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E-Mail von Guido Schwemin an Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller

Theisseil, 03.08.2005 

Sehr geehrter Herr Dr. Müller, 

angesichts der nun schon seit Monaten andauernden, öffentlich ausgetragenen Kontroversen um die Seelsorge und die Seelsorger im Bistum ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen einen -analog zum Hirtenbrief- "Schäfchenbrief" zukommen zu lassen.

Zunächst zu meiner Person: ich habe zwar in Regensburg studiert, doch stand und stehe ich bis dato keiner der dort und im dortigen Umkreis angesiedelten Gruppen nahe (AKR). Auch ist mir die Zeitung Pipeline nur sozusagen virtuell bekannt, reales Lesen war mir bisher nicht möglich.

Meinen Schul- und einen Großteil meines Glaubensweges absolvierte ich vollständig auf dem Bischöflichen Privatgymnasium Marianum Josephinum ihres werten Kollegen - nunmehr Altbischof - Dr. Josef Homeyer in Hildesheim, stets in jeder Beziehung am Domhof, sozusagen.

Dass die katholische Kirche hierarchisch aufgebaut und keine demokratische Angelegenheit ist, dürfte jedem denkenden Gläubigen schon von Kindesbeinen an klar sein. Das ist in nahezu allen anderen Religionen gleich, zumindest nach Erreichen einer gewissen Größe und eines gewissen Alters; ob das der Idee der urchristlichen Gemeinschaft entspricht, bleibt dahingestellt, nehmen wir es aber als Ergebnis einer Jahrhunderte langen Entwicklung als gegeben hin.

Eine hierarchische Ordnung beinhaltet allerdings nicht den Verzicht auf Meinungsfreiheit oder das Verbot der Diskussion abweichender Meinungen, zumindest nicht nach modernem Verständnis selbst einer der hierarchischsten Organisationen, nämlich den Streitkräften. Selbst hier hat sich das Bild vom mündigen Staatsbürger durchgesetzt, auch, weil die Geschichte in vielfältiger Art und Weise zeigte, dass Führung ohne Verständnis und Akzeptanz von Seiten der Geführten über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt ist. Die Reformen im Nachgang des Zweiten Vatikanischen Konzils trugen diesem gewandelten Menschenbild Rechnung.

Die derzeitige Entwicklung im Bistum Regensburg ist jedoch dazu geeignet, diese seit Jahrzehnten laufende langsame Entwicklung in ihr Gegenteil umzukehren und die Kirche in die Zeiten vor dem Reichsdeputationshauptschluss zurückzuführen. Wenn Beschlüsse von Pfarrgremien und Bistumsgremien quasi per herrschaftlichem Federstrich außer Kraft gesetzt beziehungsweise ignoriert werden, eine Meinungsäußerung kritischer Art unterdrückt wird, erinnert das an Metternichsche Verhältnisse. Gerade aus diesem Vergleich sollte man jedoch seine Lehren ziehen, denn eine Autorität, die mit einer Kritik nicht argumentativ, sondern lediglich autoritär umgeht, lässt Rückschlüsse auf die Qualität des führenden Organs zu: entweder ist man intellektuell nicht fähig, der Kritik zu entgegnen und sie argumentativ zu entkräften, oder die Stimmungslage ist insgesamt im Bistum schon so desolat, dass man fürchten muss, mit einem Eingehen auf Kritik Staudämme einzureißen und von daher versucht, mit drakonischen Maßnahmen jeden Abweichler auf Kurs zu bringen.

Unter diese drakonischen Maßnahmen fallen auch die jüngst ausgesprochenen Pensionskürzungen zweier Priester. Jenseits der Aktivitäten der Betroffenen haben sich die Priester durch ihre langjährige Tätigkeit die Pensionsansprüche erworben, sie sind somit ein einklagbares Rechtsgut und dienen der Alterssicherung; mitnichten sind sie Erfolgsprämien für Wohlverhalten und Stillschweigen. Diese Pensionsansprüche nach Gutsherrenart zu kürzen, ist eine weitere Maßnahme, die eher in das zaristische Russland Dostojewskis passt....und zudem die Frage aufwirft, ob die bischöfliche Führung wirklich so einfältig ist zu glauben, dass mit diesen Handlungsweisen der Kritik ein Ende bereitet werden könne.

Vielmehr sind selbige nämlich dazu geeignet, die Position des Menschen in der Kirche zumindest im Bistum Regensburg zu überdenken: Als Laie praktiziert man seinen Glauben, man ist aufgerufen, in der Kirche mitzuarbeiten und sie - wie es auch in jedem Gottesdienst erwähnt wird - auf ihrem Weg durch die Zeit voranzubringen. Nun hängt einem aber spätestens seit der Aufklärung der Glaube nicht wie ein Feuermal unveränderlich an, sondern ist die Freiheit in der Entscheidung eines jeden Christenmenschen. Diese Freiheit beinhaltet auch das Bedürfnis, sich mit anderen Gläubigen und insbesondere auch seinem Seelsorger über die Kirche und den Glauben als solchen auszutauschen. Auch wenn es im Bistum vielleicht nicht gerne gehört wird: Glauben und Denken lassen sich durchaus vereinbaren! Und auch wenn man sich intensiv mit Dogmatik beschäftigt, führt auch dort der Weg zu neuen Erkenntnissen, beziehungsweise überhaupt erstmal zur Einsicht, zwangsläufigerweise über den Austausch von Meinungen in Form einer Diskussion. Indem man eine Diskussion unterdrückt und konträre Meinungen nicht zulässt, sei es von Laien oder Priestern, verfällt man in eine Selbstherrlichkeit, die vielleicht vom kanonischen Recht gedeckt sein mag, aber vom Verlust jeglichen Gespürs für die Befindlichkeit der Gläubigen zeugt. Man stellt sich darüberhinaus auch ein jämmerliches intellektuelles Armutszeugnis aus.

Es entsteht der Eindruck, dass im Bistum nur noch tumbe Jubelkatholiken erwünscht sind, die zum Beispiel am Weltjugendtag nur noch wegen des Eventcharakters teilnehmen und die meinungsmäßig möglichst stromlinienförmig sein sollten, eben leicht zu führen und anspruchslos in der Denkweise.
Dadurch entsteht eine Kirche, die dem Menschen keinen Anhaltspunkt mehr geben kann, sofern er mehr als die absolut rudimentären geistigen Bedürfnisse haben sollte, weil sie von der Wirklichkeit abgenabelt ist und es auch nicht für nötig hält, sich mit dieser auseinanderzusetzen. Ich unterstütze mit jährlich 7.000 Euro Kirchensteuer also ein Bistum, dessen Führung sich mit den Gläubigen nicht in Form von Guter Hirt und Herde auseinandersetzt, sondern augenscheinlich eher eine Art klerikaler und intellektueller Legehennenhaltung bevorzugt.

Wer glaubt, damit denkende Menschen in der Kirche zu halten oder vielleicht sogar hinzugewinnen zu können, irrt sich gewaltig.

Falls meine Stellungnahme als die stille Meinung eines isolierten, verirrten Einzelnen erscheinen mag, seien Sie unbesorgt: der stupide Furor und selbstherrliche Sprachlosigkeit in den bischöflichen Massnahmen der letzten Wochen sind bestens geeignet, auch die eher wenig denkende Masse der Katholiken zu Nachdenken zu bringen.

Guido Schwemin

 

 


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