Evangelisches Sonntagsblatt in Bayern - 07 / 18.02.2007

"Es genügt, wenn ich das sage"
Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller könnte nach München wechseln

Von Christian Feldmann

Bischof Gerhard Ludwig Müller, Oberhirte in Regensburg, hat offenbar Chancen, Nachfolger von Kardinal Wetter in München zu werden. Der Bischofsstuhl von München-Freising gilt als wichtigster katholischer Bischofssitz in Bayern. Ermutigt wird Müller durch positive Signale aus Rom.
Der richtige Mann für den Ökumenischen Kirchentag in München? Bischof Gerhard Ludwig Müller aus Regensburg.

Es war einmal, vor mehr als vier Jahrzehnten, ein Konzil in Rom, das präsentierte der staunenden Welt eine katholische Kirche, die sich nicht mehr als Pyramide versteht: oben der Papst, in der Mitte die Bischöfe, weiter unten die Priester und unten das Fußvolk der Laien. Nein, ab sofort pilgerte man mehr oder weniger geschwisterlich als Gottesvolk durch die Geschichte, und das Konzil forderte die Laien ausdrücklich zur Mitverantwortung auf. Es war eine tief greifende Reform: Räte - Priesterräte, Pfarrgemeinderäte - sollten den Geistlichen zur Seite stehen, beratend, aber durchaus auch mitentscheidend.

Es war einmal, vor mehr als dreißig Jahren, eine Synode der deutschen Bistümer in Würzburg, die dieses wieder entdeckte synodale Prinzip in der Kirche auf konkrete Füße zu stellen suchte und die "Diözesanräte" als Laienvertretung auf Bistumsebene erfand. Diese sanfte Revolution wurde Ende 2005 handstreichartig in einer einzigen deutschen Diözese zurückgenommen - und der Verdacht scheint sich zu bestätigen, dass das Vorgehen des Regensburger Oberhirten ein Testlauf war: Denn Bischof Gerhard Ludwig Müller bekam jetzt von der obersten römischen Kurienbehörde bescheinigt, dass man ihm "sehr dankbar" für seine Maßnahmen sei; die dabei gemachten Erfahrungen möge er doch bitte in die Bischofskonferenz einbringen - wo er allerdings bisher keinen einzigen Unterstützer für seinen Alleingang fand.

Aber der Reihe nach: 2002 ernannte Johannes Paul II. den Münchner Dogmatik-Professor Gerhard Ludwig Müller (55) zum Bischof der Grenzland-Diözese Regensburg. Hier ist die katholische Welt noch ziemlich in Ordnung, Kirchenbesuch und Priesternachwuchs sehen erheblich besser aus als anderswo, und das innerkirchliche Protestpotential hält sich in Grenzen.
Doch Müller schaffte es binnen kurzer Zeit, friedliche Pfarrangehörige, im Dienst ehrenvoll ergraute Priester und engagierte Laienmitarbeiter gegen sich aufzubringen. Über ein paar Karikaturen in einem vom "Aktionskreis Regensburg", dessen Mitglieder vorwiegend geistliche Herren im Pensionsalter sind, herausgegebenen Mitteilungsblatt, ärgerte er sich so, dass er zwei der Herausgeber in einer Predigt als "Wölfe im Schafspelz" brandmarkte, die nichts von der Heiligen Schrift verstünden und vor denen die Herde geschützt werden müsse. Als sich einer der beiden die öffentliche Kritik nicht gefallen ließ und ein weltliches Gericht anrief, suspendierte ihn Müller vom Priesteramt (was er einige Monate später wieder zurücknahm).

Dem Regensburger Liturgiewissenschaftler August Jilek, der den suspendierten Priester kirchenrechtlich beriet und es auch noch wagte, beim "Aktionskreis Regensburg" einen Vortrag zu halten, entzog Müller die Lehrerlaubnis. An das vorangegangene Gespräch im Bischöflichen Ordinariat erinnert sich der Liturgiker wie an eine Begegnung der dritten Art: "Grüß Gott, Herr Professor", so sei er begrüßt worden, "Sie wissen schon, dass Sie jetzt nicht den Hausmeister treffen, sondern den Bischof von Regensburg!" Dem verdatterten Theologen erläuterte Müller, kirchliche Reformgruppen wendeten ihm gegenüber schlimmere Methoden an als einst die Nazis gegenüber den Bischöfen, und dann trügen sie alles an die Medien und dort werde eine Kampagne gegen ihn inszeniert.

Auf die wiederholte Aufforderung, sich vom "Aktionskreis Regensburg" zu distanzieren, weil er kirchenfeindlich sei und die bischöfliche Verfassung der Kirche untergrabe, entgegnete Jilek, nach kanonischem Recht müsse Müller solche Vorwürfe erst einmal belegen. Darauf der Bischof Müller: "Es genügt, wenn ich das sage!"

