Home Nach oben Impressum "Pipeline" Ermutigende Texte Kritische Texte Termine Rückblick Links

 

Stuttgarter Zeitung - 10.11.2004

Kirchenkampf im Bistum Regensburg
Der Oberhirte bringt seine Schäfchen auf Linie

Von Michael Trauthig, Regensburg

Der Bischof des Bistums Regensburg, Gerhard Ludwig Müller, räumt mit eisernem Besen seine Diözese auf. Der stramm konservative Geistliche nimmt Kritiker und Kirchenreformer ins Visier. Sein jüngstes Opfer ist ein Liturgieprofessor. Doch weitere Konflikte zeichnen sich ab.


Hoch zu Ross: Bischof Gerhard Ludwig Müller beim Kötztinger Pfingstritt

Die Zeremonie könnte ein Gottesdienst sein, eine Demonstration oder ein Symbol für die tiefe Spaltung der katholischen Kirche. Doch vermutlich trifft hier im Wirtshaus Schmalhofer rund 30 Kilometer vor den Toren Regensburgs alles zu: Auf der Bühne des Gastraumes, in dem früher die örtliche Laienspieltruppe Volkstümliches zum Besten gab, leitet ein schwarz gewandeter Mann die Liturgie. Während im Hintergrund das Geschirr klappert, bereitet August Jilek vor etwa fünf Dutzend Besuchern das Abendmahl vor. "Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler", sagt der 55-Jährige. Solchen göttlichen Zuspruchs bedarf er wohl angesichts des jüngst gegen ihn verhängten Banns.

Denn kirchliche Räume sind für den geweihten Diakon inzwischen Sperrgebiet, was das unpassende Ambiente erklärt. Vor kurzem hat Bischof Gerhard Ludwig Müller dem Liturgiewissenschaftler aber auch die Lehrerlaubnis entzogen. "Ich bin ins Mark getroffen", sagt der charmante Österreicher. Beruflich fällt der unkündbare Professor zwar weich, aber seinem Einsatz für Reformen im Gottesdienst fehlt nun der Boden. Auch deshalb macht die Basis mobil, sammelt Unterschriften. Ein Pfarrer hat an Würdenträger siebzig Briefe verschickt. Die Kirchenvolksbewegung protestiert. Und die Christen, die sich im Gasthaus von Jilek weiterbilden lassen, sind solidarisch. In einer Umfrage sagen fast alle, sie wollten auch künftig von dem Kirchendissidenten unterrichtet werden.

Hoffnung, dass solches Engagement fruchtet, hat Jilek aber nicht. Dazu ist der Theologe zu sehr Realist. Dafür hat sein Gegenüber sich zu sehr als Hardliner profiliert. Müller wird mittlerweile mit dem früheren Fuldaer Bischof Johannes Dyba in einem Atemzug genannt. Er gilt als erzkonservativ wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner. "Und die Konservativen haben mich immer als unkatholisch beschimpft", sagt Jilek. Trotzdem konnte der ausgebildete Pastoralreferent fast 15 Jahre lang weitgehend unbehelligt in der flächenmäßig größten Diözese Bayerns wirken. Erst mit Müllers Amtsantritt wurde das Klima frostiger, häuften sich die Konflikte. Jilek ergriff dabei durchaus polemisch Partei für in Ungnade gefallene Priester. Dann dachte der Professor öffentlich über den Kirchenaustritt nach und lieferte so dem Ordinariat den Vorwand zum Bann. "Mich hat empört, dass die Kirche im 21. Jahrhundert so mit verdienten Pfarrern umspringt", sagt Jilek über sein Gedankenspiel.

Sein Urteil entspringt nicht nur der Enttäuschung, es wird von vielen geteilt. "Der Bischof polarisiert und grenzt aus", sagt auch ein Beobachter über den seit zwei Jahren amtierenden Oberhirten. Warum? Darüber wird gerätselt. Manche halten den Theologen schlicht für den "Ayatollah von Regensburg". Andere mutmaßen, Müller strebe höhere Weihen an. Er wolle sich mit seinem harten Kurs dem Vatikan empfehlen. In der Diözese heißt es auch, der 56-Jährige müsse aufräumen, damit Kardinal Josef Ratzinger bald auf seinem Anwesen hier den Ruhestand genießen könne. Unvorstellbar? Nicht in dem oberpfälzischen Bistum. Schließlich trägt der Kirchenkampf dort viele absurde Züge.

Da wäre etwa der Fall des Bad Abbacher Pfarrers Siegfried Felber. Der sollte vorzeitig in Rente geschickt werden, weil er mit Fladenbrot Eucharistie feierte. Das widerspricht wohl Müllers Vorstellung von ritueller Exaktheit. Der Priester garantierte, nach einem Rezept der spanischen Bischofskonferenz gebackenes Brot zu nehmen. Danach durfte er regulär in Pension gehen. Nicht weniger skurril wirkt, dass den von Rom abgespaltenen Altkatholiken das lange gewährte Asyl in einer katholischen Kapelle gekündigt wurde oder dass Müller einen Priester aus dem Steuerrat des Bistums entfernte. Der Pfarrer hatte für einen anderen Theologen demonstriert. Nach einer Reueerklärung und Bewährungsfrist soll er aber in das Gremium zurückkehren. Dem Muster von Umkehr und Unterwerfung folgten auch andere scheinbar verlorene Söhne: ein kreuz-katholischer Informatikprofessor etwa, den der Oberhirte erst wegen angeblicher Sympathie für kirchenfeindliche Kreise als Vorsitzenden des Dekanatsrats abgesetzt hatte.

