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Süddeutsche Zeitung, 22.11.2008 Die Kraft des Anstößigen Von Matthias Drobinski Im Jahr 1943 feierte die Schar der vor Hitlers Schergen geflohenen deutschen Schriftsteller in Kalifornien Alfred Döblins 65. Geburtstag, und mitten ins Fest hinein bekannte Dublin, dass er, der jüdische Intellektuelle, zum Christentum, zum Katholizismus gar, übergetreten sei. Bertolt Brecht beschrieb den „peinlichen Vorfall" so: „Da betrat der gefeierte Gott die Plattform / die den Künstlern gehört / Und erklärte mit lauter Stimme / Vor meinen schweißgebadeten Freunden und Schülern / Dass er soeben eine Erleuchtung erlitten habe und nunmehr / Religiös geworden sei und mit unziemlicher Hast / Setzte er sich herausfordernd einen mottenzerfressenen Pfaffenhut auf / Ging unzüchtig auf die Knie nieder und stimmte / Schamlos ein freches Kirchenlied an, so die irreligiösen / Gefühle / seiner Zuhörer verletzend, unter denen / Jugendliche waren." Unverhofft war die Religion in diese Runde eingebrochen, empörend unkontrolliert und unzüchtiger als jeder noch so tiefe Ausschnitt; heute würde man sagen: extrem uncool. Das Erschrecken der kleinen, dem Muff des religiösen Zwangs entflohenen Gruppe im amerikanischen Exil ist in Deutschland auf dem besten Weg, zum Mehrheitsgefühl zu werden. Gut 60 Prozent der Bundesbürger sind noch Mitglied einer christlichen Kirche, gaben die Kirchen diese Woche bekannt; zur Zeit der Wiedervereinigung waren es um die 70 Prozent. Und wenn die Entwicklung so weitergeht, wie es die Planer in den Ordinariaten und Kirchenämtern selber berechnen, dann wird es in zwanzig Jahren ungefähr so viele Christen wie Nichtchristen im Land geben: So gesehen gibt es die Wiederkehr des Religiösen nicht. Der Osten und einige Landstriche im Norden, Millionenstädte wie Hamburg und Berlin werden überwiegend von Menschen bewohnt sein, die keinen engeren Kontakt zu einer Kirche haben. Ob die großen Kirchen ihren rechtlichen Status behalten, dürfte mit neuer Brisanz diskutiert werden - und auch, ob sie dann noch in gleicher Zahl Kindergärten und Schulen, Sozialstationen oder Krankenhäuser werden unterhalten können. Hausgemachter Buddhismus Innerhalb der schwindenden Mehrheit weckt diese Entwicklung Ängste. Es droht etwas verlorenzugehen, nicht nur die wirtschaftliche Stabilität, sondern auch die kulturelle Homogenität - und interessanterweise spüren besonders häufig jene diesen Verlust, die nicht unbedingt an jedem Sonntag in die Kirche gehen. Der Islam, so heißt es dann oft, stößt in die Lücken, die das Christentum lässt, mit seinem Eifer, seinem Missionsdrang, seiner hohen Kinderquote. Oder der Esoterikmarkt mit hausgemachtem Buddhismus und Kristallkugeln. Da immerhin sagt die Statistik etwas anderes: Egal wie weit sie schrumpfen, die christlichen Kirchen werden die mit Abstand größten Institutionen in Deutschland bleiben. Die Zahl der Muslime wird zunehmen, doch der Islam wird eine Zuwanderer- und Minderheitenreligion bleiben, der gleichwohl seinen Platz in Deutschland haben wird. Die Zahl der Buddhisten oder Esoteriker aller Art ist dagegen nicht gestiegen: Ein paar Bucherfolge machen noch keine Religion. Nicht einmal bei den bekennenden Atheisten boomt das Geschäft. Wer aus der Kirche austritt oder gar nicht erst in sie eintritt, ringt nicht um Gott und verneint ihn dann bewusst, wie das Atheisten tun. Der moderne Religionslose hat Gott einfach vergessen. Er ist ihm egal geworden. Das könnte eine beruhigende Botschaft sein: Religiöse Fundamentalismen sind in einer