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Artikel aus "Kirche
In" (Juli 2004)
Aufräumarbeiten
Der "SuperDyba" von Regensburg,
Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller, kann sich jetzt noch einer anderen, wenig
schmeichelhaften Charakterisierung "erfreuen": "Bischof mit
Guillotine" oder "Kopf-ab-Müller". Dies hat er den von ihm für
notwendig gehaltenen Aufräumarbeiten in seinem Bistum, dem er seit November
2002 vorsteht, zu verdanken. Vor allem aber einer Karikatur des 82-jährigen
Gerhard Schmidt aus Cham in der Oberpfalz.
Ein Bericht von NORBERT STAHL
Der auch unter dem Künstlernamen "Hupferl" bekannte Zeichner hatte in
der Zeitschrift "Pipeline" des Aktionskreises Regensburg (AKR), einer
Gruppe reformfreudiger Priester und Laien, den Bischof aufgespießt. Seine
Karikatur zeigt Müller vor einer Guillotine, vor der noch die Pantoffeln des
letzten Hingerichteten stehen. Darunter steht: "Der Nächste bitte!"
Erschienen war die Zeichnung auf dem Titelbild von "Pipeline".
Karikaturist Schmidt, der in seiner
Heimatpfarre "St. Josef" in Cham zwei Perioden
Gemeinderatsvorsitzender war, hatte es geschmerzt, wie Bischof Müller mit dem
Diözesanratsmitglied Dr. Johannes Grabmeier, dem gewählten Mitglied eines
Laiengremiums verfahren war. Grabmeier, der der "Wir sind Kirche
Bewegung" nahe steht, war (Kl 9/03) nach einem Disput mit dem Bischof von
diesem vorübergehend seiner Ämter enthoben worden. Zu einer Verständigung kam
es erst, nachdem es massive Proteste gegen das Vorgehen Müllers gegeben hatte.
Unter anderem schaltete sich der Präsident des Zentralkomitees der deutschen
Katholiken (ZdK), Prof. Hans Joachim Meyer, in die Sache ein.
Aber es blieb nicht bei diesem Fall, der ein
erster Test für die Lernfähigkeit des Bischofs war. Gerhard Schmidt, einer der
zornigen alten Männer in der Kirche, was ihn mit so herausragenden Theologen
wie dem verstorbenen Heinrich Fries oder Hans Küng verbindet, hat zwar
bedauert, dass er Müller mit seiner Karikatur gekränkt hat, versichert aber
gleichzeitig: "Jeder muss mit seinem Gott auskommen. Nicht mit seinem
Bischof." Als Katholik sei er betroffen, so Schmidt, wie weit die Kirche
oft vom Auftrag des Evangeliums abweiche. "Stellenweise verwandelt sich
dieser Schmerz in Zorn." Zur Milderung dieses Zorns wählte der Zeichner
den Weg der Karikatur.
"Propagandistische Fehlgriffe"
Der "Bischof mit der Guillotine" schlug nun erneut zu. Ultimativ
forderte er die beiden Priester Andreas Schlagenhaufer aus dem oberpfälzischen
Kohlberg und Hans Trimpl aus dem niederbayerischen Bogen-Oberalteich, beide in
Nähe der Pensionsgrenze, auf, sich bis zum 7. Juni für die Karikatur zu
entschuldigen und aus dem "Aktionskreis Regensburg" auszutreten.
Dieser war im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils entstanden und bemüht
sich seither, dessen Geist wach zu halten.
Der stellvertretende Sprecher des Bistums
Regensburg, Philip Hockerts, kommentierte die Karikatur mit den Worten:
"Ein Mordwerkzeug, mit dem in diktatorischen Staaten, vom Frankreich
Robespierres über den Nationalsozialismus bis heute Menschen brutal ermordet
wurden, eignet sich nicht für eine karikierende Illustration eines kirchlichen
Würdenträgers."
Derartige "propagandistische
Fehlgriffe" würden der im Weiheversprechen gelobten "Ehrfurcht
gegenüber dem Bischof" keineswegs gerecht. Sie stellten zudem ein
Ärgernis für viele Gläubige dar. Für den Bischof sei es nicht hinnehmbar,
dass eine Publikation wie "Pipeline" von Priestern verantwortet werde.
Hopfen und Malz verloren
Die beiden Guillotine-gefährdeten Priester hatten zwar auf Druck Müllers
und seiner Administration ihre Namen im Impressum der AKR-Publikation
durchstreichen lassen, sie waren jedoch noch lesbar - zum Ärger des Bischofs.
Aber es geht nicht nur um die inkriminierte Karikatur und übrigens noch weitere
Zeichnungen. In "Pipeline" wird auch in Wortbeiträgen (spezieller
Klerikerhumor?) in Kabarettistenmanier die Kirche immer wieder aufs Korn
genommen. So wurde ein Gottesdienst vom vergangenen Jahr zu Ehren des inzwischen
verstorbenen Weihbischofs Karl Flügel zerpflückt, die Predigt des Bischofs als
"längster Teil der Feier" gewertet und Generalvikar Wilhelm
Gegenfurtner (der bei den Aufräumarbeiten eine nicht geringe Rolle spielt) als
"Flügelführer" tituliert, weil er den hochbetagten Weihbischof
stützte.
