Institution zu garantieren, muß der Entwicklungsfreiheit des
Individuums die Zukunft genommen werden. Durch den Eid hat der Einzelne sich selber zur seelischen Permanenz des Status quo zu verurteilen - er hat in allen Zeiten so zu bleiben, wie er jetzt ist; er darf zwar altern, aber er darf sich nicht verändern; es mag ihm im künftigen Leben begegnen, was will - er hat jede Art von Erfahrung nach dem Schema zu interpretieren, in dem er angetreten ist, und dieses Verbot persönlicher Entwicklung, diese Negation lebendiger Zukunft, diese moralische Zwangsdetermination der Zukunft bildet das flagrante Unrecht, das psychisch dem Einzelnen durch die Institution des Eides zugefügt wird. Von keinem Auto, von keinem mechanischen Gerät läßt sich versprechen, daß es in fünf Jahren noch betriebsgerecht funktionieren wird - nicht einmal bei sorgfältigem Prüfungs- und Wartungsdienst; von fühlenden, denkenden Menschen aber soll garantiert werden können, daß sie in entscheidenden Fragen ihres Lebens auch in 50 Jahren noch genau so fühlen und denken werden wie heute!
Der Eid in der Kirche ist die klarste Manifestation der Angst, des psychischen Drucks und der inneren Doppelbödigkeit des Standes, der ihm unterworfen ist: der Kleriker selbst. Mit dem Eid verschließen sie sich die einzige Richtung, in die hinein es auch für sie so etwas geben könnte wie Reifung und Entwicklung, wie wachsende Vermenschlichung und sich entfaltende Integration. Mit dem Eid endgültig beginnt das Leben fertiger Beamter - ein hermetisches Getto ohne den geringsten Fluchtraum.
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