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Der neue Tag 09.06.2004

Wahrheit und Wahrhaftigkeit in Regensburg
Kommentar von Martin Staffe

Man muss kein Prophet sein: Andreas Schlagenhaufer wird auch in einigen Tagen nicht dem kritischen, reformorientierten Aktionskreis Regensburg, in dem er seit 35 Jahren exponiert mitarbeitet, den Rücken kehren. Der "Rebell", der sich schon zu WAA-Zeiten nicht von der Obrigkeit einschüchern ließ, weil er sich vor allem seinem Gewissen verpflichtet fühlt, wird sich auch nicht bei seinem Oberhirten entschuldigen. Die eindrucksvolle Solidaritäts-Demonstration von rund 200 Kohlbergern für ihren Seelsorger am Montagabend dürfte ihn in seiner hartnäckigen Haltung nur bestärken.

Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller wiederum wird wohl seine harte, konsequente Linie gegen den unbequemen Kohlberger Pfarrer beibehalten. Auch wenn gestern in der Ordinariatskonferenz noch keine Entscheidung gefallen ist: Aufgehoben ist nicht aufgeschoben. Es wird nicht lange dauern, und der Diözesanbischof wird seine Strafmaßnahmen vermelden lassen. Hoffentlich sind nicht die Menschen in Kohlberg die Leidtragenden.

Dass der Bischof am Montag und dann erneut am Dienstag noch einmal den Regionaldekan beauftragt hat, Pfarrer Schlagenhaufer doch noch zum Einlenken zu bewegen, war wohl nicht mehr als ein taktischer Schachzug. So können die Regensburger behaupten, nichts unversucht gelassen zu haben, und verlieren ihr Gesicht nicht.

Um ihre Ziele durchzusetzen, sind dem Ordinariat inzwischen offenbar viele Mittel recht. So rief der Generalvikar am Montag beim Landrat in Neustadt an und bat diesen, den Kohlberger Bürgermeister Karl Prösl darauf hinzuweisen, dass er sich bei der Demonstration am Abend in Regensburg neutral zu verhalten habe und nicht als Bürgermeister auftreten dürfe. Ansonsten müsse das Ordinariat ein Dienstaufsichtsverfahren gegen ihn einleiten. Prösl ließ das Landratsamt wissen, er protestiere als Privatmann.

Oder: Am Sonntag verlas Gegenfurtner im Gottesdienst in Weiherhammer, wo gegen den Ortspfarrer staatsanwaltschaftliche Ermittungen wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch laufen, eine Stellungnahme des Bischöflichen Ordinariats. Da war von "berechtigten Vermutungen" die Rede,
"warum gerade jetzt und zu diesem Zeitpunkt diese internen Ermittlungen und sensiblen Vorgänge der Presse zugespielt wurden. Die damit verfolgte Taktik, aus ganz anderen Interessen den Vorfall ohne Rücksicht auf die Betroffenen zu instrumentalisieren, ist unanständig."

Damit sollte wohl die Nachbargemeinde Kohlberg mit Pfarrer Schlagenhaufer gemeint sein. Hier Schlagenhaufer oder jemand anderem aus der Gemeinde zu unterstellen, sie hätten den Bericht über den Geistlichen in Weiherhammer in unserer Zeitung lanciert, ist wirklich mehr als unanständig.

Ein weiteres Beispiel: In der Presseverlautbarung am Montag war von einem Fax an den Weihejahrgang 1969 zu lesen, in dem der Bischof auch die Studienkollegen Schlagenhaufers bittet, "das Ihnen Mögliche zu tun", um ihn zum Einlenken zu bewegen. Sollte da der Eindruck suggeriert werden, der Bischof lasse nichts unversucht, um eine gütliche Einigung zu erzielen? Kein Wort davon, dass sieben Priester dieses Weihejahrgangs wenige Stunden vorher schriftlich beim Bischof gegen sein Vorgehen protestiert hatten. "Ist es nicht schlimmer, wenn nur ,Dienst nach Vorschrift' oder der bequeme Weg ,blinden Gehorsams' unseren Dienst prägen?", fragten sie ihren Chef. Sie könnten es jedenfalls nicht tatenlos hinnehmen, wenn ihr Kurskollege, dem vorgeworfen werde, was viele andere schon gedacht hätten oder dächten, aus dem priesterlichen Dienst entlassen würde.

Der Verfasser dieses Schreibens erhielt am Montagabend, direkt nach der Demonstration der Kohlberger, einen Anruf aus dem Ordinariat. Sowohl der Bischof als auch der Generalvikar lasen ihm die Leviten. Von Einschüchterung war die Rede.

Alle Menschen guten Willens müssen sich jeden Tag um Wahrheit und Wahrhaftigkeit bemühen. Auch oder gerade für ein Bischöfliches Ordinariat gilt dieser hehre Anspruch.

 

 

 


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