Unter der Rubrik "Hintergründiges"
war über den Besuch einer Regensburger Brauerei-Abordnung bei Kurienkardinal
Ratzinger gewitzelt worden: "Die Idee für diesen Besuch reifte wohl in der
Erkenntnis, dass im Vatikan Hopfen und Malz verloren sind."
Das Ultimatum Bischof Müllers - nach mehreren
gescheiterten Gesprächen, zu denen der Oberhirte nach Regensburg geladen hatte
- traf die Priester Schlagenhaufer und Trimpl offenbar unvorbereitet.
Die Bischöfliche Pressestelle verarbeitete die
Nachricht vom Ultimatum, wie es heißt, aus Ärger darüber, dass sich
Schlagenhaufer und Trimpl Hilfe suchend an den Apostolischen Nuntius in Berlin
gewandt hatten. Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal
Karl Lehmann sowie der Vorsitzende der Freisinger Bischofskonferenz, Kardinal
Friedrich Wetter, wurden angeschrieben.
Pipeline: Zeichen des Aufbruchs
"Es hat mich überrascht, dass man damit an die Öffentlichkeit
geht", sagte Schlagenhaufer. Die "Pipeline" sei in den 60er
Jahren als Zeichen des Aufbruchs in der Kirche erstmals publiziert worden.
"Unser Gedankenaustausch sollte wie Öl in der ‚Pipeline' fließen".
Die Kirche sei weltumfassend. "Es gibt unterschiedliche Strömungen".
Da müsse eine Bandbreite von Ideen erlaubt sein. "Ich habe keine Lust am
Streiten", sagt der 62jährige, "aber nichts zu sagen, geht auch
nicht".
Den beiden Pfarrern wurde nicht nur ein Ultimatum gestellt, das Bischof Müller
dann verstreichen ließ. Bistumssprecher Hockerts drohte unmissverständlich
auch damit, den Priestern das Amt zu entziehen, was das Kirchenrecht
ermögliche, oder sie in die Frühpensionierung zu schicken.
Die Auseinandersetzung eskalierte, als
Schlagenhaufer und Trimpl zu einer Pressemitteilung des Domdekans und Offizials
der Diözese Regensburg, Dr. Hopfner, ihrerseits öffentlich Stellung nahmen. Es
seien ihnen von Bischof Müller und seiner Verwaltung "jahrelange
kirchenschädigende und Papst und Bischöfe verunglimpfende Äußerungen",
"Schmähung, Beleidigungen und Hasstiraden" gegen Bischof Müller
vorgehalten worden. Der habe außerdem sinngemäß geäußert: "Diese
Agitationen sind noch schlimmer als die seinerzeitigen Nazi-Aktionen gegen
Kirche und Bischöfe." Die Pfarrer wiesen diese Anschuldigungen mit
Nachdruck zurück. Wiederholt hätten sie den Bischof gebeten, seine
Anschuldigungen zu belegen, was aber nicht geschehen sei. Keiner der Vorgänger
von Bischof Gerhard Ludwig, die Bischöfe Manfred Müller und Rudolf Graber,
habe sie je mit vergleichbaren Anschuldigungen konfrontiert. Der AKR sei, so
heißt es in der Pressemitteilung, weder "kirchenschädigend" noch
stelle er das Lehramt in der Kirche in Frage. "Wir erleben im Gegenteil
eine Gruppe von Menschen, die sich für die Kirche sehr einsetzen, weil sie die
Kirche lieben."
Gegenoffensive
Schließlich gingen die bedrohten Pfarrer in die Gegenoffensive, indem sie
Müller Verstöße gegen dienstliche Vertraulichkeit vorhielten.
"Wiederholt hat Bischof Dr. Gerhard Müller vertrauliche dienstliche
Informationen sowie Protokolle von Dienstgesprächen mit uns an Dritte
weitergegeben und veröffentlicht, und zwar ohne unser Wissen und ohne unsere
Zustimmung. Die betreffenden Protokolle waren uns selbst noch nicht einmal
bekannt. Dies stellt einen schwerwiegenden Verstoß gegen die gebotene
dienstliche Vertraulichkeit und Verschwiegenheit dar. Weder in der
Privatwirtschaft noch im öffentlichen Dienst könnte sich ein Vorgesetzter so
etwas erlauben, ohne rechtliche Folgen fürchten zu müssen. Wir halten fest:
Wie jeder Staatsbürger, so untersteht auch ein Bischof unserer Kirche der
rechtsstaatlichen Ordnung unseres Landes."