Ein weiterer Herausgeber des Blättchens mit den Karikaturen, kurz vor der Pensionierung stehend, handelte sich Müllers Zorn ein, weil er ein konfessionsverschiedenes Paar getraut hatte, ohne die vorgeschriebene Genehmigung des Ordinariats vorweisen zu können, bei der Eucharistie Fladenbrot verwendete und der kritischen Bewegung "Wir sind Kirche" Räume in seinem Pfarrzentrum zur Verfügung stellte. Der Bischof kürzte ihm die Pensionsansprüche um 600 Euro (nahm aber auch diese Strafmaßnahme später nach einer angeblichen Unterwerfungserklärung des Pfarrers zurück, an die sich dieser freilich nicht erinnern kann).

Müller nahm einem Dekanatsratsvorsitzenden sein Amt - kirchenrechtlich strittig, weil er gewählt und nicht vom Bischof ernannt war -, ebenfalls wegen seiner Nähe zu "Wir sind Kirche". Er stieß die Protestanten in der traditionsgemäß von einem guten ökumenischen Klima geprägten einstigen Freien Reichsstadt Regensburg vor den Kopf, als er nach der Fronleichnamsprozession auf den Domstufen zum Thema Interkommunion Stellung nahm und schroff erklärte, die katholische Kirche werde sich in ihr Eucharistieverständnis nicht von "Krethi und Plethi" dreinreden lassen.

Dabei ist Gerhard Ludwig Müller kein erzkonservativer Haudegen mit Fundi-Touch wie sein Kölner Amtsbruder Meisner oder wie es die grandios gescheiterten vatikanischen Fehlbesetzungen Krenn in St. Pölten, Groer in Wien oder Haas im schweizerischen Chur waren. Es war Müller, der die Regensburger Stadtgesellschaft im Protest gegen Neonazis einte, als der CSU-Oberbürgermeister sich zierte, nein, mit PDS-lern zusammen gehe er auf keine Demo. Müller persönlich führte eine machtvolle Gegendemonstration an und wetterte gegen die Hassparolen der Neo-Braunen. Als die knallrote "Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes" konsequente Schritte forderte, die NPD doch endlich zu verbieten, gehörte Müller zu den Erstunterzeichnern - neben Hannelore Elsner und PDS-Sympathisant Peter Sodann.

Gegen die Bereicherungsmoral von Managern und die mörderischen Folgen der Globalisierung predigt der Regensburger Oberhirte, als sei er Pfarrer einer Basisgemeinde im Amazonasdschungel - und tatsächlich hat er viele Urlaube in Peru verbracht, wo er in armseligen Hütten auf dem Boden schlief und demütig bei der Seelsorge mithalf. Zu seinen Freunden gehört der aus Peru stammende "Vater der Befreiungstheologie", der einst von Kardinal Ratzinger disziplinierte Gustavo Gutiérrez, mit dem zusammen Müller ein aufrüttelndes Buch "An der Seite der Armen" geschrieben hat. Befreiungstheologie sei keineswegs eine "religiös drapierte Soziologie", stellt Müller klar, sondern Ausdruck des leidenschaftlichen Glaubens an einen Gott des Lebens und des Protests gegen die Entwürdigung des Menschen.

Nein, die Probleme, die Müller mit Pfarrern, Religionspädagoginnen, Laienvertretern und Journalisten hat, sind in seiner Persönlichkeit begründet. Müller ist ein intellektuelles Schwergewicht, strotzt vor Selbstbewusstsein ("Ich bin 1,95 Meter groß und passe in keine Schublade") und vermag doch mit Kritik nicht umzugehen. Seit er den Bischofsthron bestiegen hat, beklagt er sich regelmäßig über - wörtlich - "Schmähungen", "Beleidigungen", "Verunglimpfungen", "Hasstiraden" und "menschenverachtende Pöbelei" von Mitbrüdern, droht mit Amtsenthebung, verlangt Entschuldigungen und Unterwerfungserklärungen.

Drohgebärden eines Hilflosen? Muskelspiele aus tief eingewurzelter Angst? Verfolgungswahn eines Unsicheren, der bei jeder Gelegenheit betont, er sei kein "Direktor einer Folklore-Bewegung" oder "Operettenschauspieler", sondern Nachfolger der Apostel? Manager, Schulleiterinnen, Diakonie-Strategen haben Supervisoren, die Konflikte entschärfen, den Ursachen der gegenseitigen Verletzungen nachspüren, Verhaltensänderungen einüben. In der Politik gibt es Vermittlungsausschüsse. Bischöfe sind einsam. Sie schreiben Rechtfertigungsbriefe nach Rom oder berufen sich - wie Müller - auf das "göttliche Recht", sprich auf die unbeschränkte eigene Machtvollkommenheit, wenn es Probleme gibt.

