Home Nach oben Impressum "Pipeline" Ermutigende Texte Kritische Texte Termine Rückblick Links

 

Handschriftlicher Brief von Helmut Schimek, Dingolfing
Abschrift

Helmut Schimek
Egerstraße 4
84130 Dingolfing
Tel. 08731 8291
Dingolfing, den 12. Juli 2005

Sehr geehrter Herr Diözesanbischof Dr. Gerhard Ludwig Müller,

es ist für einen Bischof sehr angenehm, wenn über eine sog. Pastoralreise in der örtlichen Presse positiv - wie vom Sonntagsblatt gewöhnt - berichtet wird. In dem einseitigen Artikel vom Samstag, dem 2. Juli 2005 „Zenit der Säkularisierung ist überschritten“ ist die Rede von einer „frischen Hinwendung zum Glauben“, „der Faszination des Konservativen“, „von Modernitationsvokabeln eines Hans Küng“, „von der Aufbruchsstimmung auf dem Weg zurück zur Einheit der Kirche“, „von verlorenem Schwung der Kampagnen gegen die Person des Bischofs“, „von 800 Neueintritten durch Taufe und Konversionen“, „von Personaldialogen“, „von einer Familie, einem Kreis von Freunden, in dem die Menschen tiefer denken wollen und ihre religiöse Dimensionen stärker betonen“.
Das alles klingt gut für eine Bischof, dem die „Erdung“ verlorengegangen ist und nicht mehr feinsinnig auch hören will, welche Probleme gläubige Christen privat und mit der Amtskirche in unserer Welt und Zeit haben. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass das Fazit in dem oben genannten Artikel lautet: „Menschen im Bistum müssen erst schmerzlich lernen, wer der Bischof ist und was ein Bischof ist.“
Ich als kath. Christ im Bistum Regensburg möchte nicht schmerzlich erfahren wer oder was ein Bischof ist - das habe ich in den letzten 2 Jahren erlebt - sondern ich möchte einen Hirten erleben der sich die Probleme seiner Herde anhört und auf sie menschlich eingeht, konform mit der Lehre Jesu Christi.
Meine Meinung und ein Lösungsvorschlag ist in der Kürzung meines Leserbriefes vom 11.05.05 im Straubinger Tagblatt „Inquisition heute“, den ich beifüge (1). „Sollte ein Bischof nicht einmal in seinem Dom in der hintersten Bank knien, die Gedanken sich durch den Kopf gehen lassen, die Menschen an dieser Stelle haben und sich bewusst sein, dass er ganz vorne, in der Mitte erhöht und in hellem Licht sitzt und die Dunkelheit, in der das Volk Gottes sitzt und kniet, nicht sieht? Dann glaube ich wird es unserem Bischof schwer fallen, dem Lehrer Paul Winkler die Lehrbefugnis zu entziehen, er wird sie ihm auf Lebenszeit gewähren. Das bevorstehende Pfingstfest mit dem Wirken des Hl. Geistes könnte dieses Wunder geschehen lassen!
Dieses Wunder geschah leider nicht, die Inquisition ging und geht weiter. Dabei sollten Sie sich, sehr geehrter Herr Bischof auch einmal vor Augen führen, dass unter dem Vorwand der „reinen Lehre“ von der Amtskirche in den letzten 2000 Jahren wiederholt gefehlt wurde: die Kreuzzüge - die Art und Weise der Christianisierung Latein- und Mittelamerikas - die Amtsführung fürstlicher, selbstherrlicher Päpste (damit Fragen einer wirklichen Succession) - Hexenverbrennungen - Teufelsaustreibungen (die noch immer durch den Vatikan gebilligt, ja gefördert werden) - Dogmen, die zur Machterhaltung und Abgrenzung dienen - päpstliche Verlautbarungen zur Sexualmoral - Einführung des Zölibats - Ausschluss von Frauen für Kirchenämter - Exkommunikationen, die erst nach 500 Jahren zurückgenommen wurden - die Reihe könnte noch beliebig fortgesetzt werden.
Seit Ihrer Amtsübernahme sind es die Menschen Götz - Trimpl - Jilek - Felber - Winkler - Wallner und der „AKR“, „Wir sind Kirche“, „Diözesanrat“, die schmerzlich erfahren mussten und müssen was „reine und unverfälschte Lehre“ bedeutet.