Die beiden Pfarrer halten es nicht für
ausgeschlossen, dass sie wegen Verleumdungen und übler Nachrede seitens des
Bischofs notfalls weltliche Gerichte anrufen werden. Sie betonten auch,
wiederholt hätten sie Müller darauf aufmerksam gemacht, "dass wir zu
unserem Gehorsamsversprechen stehen und dies nicht in Frage stellen lassen. Für
Willkürlichkeiten und für Konsequenzen aus wahrheitswidrigen Anschuldigungen
aber lassen wir uns keinen Gehorsam abverlangen".
Unterstützung erhielten Schlagenhaufer und
Trimpl u. a. von der "Arbeitsgemeinschaft von Priester- und
Solidaritätsgruppen in Deutschland" (AGP), die an den Regensburger Bischof
appellierten, er solle an den Priestern kein Exempel statuieren, um seine Macht
zu demonstrieren. Müllers Verhalten sei ein Affront, er trage Unruhe in die
Kirchengemeinden.
Mehrere hundert Menschen versammelten sich vor
dem Regensburger Dom, um ihre Solidarität mit den Pfarrern zu bekunden.
Generalvikar Gegenfurtner, der eine Resolution entgegennahm und dabei sagte, er
hoffe, dass die beiden Pfarrer einlenkten, wurde ausgebuht und ausgepfiffen. Auf
Transparenten warfen die Demonstranten Müller einen "Rückfall ins
Mittelalter" und "Machtmissbrauch" vor. "Bischof werden ist
nicht schwer, Pfarrer sein dagegen sehr", stand auf einem Plakat.
Allein aus Kohlberg waren vier Reisebusse
gekommen. Eine Delegation aus dem 1200-Einwohner-Ort hatte im Ordinariat 763
Unterschriften gegen eine andere Maßnahme der Bistumsleitung abgegeben: Die
Kohlberger feiern seit zehn Jahren beim Dorf fest einen ökumenischen
Sonntagsgottesdienst. Der wurde nun verboten. "Andere fangen ihr Fest mit
einem Bieranstich an. Wir wollen Gottesdienst feiern und dürfen nicht", so
Kohlbergs Bürgermeister Prösl, ein weiteres Opfer der Aufräumarbeiten. In dem
Ort hatte es früher erhebliche Spannungen zwischen Protestenten und Katholiken
gegeben.
Nicht nur in der Berichterstattung der Medien
fand der Streit einen lebhaften Niederschlag, sondern auch in den
Leserbriefspalten.
Volkes Stimme: "Mit Wut und völligem
Unverständnis nehme ich zur Kenntnis, dass anscheinend die 'Inquisition' in
Form des neuen Bischofs Dr. Gerhard Müller einschließlich seines Generalvikars
Dr. Wilhelm Gegenfurtner fröhliche Urständ feiert". - "Wenn es in
unserer Zeit nicht mehr möglich ist, aufrecht seine Meinung zu sagen, so
verstößt dies vielleicht gegen das Kirchenrecht, aber nicht gegen die
grundgesetzlich zugestandene Freiheit der Meinungsäußerung. Insofern
verstößt die katholische Kirche laufend gegen das Grundgesetz." -
"Woher wissen die Dogmatiker und Hardliner der Kirche, dass Jesus eine
Kirche wollte, in der nicht der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Problemen im
Mittelpunkt steht, sondern Dogmen, Verlautbarungen, festgefahrene Strukturen und
der Machterhalt federführend sind." - "Ich kenne Jesus aus der Bibel,
dass er sich um Menschliches, Frauen, Kinder, Gestrandete, Benachteiligte,
Behinderte angenommen hat. Ob er wohl wollte und will, dass viele seiner
jetzigen Kirchenführer mit eisernen, lieblosen Besen die Kirchen leer
fegen?"
Angesichts der entstandenen Lage verlangte
Müller von den Regionaldekanen, mit Schlagenhaufer und Trimpl zu sprechen und
sie "zum Einlenken" zu bewegen. Ein Gerichtsverfahren wäre auch das
Letzte, das sich der Bischof leisten könnte. Allerdings hatte Müller erst
kürzlich erklärt, die beiden Pfarrer seien "Wölfe im Schafspelz"
und sie sollten nicht glauben, dass sie ungeschoren davon kämen.
Nach Auskunft der Regensburger
Kirchenrechtlerin Sabine Demel müsste der Bischof für ein erfolgreiches
Amtsenthebungsverfahren nachweisen, dass die Priester rechtlich und
"tatsächlich" gegen die Lehre, Sitte oder kirchliche Disziplin
verstoßen haben. Demel, die sich durch besondere Offenheit und
Auskunftsfreudigkeit auszeichnet, könnte, wie gemutmaßt wird, die nächste
sein, die zum "Schafott" gebeten werde. Aus Regensburger
Nachbardiözesen ist zu hören, dass diese in einem halben Jahr ruiniert wären,
wenn dort ein Bischof ähnlich wie Gerhard Ludwig Müller mit eisernem Besen
kehren würde.
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