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Der neue Tag 08.07.2004
Auf ein Wort:
schade!
Zum Interview mit Bischof Gerhard Ludwig und
der folgenden Diskussion schreibt ein Amberger Diplom-Psychologe und
Diplom-Theologe:
Wenn ich die vielen Zeilen rekapituliere, die
mit und seit dem Interview mit Bischof Gerhard Ludwig Müller und den
nachfolgenden Leserbriefen in dieser Zeitung aufgewendet wurden, dann ist meine
Reaktion in ein einziges Wort zu fassen: Schade! Schade, dass so viel Platz
nicht mit Wesentlicherem gefüllt wird. Da hat man eine ganze Seite für ein
Interview zur Verfügung, und dann läuft nur das Gleiche ab, was in letzter
Zeit immer wieder die Zeitungsspalten füllt - öffentlicher Schlagabtausch oder
weniger prosaisch: vor den Augen der Öffentlichkeit schmutzige Wäsche waschen!
Müssen wir es in der Kirche wirklich jedem Provinzverein nachmachen, der
unfähig ist, seine Querelen innerhalb der Vorstandschaft und unter den
Mitgliedern intern zu regeln? Wem nützen solche Medienkämpfe?
Am wenigsten jedenfalls der Gemeinschaft, in
deren Namen und Geist jede Seite zu kämpfen meint. Haben wir in der Kirche
nichts Wichtigeres mitzuteilen? Schade, dass man diese Zeilen nicht genutzt hat,
um zu zeigen, wie man im christlichen Geist miteinander umgeht, auch wenn man
unterschiedliche Standpunkte hat. Stattdessen werden Menschen mit so
verächtlichen Worten wie "niederstes intellektuelles und moralisches
Niveau" charakterisiert. Schade, dass der Eindruck erweckt wird, als ob
Einheit nur mit äußerem Druck, Machtanspruch und Unterdrückung aller
Verschiedenheiten erreicht werden könnte.
Wenn jemand für sich in Anspruch nimmt, für
eine so genannte Einheit in welchem Geist auch immer zu kämpfen, dann ist mir
eher bange. Man muss kein Historiker sein, um mit sehr, sehr ungutem Gefühl auf
all die Auseinandersetzungen zurück zu schauen, die im Namen von Einheit und
Sicherung der Einheit gefochten wurden. Zu viel Leid, Opfer und Unfrieden sind
dadurch erst entstanden.
Warum kann man nicht zu der Größe finden, die
daran glauben kann, dass innerer Frieden eher da möglich ist, wo Gegensätze
und Verschiedenheiten nicht eingeebnet, ausgemerzt oder begradigt werden
müssen, sondern nebeneinander bestehen bleiben können. Und zwar aus dem tiefen
Vertrauen heraus, dass man diese Gegensätze umgeben und aufgehoben weiß in
etwas Größerem, das alles umschließt. Schaffen wir Christen es nicht, in
dieser Größe und Toleranz zu denken und zu handeln? Angefangen bei ganz
persönlichen Meinungsverschiedenheiten unter so genannten Glaubensbrüdern bis
hin zur großen Aufgabe und Vision der Ökumene? Mir wäre lieber, dieser
ungewohnt freizügige Platz einer Zeitungsseite wäre mehr mit solchen Gedanken
und vertrauensvollen und stärkenden Aussagen gefüllt, als mit ängstlichen
Absicherungsversuchen von Revieren.
Wie die Aufgabe von Menschen sein könnte, die
in ihrer Führungsposition für andere hilfreich sein können, hat so
bestärkend und tiefsinnig der Alt-Bischof von Innsbruck, Reinhold Stecher,
dargelegt. Angesichts eines Wegweisers an einem Bergpfad philosophiert er:
Wegweiser dürfen sich nicht in die Mitte stellen, denn sonst stehen sie im Weg.
Ihr Platz ist neben dem Weg. Dort stehen sie still, aber aufrecht und zeigen so
den suchenden Wanderern den Weg. Was für ein schönes, bescheidenes Wort aus
dem Munde eines Bischofs! Und so etwas bräuchte nicht mal eine ganze Seite in
einer Zeitung! Schade!
Sebastian Sonntag
92224 Amberg
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