Nun aber zum Thema „Verkündigung und Missio canonica: Auch hier wurde mein beigefügter Leserbrief vom Straubinger Tagblatt um folgende Passage gekürzt (2): „Die Religion ist an den Schulen nicht mehr so zu verkünden wie vor 100 Jahren als man die Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und Teufelsaustreibungen positiv auslegte. Sollte ein Bischof nicht wissen, dass in der Glaubensverkündigung bei Kindern und Jugendlichen viel mehr das persönliche Engagement, die Ausstrahlungskraft, die Wahrhaftigkeit des Lehrenden im Bewusstsein bleiben als Dogmen und päpstliche Verlautbarungen, die nicht mehr ins wirkliche Leben integriert werden können.“
Es wäre sehr heilsam für Sie als Bischof, wenn Sie die täglichen Arbeiten an der Basis immer wieder leisten müssten, dann könnten Sie sich Pastoralbesuche sparen, bei denen Sie die Wirklichkeit nicht sehen können, sondern nur ein „Schaufenster“ zu sehen und zu spüren bekommen.
Ich habe als Leiter eines Förderzentrums hautnah in der täglichen Arbeit erfahren können wo die Probleme bei meinen Kindern und Eltern liegen - eine Erdung fand täglich statt. Die „Missio canonica“ habe ich erworben, habe sowohl in der Volksschule als auch in der Förderschule Religionsunterricht erteilt, habe es immer gerne getan, auch wenn es schwierig war. Meinen Religionslehrern habe ich verstärkt ermöglicht, Fortbildungen auf örtlicher, regionaler und überregionaler Ebene zu besuchen. Ich selbst habe bei Fortbildungen immer Kollegen erlebt, die als Dozenten und als Arbeiter an der Basis die Verkündigung ernst genommen haben, aber gleichzeitig auf Schwierigkeiten eingegangen sind, die im Religionsunterricht heute bestehen. Nie habe ich erlebt, dass ich bei Zweifeln an manchen Vorgaben der Amtskirche als ungläubig, unwissend und ketzerisch abgestempelt oder verurteilt wurde. Verkündigung bedeutete für mich das Abholen der Kinder von dort, wo sie stehen und sie nicht dort abholte, wo sie die Amtskirche gerne haben will, weil sie Realität nicht interessiert.
Ich erinnere mich noch gerne an eine Firmungsfahrt meiner Firmlinge mit Eltern und Kollegen zu Ihrem Vorgänger Bischof Manfred Müller, der uns in seiner Privatkapelle empfing und echt menschlich mit uns umging.
Heute hätte ich Schwierigkeiten beim Erteilen des Religionsunterrichtes in der Diözese Regensburg und einer Amtskirche, die lieber eine Drohbotschaft als eine Frohbotschaft verkünden möchte. Deshalb gebe ich als Pensionist meine „Missio“ in Ihre Hände zurück mit dem Wunsch, die Religionslehrer nicht danach zu beurteilen, wie sie mit amtlichen Verlautbarungen und Verlautbarungen der „Congregatio sancti offici“ nicht mehr umgehen können, weil sie darin nicht immer die Lehre Jesu entdecken können.
Im Bericht des Straubinger Tagblattes heißt es von „Personaldialogen“. Ich persönlich empfinde Ihre Art der Kommunikation mehr als „Personalmonologe“, weil das Recht scheinbar immer auf Ihrer Seite steht - das ist so, basta!
Auch von der „Faszination des Konservativen“ zu sprechen gilt vielleicht nur noch für 10% der Gläubigen, die übrigen 90% reihen sich in die Phalanx der Schweigenden ein, weil ein Auflehnen nur Ärger und keinerlei Veränderungen bringen wird - auch nicht mehr Liebe und Demut im Umgang untereinander.
Der „neue Aufschwung in der Religiosität“, von dem Sie so gerne sprechen, wird bald nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. verklingen, wenn weitere Verlautbarungen von Papst Benedikt XVI. die Gläubigen entmutigen und belehren werden. Ein nicht geahntes Lächeln und Deutsch- oder Bayrisch-sein genügen nicht, die Menschen und Christen in aller Welt mit ihren Problemen zu erreichen.