Das massivste dieser Probleme setzte Müller 2005 ganz allein in die Welt: Er schaffte den Diözesanrat und die Dekanatsräte ab und ersetzte die Gremien durch einen Pastoralrat mit beratender Funktion, dessen Laienmitglieder nicht gewählt, sondern vom Bischof berufen werden, sowie durch ein "Diözesankomitee" aus Vertretern der Verbände und geistlichen Gemeinschaften. Die harmlos klingende Begründung: So lasse sich die Gremienarbeit bündeln, effektiver machen und spirituell vertiefen.
Römische Schützenhilfe an Maria Lichtmess

Kurz zuvor hatte Bischof Müller bereits die Wahlordnung für Pfarrgemeinderäte geändert: Katholiken, die "nicht im Einklang mit der Lehre und den Grundsätzen der katholischen Kirche stehen", sollten das passive Wahlrecht verlieren bzw. vom Bischof aus dem Pfarrgemeinderat ausgeschlossen werden können.

Vergeblich hatten ihn mehrere Bischofskollegen gewarnt, für solche grundsätzlichen Änderungen gebe es keinen Handlungsbedarf. Kein einziger deutscher Bischof folgte Müller. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Müllers Doktorvater Kardinal Lehmann aus Mainz, nannte die Neuordnung der Laiengremien einen "echten Rückschritt", den man hoffentlich wieder korrigieren werde. Der Münchner Kardinal Friedrich Wetter, als Metropolit der Bayerischen Bischofskonferenz so etwas wie ein Primus inter pares, ging klar auf Distanz.

Am deutlichsten äußerte sich der ehemalige Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken und einstige bayerische Kultusminister, Professor Hans Maier: "Wer als Bischof nicht integriert, der ist fehl am Platz", erklärte Maier entnervt nach ein paar vergeblichen Vermittlungsversuchen. Müller sei als Wissenschaftler ein anregender Gesprächspartner, "aber nicht jeder Universitätsgelehrte ist für ein öffentliches Amt in der Kirche geeignet."

Aus Rom kamen indes merkwürdige Signale: Die vatikanische Kleruskongregation, für Probleme mit Laien überhaupt nicht zuständig, lobte Müllers Maßnahmen. Papst Benedikt XVI., als einstiger Regensburger Theologieprofessor über die dortigen Probleme bestens informiert, vermied bei seinem Heimatbesuch im letzten Herbst jede Äußerung zu dem Konflikt, aber auch jede Begegnung mit Laienvertretern.
Am interessantesten an der römischen Schützenhilfe für Müller ist der gewählte Zeitpunkt: Am Fest Mariä Lichtmess, 2. Februar, gab der 79-jährige Münchner Kardinal Friedrich Wetter, Deutschlands dienstältester Bischof, seinen Amtsverzicht bekannt. Als Favoriten für die Nachfolge auf dem wichtigen Münchner Bischofsstuhl gelten der sehr konservative, aber still und geschickt agierende Bamberger Erzbischof Ludwig Schick und der erst kürzlich von Eichstätt nach Augsburg gewechselte Walter Mixa, ein scharf formulierender Hardliner. Auch originelle Namen tauchen im Kandidatenkarussell auf: Notker Wolf - Abtprimas des Benediktinerordens aus dem Allgäu, ausgesprochen telegen und Hobby-Rockmusiker -, Josef Clemens - einst Chauffeur des Kardinals Ratzinger und jetzt Sekretär des Päpstlichen Rates für die Laien - und Georg Gänswein, päpstlicher Privatsekretär mit sehr männlicher Ausstrahlung und Nähe zum Opus Dei.

Doch der eigentliche Kronprinz des Vatikans für die Wetter-Nachfolge sei Gerhard Ludwig Müller, meldet die BILD-Zeitung. Er taucht plötzlich wieder in den Kandidatenlisten auf - unter anderem mit dem Argument, als Ökumene-Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz sei er der richtige Mann, den ökumenischen Kirchentag in München auszurichten.

Als Indiz für eine baldige Beförderung Müllers - sei es nach München, sei es nach Rom oder auf einen Nuntiaturposten - werten Insider die jetzt überraschend bekannt gegebene Ernennung eines Weihbischofs für Regensburg. Bisher hatte Müller immer erklärt, er brauche keine Hilfsbischöfe, sondern mehr Priester. "Ich habe hundert Priester zu wenig und zehn zu viel", ließ er sarkastisch verlauten. Mit den zehn meinte er seine Kritiker.

 

 

 


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