Eine bizarre Tragikomödie hat die Geistlichkeit auch im Falle Hans Trimpl aufgeführt. Der schmächtige 61-Jährige wirkt nicht wie ein Kämpfer oder Rebell. Er gehört aber wie viele, bei denen Müller Verrat wittert, dem Aktionskreis Regensburg (AKR) an. Diese Gruppe kirchlicher Altachtundsechziger pflegt vor allem das Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils und gibt dafür ein unscheinbares Heftchen heraus. Das findet nur einige hundert Leser, erfreut sich aber wohl im Bischofsbüro einiger Aufmerksamkeit. Dort entdeckte man eine krakelige Karikatur, die einen Bischof vor einer Guillotine zeigte. Müller wähnte sich als Henker diffamiert. Und das kann sich ein Bischof - künstlerische Freiheit hin oder her - eben nicht bieten lassen.

So musste Trimpl, obwohl er die Zeichnung für falsch hielt, als Mitverantwortlicher im Impressum den Kopf hinhalten. Das bewährte Krisenmanagement folgte, führte aber diesmal wegen einer Gardinenpredigt des Bischofs nicht zu dem gewünschten Ergebnis. Der nannte nämlich die Renitenten öffentlich "Wölfe im Schafspelz", "Heuchler" und "Pharisäer" und brachte wiederum Trimpl gewaltig in Rage. Der Priester zog wegen einer Unterlassungserklärung gegen den Bischof vor den Kadi, verlor aber den Prozess und hernach auch seine Pfarrei in Oberalteich. In der Barockkirche dort steht jetzt ein fernsehbekannter Kräuterpater am Altar und sagt: "Ich will die Wunden in der Gemeinde heilen." Die Pfarrei zerfällt in zwei Lager. Traditionsbewusste freuen sich über mehr Rosenkranzgebete. Junge wenden sich ab. "So ein guter Seelsorger wird suspendiert, Kinderschänder aber versetzt man bloß", sagt einer aus der Kirchenverwaltung.

Das Gegrummel kann Müller kaum beirren. Denn der Geistliche folgt einer Mission. Er will die Kirche einen, ihr Profil schärfen, der Beliebigkeit wehren. Der Oberhirte bringt seine Herde auf Linie. "Ich bin nicht Direktor einer Folklorebewegung", sagt der Freund klarer Worte. Wenn Kritiker deshalb ein Klima der Angst in der Diözese sehen, dann hält Müller dies für ein Zeichen des Unverständnisses gegenüber der Kirche.

"Der Bischof kehrt nicht mit eisernen Besen", verteidigt ihn auch sein Sprecher Dominik Wanner. Müller wirkt auch auf Außenstehende nicht gleich wie ein Scharfmacher. Der gebürtige Mainzer tritt bei zahllosen Besuchen in Schulen, Altenheimen oder Pfarreien gewinnend auf. Dann schlägt dem Theologen oft Verehrung entgegen - so wie auf dem Adlersberg. Hoch über der Domstadt feiert die Pfarrgemeinde Pettendorf die Wiedereröffnung ihres in frischem mintgrünem Putz erstrahlenden Gotteshauses. Die örtlichen Honoratioren vom Sparkassendirektor bis zum Bürgermeister geben sich die Ehre. Das Jugendorchester bläst den Marsch, und die Schützenvereine stehen Spalier. Die Festtagsstimmung verbietet jede Miesmacherei. "Der Bischof ist ein netter Mann", sagt ein 52-Jähriger im Trachtenanzug, der offenbar nichts weiß oder nichts wissen will. "Ich kenne keinen, der Probleme mit Müller hat." Eine Seniorin legt auch die gewünschte Demutshaltung an den Tag: "Wenn der Bischof harte Maßnahmen ergreift, wird das schon seinen Grund haben."

Der Gelobte fährt im Siebener-BMW vor. Herrisch erscheint er zunächst nicht, sondern freundlich, bescheiden, fast schüchtern und unbeholfen. Geduldig lauscht der Oberhirte einem Kindergedicht, malt Jungen das Kreuzzeichen auf die Stirn. Aber die Gesten wirken nicht spontan, sondern kontrolliert, auf Wirkung bedacht. Und die Predigt spricht Klartext, bläut zentrale Kirchenlehren wie Wunderglaube oder Marienfrömmigkeit ein und zeichnet Feindbilder. Das Credo des Hirten ist klar: Beim Glauben gibt es nur richtig oder falsch, Ja oder Nein, aber keine Kompromisse. Eine Gottesdienstbesucherin, die ihn zum ersten Mal hört, sagt erschrocken: "Der kommt mir vor wie ein Diktator."

 

 

 


Mail an den AKR