Sie sprechen auch von „800 Neueintritten“ in der Diözese Regensburg, ein Fragment einer Statistik, die nur vollständig sein kann, wenn Sie auch die Austritte erwähnen und die Stimmung und die Verletzungen wiedergeben, die bei einem Großteil der gläubigen da sind, - wenn sie sich überhaupt noch für kirchliche Angelegenheiten interessieren. Die Berichte in Ihrer Sonntagszeitung, die ich regelmäßig lese, sind für mich keine echten Situations- und Stimmungsbilder der Diözese. Bis dato erschien kein einziger kritischer Artikel oder ein Leserbrief kritischen Inhaltes. Selbstbefriedigung ist im Gegensatz zu Ihrer konservativen Moralethik in diesem Falle keine schwere Sünde.
Probleme, wie die große Anzahl der Heiligsprechungen, die Einleitung der Seligsprechung Papst Pius XII und der Therese von Konnersreuth, die angebliche Euphorie im Wallfahrtswesen als Zeugnis des Glaubens, stehen ganz im Gegensatz zur Beurteilung der Frau in der Amtskirche und sind meiner Meinung nach eine Ablenkung von echten Problemen der Gläubigen, die jetzt und heute leben. Sie tragen auch dazu bei mehr das Trennende als das Gemeinsame unter den christlichen Kirchen hervorzuheben.
Fragen der Sexualmoral, die Frauenproblematik, der Zölibat usw. usw. werden nicht wirklich angegangen, weil soviel Dunkles und eine Menge Doppelmoral an den Tag befördert würden. Diese Dinge kehrt die Amtskirche lieber unter den Teppich und verhüllt sie mit Schweigen.
Vielleicht sollten Sie als Bischof bei Ihren dogmatischen Überlegungen mit einbeziehen, dass die Kurie und die Amtskirche in verschiedenen Zeiten gerne dem Zeitgeist nachgingen, wenn er dazu beitrug, die Machterhaltung und Machterweiterung zu fördern.
Weil Sie auch ein begeisterter Freund polnischer Religiosität sind, darf ich Sie fragen: Glauben Sie wirklich, dass die große Anzahl von Priestern und Priesterkandidaten aus diesem Lande ein Ausfluss tiefer Religiosität und der Berufung ist? Sollten wirklich noch mehrere Klöster unter polnische Führung gestellt werden?
Vielleicht schließen Sie auch in Ihre Glaubensüberlegungen ein, dass die Wahl des Papstes Benedikt XVI. doch ein Fingerzeit des Hl. Geistes war, um einen neuen Leiter der Glaubenskongregation zu haben und ihn in der neuen Aufgabe dazu zwingt oder leise anstößt, wieder mehr den Christen als Person mit seinen Ängsten und Problemen und Schwierigkeiten an der Basis zu sehen. Dann wäre die Wahl eine gute Wahl auch für unsere Diözese gewesen.
Menschen wie Küng, Drewermann und Heinemann, um nur deutschsprachige zu nennen, sind doch auch Lehrer der Kirche Jesu Christi und fegen nicht mit eisernen Besen die Kirche leer - ein Fegen, das momentan in der Diözese passiert, vielleicht bis die „reine Lehre“ leere Kirchen antrifft. Als Hüter der reinen Lehre und Dogmatiker haben Sie in den 2 Jahren Ihrer Herrschaft schon zu viele Menschen an den Pranger gestellt und ausgegrenzt.
Ich für meine Person habe nicht als Antichrist und Ungläubiger vor Ihrer Zeit in der Diözese gewirkt: war Ministrant, eifriger Kirchgänger, Vorbeter und Vorsänger, Vorsitzender der Studentengruppe der KEG in München, Mitarbeiter in der kath. Elternschaft, Religionslehrer mit der Missio, ehem. Betreuer einer Kindergruppe in der Pfarrei, langjähriger Besuchsdienst im pfarreinahen Bürgerheim, Sänger im Kirchenchor, Mitglied des Pfarrgemeinde- und Dekanatsrates, Schulleiter eines Förderzentrums, das christliche Werte gepflegt hat, Vorbereiter von Schulgottesdiensten und sehe mich plötzliche in einer Position, als würde ich an einen anderen Jesus glauben als Sie.
Ein kleines „mea culpa“ ihrerseits könnte dem Frieden in der Diözese sehr gut tun und würde das Wirken des Hl. Geistes sichtbar und fühlbar machen.
In diesem Sinne grüße ich Sie sehr herzlich als Christ in der Diözese Regensburg - und sollte ich als schwarzes Schaf gelten, so nehme ich gerne das Evangelium vom guten Hirten in Anspruch.

Helmut Schimek
Förderschuldirektor im Ruhestand

Anlagen: Missio canonica, Dienstliche Beurteilung, 2 Zeitungsberichte von Vorträgen

 

 


Mail an den AKR