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Straubinger Tagblatt 5.6.2004
KOMMENTAR
Macht ohne GNADE
Es geschieht manchmal Merkwürdiges in der katholischen Amtskirche. Und es begeben sich Ereignisse, die den freien Christenmenschen ziemlich hernehmen, durchaus wütend machen, oder auch traurig, betroffen oder besorgt. Keinesfalls lassen sie ihn kalt. Das nicht, nein, wahrlich bei Gott nicht. Und das darf auch nicht sein.
Zwei nicht mindere Beispiele mögen diese Ansicht verdeutlichen. Da ist zum einen die im April ergangene Vatikan-Instruktion
„Redemptionis Sacramentum" (Sakrament der Erlösung) zu Liturgie und Gottesdienstgestaltung, deren tiefer
Hintersinn in ihren Maßregelungen und stringenten Weisungen nicht anders gedeutet werden kann als ein vatikanischer Disziplinierungsversuch der locker und allzu selbstständig und selbstsicher gewordenen Reihen von Klerus und Kirchenvolk.
Befehl und Gehorsam, Demut und Unterwerfung - die über Jahrhunderte erprobten Prinzipien und Muster der römisch-katholischen Macht über Menschen und Meinungen werden wieder sichtbar.
In ihrer maßlosen Forderung, unbotmäßige Priester und Gläubige, die sich bei Abendmahl und
Liturgie nicht penibel dem vatikanischen Verhaltens- und Moralkodex unterwerfen, an vorgesetzte Kirchenstellen zu melden, also zu verpfeifen, ist diese Instruktion ebenso verräterisch wie bestürzend. Zynischer
Erlass einer Institution, die des Menschen Glaube, Hoffnung, Liebe, seinen göttlichen Wesenskern, über alles andere zu stellen vorgibt, verkündigt, lehrt.
Denunziation und Bespitzelung sind hervorstechendes Merkmal von Diktaturen und Terrorsystemen, im Deutschland des 20. Jahrhunderts zweimal exorbitant und menschenverachtend praktiziert, unter Hitler und unter Honecker. Der größte Lump im ganzen Land, ist und bleibt der Denunziant...
Die zweite Merkwürdigkeit ist der stringente Amtsstil des Bischofs von Regensburg. Zwar heißt Gerhard Ludwig mit Nachnamen wie sein Amtsvorgänger, Müller, hat mit dem umgänglichen, populären, in konkreten Glaubens- und allgemeinen Kirchenfragen aber doch so konsequenten Volksbischof Manfred ansonsten nichts gemein. In
Gerhard Ludwig erkennt der Beobachter ungleich mehr den Oberbefehlshaber des Bistums"
als den Ersten Diener der Diözese, mehr den Kirchenfürsten als den geistlichen Führer. Befehl und Gehorsam, Demut und Unterwerfung...
Die kritische Boshaftigkeit einer Karikatur - sie ist der Auslöser des aktuellen Konflikts des Bischofs mit den Seelsorgern Schlagenhaufer und Trimpl - haben Machthaber aus Staat oder Kirche noch nie ertragen können. Diese subtile literarische Form der Kritik könnte in ihrer
diffusen Unkontrollierbarkeit allzu menschliche Schwächen bloßlegen, die Fundamente der Macht-Autorität untergraben. Das wäre doch etwas Unerhörtes. Rebellion.
Nicht jeder, gewiss, kann ein biblischer Jesus sein, der die Prüfungen des Gewissens und der Toleranz in
der souveränen Großmütigkeit des Erlösers parieren würde, so etwa: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.
Befehl, Gehorsam, Unterwerfung, das ist der Kitt,
der den römisch-vatikanischen Machtapparat bis in die
letzten Winkel der Welt zusammenhält (es mache niemand den zwecklosen Versuch, der Organisation römisch-katholische Kirche demokratische Strukturen im staatspolitischen Sinne zugestehen zu wollen
- Religion und Mitbestimmung schließen sich im Wesenskern aus). Das sind dann aber nicht die
jesuanischen Heilsgedanken von Erlösung, Versöhnung, Güte, Friedfertigkeit und Liebe, wie sie das Evangelium verkündet.
Nach den heftigen Konflikten, die wir in seiner kurzen Amtszeit schon
erlebten, nach allem auch, was aus
den einschlägigen Zirkeln der Bistumskirche dringt, wird es unter diesem Bischof nicht leicht werden,
die Frohbotschaft des Evangeliums auch lustvoll erleben zu dürfen. Da wird noch mancher bittere Wein den
Freudenbecher verderben.
Das ist bedauerlich, aber weder tragisch noch unheilvoll. Der freie Christenmensch braucht zu seiner Erlösung nur Gott. Das ist der Trost und die biblische Gewissheit, dass es eine Religion und eine befreiende Frohbotschaft auch jenseits bischöflich-amtskirchlicher
Machtstrukturen gibt.
Bernhard Stuhlfeiner
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