solchen Gesellschaft nicht mehrheitsfähig, sie sind auch nicht politikfähig wie in den Vereinigten Staaten, wo jeder Präsident sich gefälligst in irgendeiner Kirche zu zeigen hat. In einer säkularen Gesellschaft bedrängt Religion nicht mehr, wie sie es bis in die fünfziger Jahre hinein getan hat. Und wo sie bedrängend wird, da droht zum Glück das Strafgesetz: Die Freiheit von der Religion ist ein so hohes Gut wie die Freiheit zur Religion. Trotzdem fehlt etwas, wenn es immer weniger Christen gibt. Es verschwinden die kollektiven Erfahrungen der Ministrantenzeit und der Konfirmationsfreizeiten. Es verblassen die Kraft der evangelischen Kirchenlieder und der katholischen Heiligengeschichten; es fehlen Menschen, die sich um Alte, Kranke, Arme kümmern, denn dieses Engagement ist nirgendwo sonst mehr zu Hause als in den christlichen Kirchen. Es verschwinden die Erfahrungen gemeinsam verbrachter Sonn- und Feiertage; nur Weihnachten scheint den Sprung zum allgemein anerkannten zivilreligiösen Fest zu schaffen. Es werden die Gegenentwürfe zu einem aufs Nächstliegende, Nützliche und ökonomisch Verwertbare hin orientierten Leben seltener. Was die Gesellschaft zusammenhält, ist knapp und wertvoll geworden. In den Kirchen lebt viel allzu Menschliches, aber auch viel von diesem knappen Gut. Das Elend des Übermenschen Der Wert des Religiösen liegt aber tiefer als diese Ebene. Er liegt in der uncoolen Kraft des Transzendenten, von dem Brecht so peinlich berührt war. Der Glaube ist schamlos, unziemlich, unzüchtig und frech: Da lässt sich einer von Gott berühren und verliert die Kontrolle, die Macht über sich und andere. Er lässt alle Konventionen fahren und sinkt auf die Knie in einer geradezu erotischen Pose. Der Gläubige ist sich nicht mehr selber letzte Instanz, er muss nicht mehr alles kontrollieren und selber, alles richtig machen, er kann sich mit seinen Macken vor die höhere Instanz werfen, die vertraut und fremd, nah und fern zugleich ist. Der Gleichgültige ist cool, er wahrt den Abstand und lebt aus den Insignien der Konvention, der Macht, des Geldes. Wer sich berühren lässt vom Transzendenten, lernt die Extase und die Trauer, die Liebe und das Mitleid. Friedrich Nietzsche, unter den Atheisten der beste Kenner des Religiösen, hat sich an diesem Schamlosen der „Mitleidsreligion" Christentum gestoßen. Er hat dagegen den Übermenschen gesetzt, der sich selbst zum Maßstab macht, eine furchtbare Mischung aus Allmachtsphantasie und endloser Selbstkontrolle. Wie menschlich wirkt dagegen der verarmte Dichter Döblin, der fröhlich und frech ein Kirchenlied anstimmt, zum Schrecken seiner Dichterfreunde. Das Uncoole könnte also die wahre Kraft des Christentums in einer cool sich säkularisierenden Welt sein - als Minderheit mit Zukunft, egal, wie sich die Mitgliederzahlen entwickeln. Nur leider trauen die Kirchen selber nicht so recht dieser Kraft. Sie sehen sich noch zu oft als Institution und nicht als Trägerinnen des unerhört Transzendenten; ihre Vertreter sind Hüter der Konvention und nicht Vordenker des Unkonventionellen. Das macht das Angestrengte aus, wenn zum Beispiel die evangelische Kirche wahlweise fordert, den Buß- und Bettag wieder zum Feiertag zu machen oder den Reformationstag, als könne man ihn so aus der Gefangenschaft des kürbisköpfigen Halloween befreien. Ein gesetzlicher Feiertag soll helfen, die Erosion des Christlichen zu stoppen - das wird mit einiger Sicherheit scheitern. Weil das der eigentlichen, unerhörten Kraft des Religiösen nicht traut. ¦
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